Ganz Atlanta hat am Wochenende das Super-Bowl-Fieber gepackt. Ganz Atlanta? Nein! 20 hartgesottene BVB-Fans haben dem Hype getrotzt.

von Felix Meininghaus

Atlanta

, 04.02.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Samstagmorgen, 2. Februar 2019. Ganz Atlanta ist im Super-Bowl-Fieber, die komplette Stadt mit ihren fünf Millionen Einwohnern kann es kaum erwarten, dass die größte Show, die dieser Globus zu bieten hat, endlich losgeht. Ganz Atlanta? Nein, eine kleine Ansammlung von Fans trotzt dem Hype und macht ein anderes Spiel zu ihrem Ereignis des Wochenendes. Morgens früh um halb zehn versammeln sich rund 20 hartgesottene BVB-Fans downtown in der Sportsbar „RI RA“, um den Verein anzufeuern, der ihnen viel mehr bedeutet als die New England Patriots und die Los Angeles Rams.

Kritik an Christian Pulisic

John Frechette ist einer von ihnen, der 35-Jährige steht um kurz nach neun vor der Tür und raucht eine Zigarette, um seine Nervosität zu bekämpfen. Er war noch nie in Europa und doch hat er sein Herz an Borussia Dortmund verloren. Der Grund: „Ich habe die Gelbe Wand im Fernsehen gesehen und mich spontan in diesen Klub verliebt“, sagt der Mann, der mit seiner schwarzgelben Kappe aussieht, als gehöre er zum Inventar der Südtribüne.

„Wenn er für Chelsea spielt, interessiert er mich nicht mehr.“
John Frechette über Christian Pulisic

15 Minuten vor Spielbeginn füllt sich der Pub, die Fans bestellen Bier, Kaffee und Cola. Will O’Grady nippt an seinem ersten Guinness. Der 26-Jährige ist seit 2012 dabei, als der BVB das Double gewann, packte ihn das Fieber. Alle Fans, die sich hier einfinden, sind Feuer und Flamme. O’Grady weiß alles über den BVB.

Zehn Minuten vor Spielbeginn sind die Debatten in vollem Gange. Der wichtigste Spieler für alle Beteiligten ist Marco Reus: „Hoffentlich bleibt er bis zum Ende der Saison gesund, dann werden wir mit Sicherheit Meister“, sagt John Frechette. Nicht so gut zu sprechen ist die anwesende BVB-Gemeinde auf Christian Pulisic, obwohl der 20-Jährige als jüngster Spielführer in der Geschichte der amerikanischen Nationalmannschaft doch eigentlich Heldenstatus genießen müsste.

Sean Bradley entfachte das Feuer

Der Wechsel von „Captain America“ auf die Insel kommt allerdings bei den Fans in Atlanta nicht gut an. „Ich wünsche ihm Glück, aber wenn er für Chelsea spielt, interessiert er mich nicht mehr“, sagt John Frechette. Immerhin, es hätte schlimmer kommen können: „Hauptsache, er geht nicht zu den Bayern“, sagt Will O’Grady, der aus seiner Abneigung für den Rekordmeister kein Geheimnis macht: „Die fressen goldene Steaks und sind arrogant“, sagt der 26-Jährige: „Die können tausend Mal Deutscher Meister werden. Ich mag sie nicht.“

20 hartgesottene BVB-Fans trotzten dem Super-Bowl-Fieber in Atlanta

Die Sportsbar „RiRa“ ist der Anlaufpunkt für die BVB-Fans in Atlanta. © Brandenburg

Der Rest in der Runde nickt. Sie alle haben ihr Herz verloren an einen Verein, der im Ruhrgebiet zuhause ist, und den sie aus tausenden Kilometer Entfernung verfolgen. Das Feuer entfachte Sean Bradley, der zwei Jahre in Herdecke arbeitete und während dieser Zeit von seinen Kollegen mit ins größte Stadion Deutschlands genommen wurde. Zurück in der Heimat gründete er den Fanclub „BVB Atlanta“, dem jetzt rund 50 Mitglieder folgen.

Einen Kurzen um kurz nach zehn

Mittlerweile läuft das Spiel, der Großteil der Besucher konzentriert sich auf den riesigen Bildschirm hinter dem Tresen. Die Minderheit an Chelsea-Fans wird weiter rechts am Katzentzisch abgefertigt. Es gibt klare Prioritäten und keinen Verhandlungsspielraum: „Das ist eine BVB-Kneipe“, sagt Brandon Schecter. Der 38-jährige Anwalt gehört zu den wenigen Anwesenden mit deutscher Vergangenheit. Seine Mutter ist Deutsche, sein Opa Hertha-Fan, doch Brandon verliebte sich in das Dortmunder Stadion, als er während des Sommermärchens 2006 das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen live vor Ort erlebte.

20 hartgesottene BVB-Fans trotzten dem Super-Bowl-Fieber in Atlanta

Die New England Patriots setzten sich im 53. Super Bowl mit 13:3 gegen die Los Angeles Rams durch. © dpa

So hat jeder seine Geschichte. Um kurz nach zehn Uhr morgens gibt es den ersten Kurzen, Marco Reus hat den Führungstreffer in Frankfurt erzielt. Kayleigh Potokar serviert die Runde und strahlt: „Das ist bei uns Tradition.“ Wow, Schnaps so früh am Morgen, das ist gewöhnungsbedürftig. Am Ende gibt es ein 1:1-Unentschieden, das alle BVB-Atlanta-Fans wie einen Sieg wahrnehmen, weil sie am kleineren Bildschirm daneben miterleben dürfen, wie die Bayern in Leverkusen verlieren und der Dortmunder Vorsprung auf den Rivalen auf sieben Punkte wächst: „Diese Saison“, sagt Kayleigh Potokar, „werden wir das Ding mit Sicherheit holen.“ Einmal eine Meisterfeier in Dortmund zu erleben, das ist ihr Traum. Bis es so weit ist, wird sie mit ihrem Lieblingsverein in einem Irish Pub in Atlanta mitfiebern.

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