22 Gegentore in elf Auswärtsspielen: Der BVB als Selbstbedienungsladen auf Reisen

mlzBorussia Dortmund

Der BVB präsentiert sich auswärts als Selbstbedienungsladen auf Reisen. Die Gegentorbilanz ist absurd. Eine chronische Handlungslangsamkeit lähmt das Vorankommen.

Leverkusen

, 09.02.2020, 15:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die nüchternen Fakten wirken derart entlarvend, dass es gar keine Einordnung mehr benötigt. Nur in einem der vergangenen sechs Pflichtspiele ist Borussia Dortmund ohne Gegentor geblieben, beim 5:0 gegen Union Berlin. In den übrigen Partien gab es unsägliche 16 Gegentreffer, also im Schnitt 2,6 (!) pro Spiel. In den drei Gastspielen in 2020 alleine zehn. Mit dieser Statistik, dafür muss man weder Wahrscheinlichkeitsrechnung noch Fußballlehrer studiert haben, wird der BVB in der Bundesliga keinen Blumentopf gewinnen. Und muss eher um die Champions-League-Qualifikation bangen, als nach oben zu schauen.

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Emre Can, erst seit zehn Tagen beim BVB unter Vertrag, hat sich noch nicht ans Relativieren und Schönreden gewöhnt wie viele seiner Teamkollegen und schonte seine Mannschaft nach dem 3:4 in Leverkusen in keiner Weise: „Ich bin erst seit Kurzem dabei. Die Mannschaft hat viel Potenzial, aber muss noch eins lernen: Wenn man in Führung geht, muss man - auf gut Deutsch gesagt - dreckiger sein: manchmal ein Foul spielen, besser verteidigen.“ Der Beleg dafür in Zahlen: Zum sechsten Mal verspielten die Schwarzgelben eine Führung, verzockten damit bereits 14 (!) Punkte.

Das Defensivverhalten bleibt ein riesengroßes Manko des BVB

Borussias Defensivspezialist, gerade wegen seiner Robustheit und der kämpferischen Fertigkeiten geholt im Winter und der Einsicht folgend, dass es gerade auch an diesen Komponenten fehlt, sah beim Dortmunder Auftritt in Leverkusen bestätigt, was ihm auch vorher schon dünkte: „Heute war es genau das Spiel, was man über Dortmund sagt: man führt, spielt schönen Offensivfußball, aber defensiv müssen wir alle zusammen besser stehen. Ich meine damit die gesamte Mannschaft, von vorne bis hinten. Das müssen wir lernen.“ Für das Spiel in Leverkusen wie auch allgemein gelte: „Wir haben vier Tore kassiert, so gewinnt man keine Spiele. Erst einmal musst du gut verteidigen.“

„Wir haben vier Tore kassiert, so gewinnt man keine Spiele.“
Emre Can

Genau das war, ist und bleibt vermutlich auch das riesengroße Manko von Borussia Dortmund unter Trainer Lucien Favre. Von Stabilität, von einer Balance zwischen Offensive und Defensive und einem cleveren, geschlossenen Verteidigen ist diese Mannschaft noch weiter entfernt als vom theoretisch möglichen Titelgewinn. „Wir bekommen zu viele Gegentore“, sagte Michael Zorc in Leverkusen frustriert, „deswegen stehen wir nicht besser da und haben die Probleme.“

Individuelle Patzer beim BVB an der Tagesordnung

Ohne Ausnahme leisten sich die Abwehrspieler ihre individuellen Patzer. Mal sind es grobe Stellungsfehler, mal ist es ein schlafmütziges Zuspätkommen. Immer wieder geht im Mittelfeld die Kontrolle verloren, da werden die Räume nicht geschlossen, Torchancen nicht in der Entstehung unterbunden, der Druck nicht vom Deckungsverbund weggehalten. Und die vordersten Angreifer lassen ein ums andere Mal die nötige Aggressivität beim Anlaufen der Gegenspieler vermissen, sie unterstützten zu wenig. Das kann sich kein Bundesligist erlauben, erst recht keiner mit Ambitionen. Am Samstag sind die Borussen sieben Kilometer weniger gelaufen als der Gegner. Das sind rund 100 Läufe von Sechzehner zu Sechzehner. Eigentlich ein vernichtender Nachweis vernachlässigter Arbeit.

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„Wir sind in den entscheidenden Momenten einfach zu passiv gewesen und haben es Leverkusen gestattet, das Spiel noch zu drehen und zu gewinnen“, analysierte Zorc. „Wir haben die vier Gegentore zu einfach weggegeben. Das begleitet uns schon ein bisschen länger. Es ist ein Teil unseres Problems, dass wir es auswärts nicht schaffen, das Spiel einzutüten und zu killen.“

Beim BVB mangelt es an Tempo - läuferisch und gedanklich

Die öffentlich diskutierten krassen Patzer von Akanji und Co. sind unverzeihlich, aber längst nicht die einzigen Sorgen. Mit einem derartig nachlässigen, fehlerbehafteten und wachsweichen Abwehrverhalten insgesamt wird der BVB nichts erreichen. Wie beim dritten Tor von Werder oder Bayer in dieser Woche die Gegner im Mittelfeldzentrum in aller Ruhe aufdrehen und den tödlichen Pass spielen dürfen, das ist haarsträubend. Die Räume zwischen den Verteidigern sind Sollbruchstellen. Es mangelt an Tempo, nicht nur läuferisch, sondern noch mehr gedanklich. Handlungsschnelligkeit gilt als ein entscheidendes Kriterium im modernen Fußball. Bei Borussia lähmt gerade eine chronische Handlungslangsamkeit das Vorankommen.

22 Gegentore in elf Auswärtsspielen: Der BVB als Selbstbedienungsladen auf Reisen

Der BVB-Knockout in Leverkusen. Lars Bender (r.) trifft per Kopf zum 4:3, Roman Bürki ist machtlos. © imago / Jan Huebner

Es wird höchste Zeit, dass dieses überwiegend auswärts um sich greifende Phlegma abgestreift wird. Auswärts steht der BVB nach elf Spielen bei vier Siegen, drei Remis und vier Niederlagen, Torverhältnis 23:22. Maximal Mittelmaß. Wird dieser Selbstbedienungsladen für die Gegner nicht geschlossen, erübrigt sich jede Frage nach Zielsetzungen. „Es ist mir jetzt zu früh, über den Rest der Saison zu sprechen. Wir müssen erst einmal sehen, dass wir weniger Gegentore bekommen“, betonte Zorc folgerichtig. Tatkraft ist gefragt, auf dem Platz und an der Seitenlinie.

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