Handball-Interview

Teil 1: BVB-Boss Heiermann teilt aus – Meuterei, undankbare Spielerinnen, Kritik an Verband

Andreas Heiermann ist der Vorsitzende der Handball-Abteilung von Borussia Dortmund. Unter seiner Regie gewann der BVB die erste Deutsche Meisterschaft der Vereinshistorie. Wir haben ihn zum großen Interview getroffen.
Andreas Heiermann ist der Vorsitzende der Handball-Abteilung von Borussia Dortmund. © Stephan Schuetze

Herr Heiermann, welcher Moment bleibt ihnen als Erstes in Erinnerung von der letzten Saison?

Das größte an der ganzen Sache ist die Antwort unseres gesamten Teams auf das Jahr davor. So konsequent Leistung zu bringen. Klar, mit dem bösen Ausrutscher in Buxtehude, sonst hätten wir wahrscheinlich auch den Pokalsieg geholt. Ich bin heute noch total stolz auf unser gesamtes Team, die Abteilung und sehr glücklich über die Deutsche Meisterschaft.

Dr. Reinhard Rauball hatte gesagt, es ist die erfolgreichste Spielzeit in der Vereinsgeschichte von Borussia Dortmund, wenn man DFB-Pokal-Erfolg der Fußballer sowie die Champions-League-Qualifikation und die Deutsche Meisterschaft der Handballerinnen zusammennimmt. Wie bewerten Sie den Stellenwert der Deutschen Meisterschaft innerhalb des Vereins?

Was bei vielen unglaublich untergeht: Das ist der verdiente Lohn einer langen Arbeit. Ich habe in dem Aufstiegsjahr bei der Rede zur Mannschaft gesagt, dass wir jetzt am Anfang stehen und wir in den nächsten sechs Jahren auch mal Deutscher Meister werden wollen. Wir haben da jetzt jahrelang drauf hingearbeitet, weshalb das für mich nicht so plötzlich kommt. Das war jetzt kein Zufall. Das war das Ergebnis einer nachhaltigen und guten Arbeit. Für die Handball-Abteilung ist das ein Zeichen, auch für Borussia Dortmund, dass hier mehr ist als Fußball. Wir haben jetzt etwas zum extrem guten Image von Borussia Dortmund beigetragen, da bin ich schon stolz drauf.

Wie groß ist der Anteil von André Fuhr am Erfolg des BVB?

Fuhr ist für mich der Vater des Erfolges. Selbstverständlich muss man die Jahre davor analysieren. Vor drei Jahren gab es eine Meuterei in der Mannschaft und Ildikó Barna musste gehen. Dann haben wir Pech gehabt mit einer kurzfristigen Verpflichtung von Norman Rentsch unter völlig falschen Voraussetzungen und dann kam Gino Smits. Gino hat dann mit Andreas Bartels und mir eine Mannschaft zusammengestellt und das ist gut gemacht worden. Wir haben festgestellt, dass die Zusammenstellung des Teams gut war, die Arbeit im Team aber nicht so gut.

Ich war mir sicher, dass wir dringend einen richtig guten Trainer brauchen. Dann war es Zufall, dass ich gehört habe, dass Fuhr sehr unzufrieden ist. Im Jahr davor hatte er uns noch abgesagt und ist nach Metzingen gegangen. Im Februar 2019 habe ich mich dann mit André Fuhr mal getroffen und locker mit ihm gesprochen. Dann habe ich das Interesse gespürt, dass er auch Spaß hätte an Borussia Dortmund. Ich habe ihm dann aufgezeigt, welche Möglichkeiten er hier hätte, mit einem Team, was er nicht zusammengestellt hat. Andreas Bartels und ich waren da auch einer Meinung. Wir mussten uns von Gino Smits trennen, weil wir die Chance hatten André Fuhr zu bekommen.

Wie lief das damals ab?

Wir hatten zu dem Zeitpunkt zwei Top-Verpflichtungen. Kelly Dulfer und Inger Smits. Der Berater der beiden hatte uns mitgeteilt, dass Kelly Dulfer nur kommt, wenn Inger Smits auch verpflichtet wird, die sich in den zwei Jahren bei uns dann super entwickelt hat. Jetzt war es so, da Inger Smits die Tochter von Gino ist, dass beide unter der Voraussetzung gekommen sind, dass Gino Smits hier Trainer ist. Die beiden waren stocksauer, als wir Gino entlassen haben, und haben ihr Engagement bei Borussia Dortmund infrage gestellt. Wir sind den beiden dann entgegengekommen. Ich habe Kompromisse vorgeschlagen. Das Ganze kam auch mit viel Druck auf André Fuhr, weil die beiden ihm unterstellt haben, er wäre nicht der richtige Mann am richtigen Ort. Wir waren aber von Anfang an völlig anderer Meinung und das hat André auch mit Nachdruck bewiesen.

André Fuhr (M.) trainiert die Handballerinnen von Borussia Dortmund. © Ludewig © Ludewig

Wie kann man sich dann die ersten Wochen und Monate im Training vorstellen? Die Stimmung dürfte gereizt gewesen sein.

