Handball-Interview

Teil 2: BVB-Boss Heiermann teilt aus – Schikane, ängstliche Spielerinnen, teure Königsklasse

Andreas Heiermann, Vorsitzender der Handball-Abteilung, spricht im zweiten Teil des großen Interviews über Kosten in der Champions League, personelle Veränderungen beim BVB und Probleme bei der Verkündung von Transfers.
Andreas Heiermann leitet die Handball-Abteilung von Borussia Dortmund. © Ludewig

Letzte Saison war es die erste Spielzeit der BVB-Vereinshistorie in der Champions League. Insgesamt hat das Team neun Punkte geholt. Wie zufrieden war man beim BVB mit dem ersten Auftritt in der Champions League?

Sehr zufrieden. Ich bin total stolz auf das, was das Team mit dem Trainer geleistet hat. Wenn man die ersten Spiele sieht, waren viele knappe Ergebnisse und Niederlagen mit dabei. Das lag an unserer Unerfahrenheit. Was wir in der Rückrunde noch daraus gemacht haben, das finde ich richtig Klasse für das erste Jahr Champions League.

Wie sieht da die Erwartung für die kommende Spielzeit aus? Auch mit Blick auf den personellen Umbruch.

Unsere Gruppe ist ein Hammer. Die ist schwieriger als letztes Jahr. Wir dürfen nicht zu großen Druck aufbauen, wir wollen uns bestmöglich verkaufen mit dieser neuen Mannschaft. Wir haben uns sehr gut verstärkt und freuen uns auf die tollen Gegner.

Lohnen sich die Auftritte in der Champions League denn für Borussia Dortmund mit Blick auf das Image und die finanzielle Komponente?

Aus dem Fußball kennt man es ja, wie wichtig es finanziell in die Champions League einzuziehen. Bei uns ist das völlig anders. Von daher ist es traurig, wie die EHF mit einem gut umgeht. Für uns ist das eine riesige Herausforderung, die Teilnahme an der Champions League zu stemmen. Aber ich habe es auch an der Reaktion der Mannschaft gemerkt, wie glücklich die Spielerinnen waren, als Borussia Dortmund für die Champions League gemeldet war. Sportlich ist es eine tolle Sache zu den 16 besten Vereinen Europas zu gehören, da sind wir sehr, sehr stolz drauf. Es kostet aber auch verdammt viel Geld.

Borussia Dortmund wird Deutschland als einziges Team in der Champions League vertreten. Bietigheim hat als Zweiter der vergangenen Spielzeit keine Wildcard bekommen. Können Sie diese Entscheidung verstehen?

Klar.

Warum?

Die haben letztes Jahr eine Wildcard bekommen. Aber warum sollten zwei deutsche Vereine in der Champions League spielen, wenn man sieht, wo der deutsche Damen-Handball international steht? Es ist ja nicht so, dass wir da international durchmarschieren. Da komme ich auch wieder zurück auf die Probleme der HBF. Es gibt verdammt viel zu tun, unseren Sport zu professionalisieren. Ich finde, Bietigheim ist extrem professionell. Wir müssen aber leider akzeptieren, dass der europäische Verband den deutschen Handball aber nicht so stark sieht.

Es gab eine Strafe für den BVB für den Nichtantritt in den K.o.-Spielen letztes Jahr gegen Metz. 10.000 Euro plus 140.000 Euro Kaution. Sind Sie da sehr wütend drüber?

Die 10.000 Euro muss man einfach akzeptieren. Bei den ganzen Kosten, die wir für die Champions League gehabt haben, muss ich einfach sagen: Mund abputzen. Die 140.000 Euro sind für mich Schikane und auch völlig unnötig. Letztendlich sollte die Marke Borussia Dortmund auch für die Champions League lukrativ sein. Als ich von der Strafe erfuhr, konnte ich es gar nicht glauben. Aber die Reaktion von Borussia Dortmund war da entscheidend. Uns ist ja auch eine Ratenzahlung angeboten worden. Die 140.000 Euro in zwei Raten innerhalb von 14 Tagen zu zahlen. Das beweist, dass es reine Schikane war. Wir haben sofort gezahlt, auch um zu zeigen, so braucht der Verband nicht mit uns umzugehen.

Dadurch ist Borussia Dortmund in der Champions League mit dabei. Ein paar Wochen zuvor hat Michael Wiederer, Präsident der EHF, im Podcast „Kreis ab“ von „unseriösem Management“ und „falschen Entscheidungen im Management“ beim BVB gesprochen. Damit spricht er ja auch Sie an. Wie kam das bei Ihnen an?

Was denkt man von einem Präsidenten, der in einem laufenden Verfahren seine Einschätzung abgibt? Wir müssen uns doch die Frage stellen: Hat sich Herr Wiederer in dem Podcast seriös verhalten? Die Frage stelle ich allen Handball-Fans und allen Journalisten. Ist das seriös, wenn drei Tage später ein ganz anderes Ergebnis rauskommt und wir in der Champions League mit dabei sind?

