HBF-Chef hat kein Verständnis für BVB-Vorwürfe: „Titelvergabe nicht logisch“

BVB-Handball-Frauen

Die Entscheidung, den Meistertitel in der Handball Bundesliga Frauen nicht zu vergeben, ist für den Tabellenersten BVB nicht nachvollziehbar. Für HBF-Chef Andreas Thiel ist sie dagegen logisch.

Dortmund

, 23.04.2020, 10:58 Uhr / Lesedauer: 4 min
Andreas Heiermann, Abteilungsleiter der BVB-Handball-Frauen, hat für die Entscheidung der HBF, den Meistertitel nicht zu vergeben, kein Verständnis.

Andreas Heiermann, Abteilungsleiter der BVB-Handball-Frauen, hat für die Entscheidung der HBF, den Meistertitel nicht zu vergeben, kein Verständnis. © Guido Kirchner

Auch am Tag danach ist man beim BVB 09 noch immer fassungslos. „Ich habe beschissen geschlafen“, sagt Andreas Heiermann am Mittwochmittag. Einen Tag, nachdem die Handball Bundesliga Frauen (HBF) entschieden hat, dass Borussias Handballerinnen zwar offiziell Tabellenerster und auch deutscher Champions-League-Teilnehmer sind – aber eben kein Deutscher Meister.

Nachdem der DHB am Dienstag entschieden hatte, die Spielzeiten nach der Quotientenregel zu werten, hatte sich die HBF dazu entschlossen, keinen Meister zu ernennen. Die Handball Bundesliga (HBL) der Männer dagegen schon. Der THW Kiel ist offiziell zum 21. Mal Deutscher Meister. Acht Spieltage standen noch aus, unter anderem hätten die Kieler (44:8 Punkte) noch beim Tabellenzweiten Flensburg (42:12) rangemusst. Ähnlich sieht es in der HBF aus, in der ebenfalls noch acht Spieltage ausstanden, Ligaprimus BVB (34:2) hatte noch das Auswärtsspiel in Bietigheim (33:3) vor sich. Den laut DHB-Präsident Andreas Michelmann „gemeinsamen Weg“, der im deutschen Handball mit der Quotientenregel beschritten wurde, hat die HBF damit in puncto Meisterfrage verlassen. Ob das gerecht ist, ist die eine Frage. Warum diese unterschiedliche Wertung möglich ist, die andere.

„Der Bundesratsbeschluss“, erklärt Andreas Thiel gegenüber dieser Redaktion, „stelle für jeden der Verbände nur eine Empfehlung dar. „Und“, so der Vorstandsvorsitzende der HBF weiter, „ich habe da nirgendwo gelesen, dass ich einen Meister benennen muss.“ Selbst wenn diese Empfehlung dort enthalten gewesen wäre, so stehe es jedem für seinen Spielbetrieb zuständigen Verband frei, eigene Entscheidungen zu treffen, stellt Thiel klar. Und er muss es wissen. Denn der Ex-Nationalspieler ist nicht nur Chef der HBF, nein, der 60-Jährige ist außerdem Vizepräsident im Präsidium des DHB.

Die HBF ist nicht die einzige europäische Liga, die keinen Meistertitel vergibt

So viel zum Thema der Rechtmäßigkeit. Aber warum hat sich die HBF letztendlich dagegen entschieden, den BVB zum Meister zu machen? „Wenn wir niemanden absteigen lassen, weil jeder noch rechnerisch den Klassenerhalt erreichen kann, dann ist es für mich einfach nicht logisch, einen Meister zu küren, wenn rein rechnerisch noch drei Vereine (BVB, Bietigheim, Metzingen, Anm. d. Red.) in der Lage waren, Deutscher Meister zu werden.“ Auch an dieser Argumentation ist rein objektiv betrachtet erstmal nichts auszusetzen, aber: Ist dann die Entscheidung der HBL, den THW Kiel zum Deutschen Meister zu machen, aus Thiels Sicht unlogisch? „Als angestellter Justiziar der HBL GmbH will ich auf diese Frage nicht antworten.“

Der HBF-Vorstandvorsitzende hätte die Saison am liebsten komplett annulliert. Den Meistertiel nach der Saisonwertung mittels der Quotientenregel nicht zu vergeben, hält Andreas Thiel für logisch.

Der HBF-Vorstandvorsitzende hätte die Saison am liebsten komplett annulliert. Den Meistertiel nach der Saisonwertung mittels der Quotientenregel nicht zu vergeben, hält Andreas Thiel für logisch. © picture alliance/dpa

Ich habe nirgendwo gelesen, dass ich einen Meister benennen muss.
Andreas Thiel, Vorstandsvorsitzender der HBF

Die HBF stehe mit ihrer Entscheidung europaweit übrigens nicht alleine da, erklärt Thiel und spielt auf die Entscheidung in der französischen Division 1 der Frauen an. Auch hier wurde kein Meister ernannt, Brest Bretagne und Metz stehen punktgleich auf dem ersten Platz. Andreas Heiermann stellt dagegen die dänische Vorgehensweise: „Da wurde es so gemacht, dass der Tabellenführer Meister ist“, erklärt der Abteilungsvorstand der BVB-Handballerinnen, der die Entscheidung der HBF für „äußerst dumm“ hält.

Für eine ganz andere Variante hat sich die ungarische Frauenliga entschieden. Dort wurde die Saison komplett annulliert, für die Vergabe der internationalen Plätze wurde der juristische Stand der Vorsaison genommen. Eine Variante, die auch Torsten Nick sich gewünscht hätte. Der Geschäftsführer des HBF-Zweitplatzierten SG BBM Bietigheim akzeptiert die Entscheidung der HBF aber trotzdem – auch, was das Thema Meistertitel angeht. „Ich gönne grundlegend jedem Team den Titel, welches es sportlich verdient hat“, sagt Nick und spielt dann auf das noch ausstehende Topspiel zwischen Bietigheim und dem BVB an.