Es ging schon im ersten Jahr im Trainingslager los. Es war ganz viel Diplomatie notwendig. Ich habe mal aus Spaß gesagt vor ein paar Tagen: Mit der Diplomatie, die ich da gezeigt habe, also mit der Vermittlung zwischen den Spielerinnen und André Fuhr, könnte ich auch politische Konflikte lösen. Das war für mich das Allergrößte, das André Fuhr da ruhig geblieben ist beim permanenten Piesacken von Kelly und Inger.

Wie bewerten Sie die Arbeit Fuhrs trotz dieser Probleme?

Ich mache das ganze schon 14 Jahre und bin überzeugt, dass wir mit André Fuhr den besten deutschen Trainer im Damen-Handball haben. Dass er Ruhe bewahrt hat und wir uns trotz der Probleme nicht haben auseinanderbringen lassen. Das war der größte Erfolg. Und trotz dieser zwei erfolgreichen Spielzeiten, war die ganze Zeit extremer Druck auf dem Kessel.

Das hat man auch dann gemerkt, als es im Pokal gegen Buxtehude ging, wo es einen Konflikt zwischen Inger Smits und André Fuhr gab und auch im Anschluss, als der Wechsel von Dulfer und Smits zu Bietigheim bekannt gemacht worden ist.

Nach dem Spiel in Buxtehude hatten wir das Spiel in Györ in der Champions League. Wir haben sofort festgestellt, was in Buxtehude gelaufen ist, und gesagt, das geht nicht. Deshalb hatten wir Kelly und Inger nicht mit nach Györ genommen. Es gab dann ein Gespräch mit den beiden, Andreas Bartels und mir. Da haben sie uns mitgeteilt, dass Dortmund ein super Klub ist, sie aber beide nicht mehr mit André Fuhr zusammenarbeiten möchten. Wir haben gesagt, das wäre sehr schade, aber André Fuhr ist bei uns gesetzt.
Wenn die beiden nicht mit André Fuhr zusammenarbeiten möchten, das haben wir relativ früh gesagt, dann geht es in Dortmund nicht weiter. André Fuhr ist für mich ein Ausnahmetrainer, er hat in dieser Situation Stärke bewiesen und hat mit den beiden weiter zusammengearbeitet. Beide Spielerinnen haben sich nicht nur bei Borussia Dortmund entwickelt und damit einen sehr großen Anteil an unserem Erfolg, sondern haben sich auch sportlich bei uns entwickelt. Für mich sind das zwei Ausnahmesportlerinnen, und mir tut es heute noch weh, dass sie so emotional sind und die Leistungen unseres Trainers nicht anerkennen.

Rinka Duijndam, Inger Smits, Kelly Dulfer und Kelly Vollebregt (v.l.) bekommen vielleicht noch vor dem Saisonstart die Chance auf einen Titel. © Ludewig © Ludewig

Jetzt sind nicht nur Kelly Dulfer und Inger Smits weg. Johanna Stockschläder, Kelly Vollebregt, Isabell Roch sind nicht mehr da. Es sind einige Stammspielerinnen des BVB gegangen. Wären die Abgänge zu vermeiden gewesen?

Kelly Vollebregts größter Wunsch war es in Dänemark zu spielen. Dass wir Kelly Vollebregt gerne behalten hätten, ist doch selbstverständlich. Super Charakter, eine extrem tolle Rechtsaußen. Das haben wir akzeptiert. Am Wechsel von Johanna Stockschläder sieht man ein großes Problem im Frauen-Handball grundsätzlich. Johanna Stockschläder war unter Ildikó Barna (Trainerin des BVB von 2014 bis 2018; Anm. d. Red.) selten unter den ersten Sieben. Gino Smits wollte sie loswerden, da haben Andreas Bartels und ich gesagt, die hat Potenzial, sie bleibt hier. Unter André Fuhr hat sie sich dann zur besten Linksaußen Deutschlands entwickelt.
Dass Johanna jetzt geht, war sicherlich kein schlauer Schritt von ihr. Unter André Fuhr war sie gesetzt, der hat sie dahin gebracht, wo sie jetzt ist. Das kann ich nicht nachvollziehen und ist für mich eine schwere sportliche Fehlentscheidung von ihr. Sie war Stammspielerin bei Borussia Dortmund. Im Fußball geht man als Stammspieler von Borussia Dortmund auch nicht zu Greuther Fürth. Das ist typisch für den deutschen Damen-Handball. Bei Isabell Roch war es so, dass wir uns bereits letztes Jahr für Madita Kohorst entschieden hatten. Das tut mir persönlich sehr leid, weil Isa auch eine tolle Rückrunde gespielt hat. Ich schätze Isabell Roch als Mensch auch sehr. Das war eine Entscheidung für eine junge Spielerin, eine Entscheidung für Yara ten Holte, weil sie einfach jünger ist und wir noch einige Jahre mit ihr haben.