Aber wie kamen die Aussagen denn bei Ihnen an?

Ich habe noch nie mit Herr Wiederer gesprochen. Es gab noch nie einen Kontakt zwischen Herr Wiederer und mir. Ich kann auch nicht beurteilen, was Herr Wiederer in den letzten Jahren für die EHF getan hat. Von daher möchte ich das nicht beurteilen und über einen Menschen sprechen, den ich nicht kenne.

Fanden Sie es denn seriös?

Ich hätte an Herr Wiederers Stelle eine seriöse Antwort gegeben: Warten Sie das Urteil ab, es wird in den nächsten Tagen an Borussia Dortmund versendet.

Es ging in dem Verfahren, um die beiden K.o.-Spiele in Metz zu denen der BVB wegen der unklaren Corona-Situation beim französischen Gegner nicht angetreten ist.

Spielerinnen haben mich beim Training angesprochen und gesagt: Hoffentlich übernimmst du Verantwortung. Die Spielerinnen wollten nicht spielen, der Trainer hatte Angst. Wenn wir Kenntnis davon haben, dass nicht offen über die Corona-Thematik dort kommuniziert worden, konnten wir da nicht anders entscheiden. Wir haben da Verantwortung getragen und die Spielerinnen sind alle sehr glücklich darüber gewesen. Die Sicherheit und Gesundheit unserer Spielerinnen und Mitarbeiter steht da an einer weitaus höheren Stelle als Kommerz.

Hat Ihnen die Diplomatie damals gefehlt? Weil alle involvierten Verbände hatten ja gewisse Informationen.

Da ist die Reihenfolge schon sehr wichtig. Der DHB hatte uns informiert, dass es in Metz einen Corona-Fall gibt und die EHF hat es erst von uns erfahren. Das wäre für mich schon ein Punkt gewesen, damit anders damit umzugehen. Die EHF hatte damals lediglich Schnelltests gefordert. Wir haben in Györ erlebt, dass die Schnelltests nicht aussagekräftig waren und mussten im Herbst in Quarantäne. Ich würde mir wünschen, dass die EHF in dieser Saison mehr Verantwortung für die Mannschaft übernimmt. Dass PCR-Tests eingesetzt werden, setze ich voraus.

Gab es diese gar nicht?

Erst später. Im Fall Metz haben wir vorgeschlagen, zwei PCR-Tests zu machen. Einen sofort, einen vor dem Spieltag und zwischendurch Schnelltests durchzuführen, um da einen Konsens zu finden. Ich finde es nicht verantwortungsvoll zu dem Zeitpunkt, als es bereits einen Corona-Fall gab, mit Schnelltests weiterzuarbeiten. Warum gab es wohl so viele Spielausfälle in der Gruppenphase? Weil das Testszenario der EHF mangelhaft war. Wir wären ja eigentlich in der Gruppenphase ausgeschieden und sind nur weitergekommen, weil die EHF das System geändert hat, weil es durch Corona so viele Spielausfälle gab. Das war einfach mangelhaft.

Was hat den BVB die Königsklasse gekostet?

Die Champions League ist schon ein extrem teures Spiel gewesen. Wir reden von mehr als 200.000 Euro für all die Spiele, die wir gemacht haben.

Im April gab es die traurige Nachricht, dass Andreas Bartels, der zweite Vorsitzende der Handball-Abteilung beim BVB und Sportliche Leiter, gestorben ist. Sie haben ihn immer wieder als ihren Co-Piloten bezeichnet, waren stets gemeinsam bei allen Spielen, Trainingseinheiten und öffentlichen Terminen.

Andreas Bartels ist in der Gegenwart immer noch für mich da. Wir hatten den Kader ja schon im Februar zusammen. Trotz schwerster Krankheit hat er da immer noch Vollgas gegeben für Borussia Dortmund. Es ist eine Katastrophe, wenn Sie einen Co-Piloten verlieren, der einen Flieger auch fliegen konnte. Mein Ziel war es, Andreas Bartels als ersten Vorsitzenden zu installieren. Ich war froh, so einen starken Mann an meiner Seite zu haben. Das ist immer noch bitter. Ich vermisse ihn total. Wenn Sie jeden Tag mit jemanden sprechen und dann sprechen sie nicht mehr mit ihm, dann ist das ein komisches Gefühl. Das habe ich jetzt noch. Wir können Andreas Bartels auch nicht mit einer Person ersetzen. Ich kann keinen Menschen finden, der diese Position so ausfüllt, wie es Andreas getan hat.

Was hat Andreas Bartels so ausgezeichnet?