BVB-Abteilungsvorstand Andreas Heiermann spricht von „absolut unfairer Behandlung“

„Klar, ich kann verstehen, dass die Dortmunder zu gerne ihren ersten Meistertitel gehabt hätten, das kann man subjektiv nachvollziehen. Aber wenn man den Sachverhalt objektiv betrachtet, insbesondere vor dem Hintergrund, dass es bei uns noch das Rückspiel gegeben hätte, dann kann ich nicht nachvollziehen, wie man so tun kann, als wäre das eine absolut unfaire Behandlung.“ Und noch eine Meinung hat Nick: „Wie man in diesem Kontext auf Diskriminierung kommt, das muss man mir mal erklären“, sagt der Bietigheimer Geschäftsführer und spielt damit auf die Aussage von BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball an, der von „Anzeichen einer Diskriminierung“ gesprochen hatte. Die SG Bietigheim fühle sich auf jeden Fall nicht diskriminiert, sagt Nick.

Torsten Nick, Geschäftsführer der SG Bietigheim, versteht die Diskriminierungs-Vorwürfe seitens des BVB nicht.

Torsten Nick, Geschäftsführer der SG Bietigheim, versteht die Diskriminierungs-Vorwürfe seitens des BVB nicht. © imago images / Pressefoto Baumann

Einer, der natürlich eine Antwort darauf hat, ist Andreas Heiermann. „Wenn man bei den Männern einen Meister kürt und bei den Frauen nicht, dann habe ich da unterschiedliche Wertschätzungen der Sache. Und wenn ich die habe, zu Lasten der Damen, dann habe ich da eine Diskriminierung von Frauen“, sagt Heiermann, die Wertschätzung dem BVB gegenüber sei „peinlich“. Andreas Thiel ist anderer Meinung. „Ich schätze Herrn Dr. Rauball sehr, ich schätze sehr, dass er sich für seine unselbstständige Fachabteilung Handball in dieser Form einsetzt, ich verstehe auch Emotionen. Aber ich bin Vater von drei Töchtern, ich trainiere seit 20 Jahren Frauen, mir vorzuwerfen, ich diskriminiere Frauen, ist abwegig“, stellt der HBF-Chef klar, der die Spielzeiten bundesweit übrigens am liebsten komplett annulliert hätte.

„Das ging aber leider nicht, weil die Grundlagenverträge der Männer und Frauen einen zwingenden Aufstieg aus den 3. Ligen in den HBF- und HBL-Bereich vorsehen“, so Thiel. Apropos 3. Liga, auch bei diesem Thema kritisiert Heiermann, dessen zweite Mannschaft in Liga drei punktgleich mit schlechterem Torverhältnis hinter Spitzenreiter Aldekerk stand, Andreas Thiel. „Aldekerk“, betont der Abteilungsvorstand, „ist nur wegen des besseren Torverhältnisses Meister – und wir hätten noch gegeneinander gespielt.“ Dazu würden vom BVB in diesem Jahr sieben Jugendspielerinnen, die in Dortmund ausgebildet wurden, zu anderen Bundesliga-Vereinen wechseln. Der BVB habe diese Saison „die beste Arbeit von allen Bundesligisten“ geleistet. „Das ist die Arbeit von fünf, sechs Jahren“, so Heiermann.

Bietigheim-Geschäftsführer Torsten Nick zweifelt an der Durchführbarkeit der internationalen Wettbewerbe

Der Chef der HBF schaut im Gegensatz zu Heiermann aber schon weiter in die Zukunft. Man solle sich weniger Gedanken um „den besseren kosmetischen Abschluss“ der Saison machen, sagt Andreas Thiel, sondern „viel mehr Gedanken darüber, wie und auf welche Weise und zu welchen Bedingungen wir in diesem Kalenderjahr noch Handball spielen können.“ Auch Torsten Nick, der mit seinen Bietigheimern eventuell noch eine Wildcard für die Champions League bekommen könnte, macht sich Gedanken um die Zukunft.

„Aufgrund der bis zum unvermeidlichen Saisonabbruch gezeigten Leistung des BVB ist der direkte Champions-League-Platz durchaus berechtigt, und ob wir die Wild Card bekommen oder nicht, ist aktuell nicht unbedingt das, was im Vordergrund steht.“ Nick mache sich viel mehr Gedanken darüber, ob die internationalen Wettbewerbe überhaupt stattfinden werden – und wenn ja: „Sollte es bei uns dann nicht die CL werden, geht die Welt auch nicht unter“.

Die Welt geht sicher auch nicht davon unter, dass Borussias Handballerinnen der erste Meistertitel in der Vereinsgeschichte verwehrt geblieben ist. Verbrannte Erde hinterlässt die Entscheidung aber trotzdem in Dortmund, juristische Schritte einleiten, wolle Heiermann aber nicht. „Ich als Abteilungsleiter werde auf keinen Fall Einspruch einlegen, diese Blöße möchte ich mir nicht geben.“ Wenn überhaupt, sagt der BVB-Abteilungsleiter, „hätte man das gemeinsam sportlich entscheiden müssen. Aber dass wir eine unsportliche Entscheidung jetzt noch am Tisch revidieren müssen, das gibt es nicht.“ Trotz dieser Entscheidung – besser schlafen wird Andreas Heiermann in den kommenden Tagen wahrscheinlich nicht.

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