Jetzt sind nicht nur ganz viele Spielerinnen gegangen, sondern auch viele neu dazugekommen. Was erwarten Sie von der Mannschaft mit Blick auf die neue Spielzeit?

Erstmal erwarte ich für mich persönlich und für unseren Trainer, dass wir mehr Harmonie haben. Einfach ein bisschen mehr Ruhe. Mein größter Wunsch ist, dass wir harmonischer zusammenarbeiten. Ich erwarte auch etwas mehr Dankbarkeit in Zukunft, was Borussia Dortmund für den Damen-Handball tut. Von den Spielerinnen, aber auch von den Verbänden, weil Borussia Dortmund ein sehr verlässlicher Partner ist. Für den deutschen Damen-Handball ist es eine Bereicherung, dass Borussia Dortmund mitspielt. Damit möchte ich keinen Sonderstatus, aber mindestens Anerkennung und Respekt. Mit Neuzugängen, wie Mia Zschocke oder Amelie Berger, bin ich mir sicher, dass wir sportlich und menschlich auf dem richtigen Weg sind.

Wie sieht es denn sportlich aus? Bietigheim hat seinen Kader sehr gut verstärkt und Borussia Dortmund zeitgleich einen Umbruch. Wen sehen Sie sportlich da etwas weiter vorne?

Jetzt haben wir erstmal einen größeren Schicksalsschlag mit Delaila Amega, die wir extrem im Fokus gesehen haben und sich so bitter verletzt hat. Das hat uns einen kleinen Schrecken versetzt. Grundsätzlich ist Bietigheim aber Favorit. Wenn Sie Spielerinnen verlieren wie Kelly Dulfer und Inger Smits, die letztes Jahr die besten Spielerinnen der Bundesliga waren, dann ist das erstmal ein Verlust.
Mit Amelie Berger haben wir die Zukunft Deutschlands auf Rechtsaußen verpflichtet, die vielleicht schon weiter ist als Kelly Vollebregt. Amelie ist sehr strukturiert in ihren Aussagen und bringt so positive Impulse in die Mannschaft, das ist für den Team-Spirit extrem wichtig. Als deutsche Nationalspielerin gehört Mia Zschocke im Rückraum die Zukunft in Deutschland. Ich bin sehr glücklich, dass wir diese Spielerinnen unter Vertrag haben. Unter André Fuhr kann Mia ganz schnell zu einem absoluten Top-Star werden. In der Kombination mit Alina Grijseels hat Borussia Dortmund die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft in den eigenen Reihen.

Wird es der BVB denn damit schaffen, um den Titel mitzuspielen?

Sicherlich ist Bietigheim Favorit in der kommenden Saison. Wir werden aber alles daran setzen, vor Bietigheim zu stehen. Wir haben 16 Top-Spielerinnen im Kader, die auf jeden Fall gut zusammenpassen.

Mit Blick auf die Liga gehen die Augen auch auf die HBF. Das Verhältnis wirkte zuletzt sehr angespannt. Wie ist die Beziehung des BVB zur HBF und dem Vorsitzenden Andreas Thiel?

Jeder muss sich reflektieren. Egal, welchen Job man hat. Wir haben uns bei Borussia Dortmund Jahr für Jahr entwickelt. Aufstieg in die erste Liga, etabliert in der ersten Liga bis zum deutschen Meistertitel. So würde ich die vergangenen Jahre bei Borussia Dortmund reflektieren. Was hat sich in der HBF verbessert, seitdem Herr Thiel im Amt ist? Wenn man das Ergebnis zusammenfasst, weiß man, was ich von Herrn Thiel halte.

Welche Verbesserungen sehen Sie denn in der HBF?

Ich sehe gar nichts. Es hat sich nichts positiv verändert, seitdem Herr Thiel im Amt ist. Man muss ein Ziel haben, wenn man den Verband übernimmt, was man für die Frauen tut und wie man diesen Sport entwickelt. Da muss man sich die Frage stellen, was hat Andreas Thiel bewegt in den ganzen Jahren? Wenn man sich Christian Seifert (Geschäftsführer DFL; Anm. d. Red.) in der Deutschen Fußball-Bundesliga anguckt, hat sich die Fußball-Bundesliga prächtig entwickelt. In der HBF werden die Einnahmen weniger, die Ausgaben größer und die Liga schwächer in der Breite.

Was muss sich denn dann tun?

Bei aller Kritik, die ich damit zum Ausdruck bringe, es muss trotzdem Leute geben, die es besser machen. Und da wird es Leute geben, die sagen: Wenn der Heiermann es von sich gibt, dann soll er antreten und es besser machen. Mit meinen derzeitigen Verpflichtungen schaffe ich das nicht. Ich würde empfehlen, dass man auf lange Sicht, das wäre mein Traum und das hätte der Damen-Handball auch verdient, jemanden mit Herz und Leidenschaft findet, der diesen Sport in die richtige Anerkennung rückt und Einnahmen generiert.

Der zweite Teil des Klartext-Interviews wird am Donnerstabend veröffentlicht.

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