Was man bei Andreas Bartels anerkennen muss: Er kam ja nicht aus dem Handball. Er hat sich da reingearbeitet, das war ja schon gigantisch. Andreas kannte jede Top-Spielerin in Europa, kannte mittlerweile jeden Berater. Das war schon phänomenal. Und das ist außergewöhnlich, wenn jemand nicht aus diesem Sport kommt und sich da so reinarbeitet.

Wird die Position von Andreas Bartels denn neu besetzt oder bleiben Sie allein in der Führung?

Ich musste eine neue Lösung finden und mir war klar, das geht nicht mit einer neuen Person. Wir haben einen neuen Sportlichen Leiter. Das ist Andreas Kuno, unser ehemaliger Co-Trainer. Ein Handball-Fachmann. In die kaufmännischen Themen werde ich Andreas Kuno einarbeiten, sportlich ist er da viel weiter als ich. Da haben wir das große Glück, das Andreas Kuno zum Trainerteam passt. Es war auch ein Wunsch von André Fuhr, dass er es macht. Ich glaube, dass das nur klappen kann, wenn Trainer und Sportlicher Leiter im Einklang sind. Wir sehen Rupert Thiele als zweiten Vorsitzenden vor, der muss aber noch bestätigt durch den Vorstand bei der Jahreshauptversammlung der Handball-Abteilung.

Was ist ihr Wunsch für die kommende Saison für die Handballerinnen von Borussia Dortmund?

Harmonie. Mein großer Wunsch sind harmonische Siege. Der Lohn vergangenes Jahr war extrem, weil mehr als die deutsche Meisterschaft geht ja nicht. Ich hoffe, dass meine diplomatischen Fähigkeiten nicht mehr gefragt sind. Von den Spielerinnen wünsche ich mir Vertrauen und Loyalität. In den letzten zwei Jahren haben wir die Handball-Bundesliga dominiert und wir wollen auf dieser Basis weiter erfolgreich arbeiten. Ich wünsche mir für uns auch, dass die anderen Vereine zu uns aufschließen und professionelle Strukturen schaffen, damit wir viele Wettkämpfe auf Augenhöhe haben. Ich wünsche mir mehr Bundesliga-Breite. Nicht nur für uns, sondern auch für die Zuschauer. Und das ist mein größter Wunsch: Dass wir wieder Zuschauer in den Hallen haben.

Da scheinen aber die Fronten zwischen Borussia Dortmund und der Konkurrenz ab und an verhärtet. Mit Blick auf die vergangene Spielzeit gab es da Konflikte bei Verkündungen der Transfers von Madita Kohorst (kam aus Metzingen) und Mia Zschocke (wechselte von Bayer Leverkusen nach Dortmund).

Zu der Thematik rund um Metzingen und Madita Kohorst gibt es nicht viel zu sagen. Ich kann doch keinen Transfer als abgebender Verein bekanntgeben, wenn ich den Vertrag gar nicht kenne. Bei Mia Zschocke war das anders. Die Leverkusener haben einfach rausgehauen, dass Mia Zschocke nach Dortmund wechselt. Drei Monate später war der Vertrag erst verhandelt und unterschrieben. Wenn erst Monate später der Vertrag unterschrieben ist, kann der abgebende Verein doch nicht bekannt geben, dass sie für Borussia Dortmund spielt. Das weiß ja nur der Verein, wo der Vertrag unterschrieben wird.
Wenn das alles passiert ist und das konnten ja nur wir wissen, dann kann man es verkünden. Bei Inger Smits wusste ich auch, dass sie nach Bietigheim gehen wird, aber das kann ich doch nicht vermelden. Für mich ist es ganz klar, dass nur der Verein vermelden kann, der den Vertrag kennt. Das macht man sonst nicht. Ich würde da allen raten, professioneller zu arbeiten. Bei uns ist es professionell. Das hat Profi-Status, was bei uns passiert. Nicht nur auf der Platte und im Training, sondern auch in der Verwaltung und im Management, was uns nicht davor schützt, dass auch wir Fehler machen können.

Es kam ja in der Vergangenheit auch schon vor, dass der BVB Transfers angekündigt hat, auch ohne Namen zu nennen, die sich dann aber noch hingezogen haben. Wirkt das nicht auch nach außen hin unprofessionell?

Die Zusagen sind da, aber dann kommen Berater mit besonderen Rahmenbedingungen und dann kommen erst die finalen Unterschriften. Das dauert alles ein paar Wochen und auf ein mal fehlen noch Freigaben und Unterschriften. Das kann passieren. Aus diesen Themen heraus ist es aus meiner Sicht der richtige Weg, den Transfer erst final zu verkünden, wenn alles rechtskräftig unterschrieben ist.
Die Zusagen der Spielerinnen hatten wir schon lange, nur ich kann es nicht verkünden, wenn es noch nicht final unterschrieben ist. Den Zeitpunkt des Neuzugangs muss man auch mit dem abgebenden Verein abstimmen, das ist für mich auch eine Sache des Respekts. Wir alle wären glücklicher, wenn es schneller geht.

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