Der BVB steht bis Weihnachten vor wegweisenden Spielen. © imago images/Hartenfelser
Meinung

45 Minuten lang eine Großbaustelle: BVB steht an einer entscheidenden Weiche

Der BVB verpasst es, sich an der Tabellenspitze in Position zu bringen. Das 1:1 in Frankfurt wirft Fragen auf - nach fehlender Gier, spätem Aufwachen und mangelnder Torgefahr.

Der BVB-Rückstand auf den FC Bayern München und RB Leipzig ist gleichgeblieben. Der Dortmunder Schaden an diesem 10. Spieltag hielt sich also in Grenzen. Den Frust der Borussen wegwischen dürfte das aber keineswegs. Denn sie verpassten es, der Konkurrenz an der Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga deutlich näher auf den Leib zu rücken.

Da hätte mächtig was los sein können im Mannschaftsbus des BVB auf der Autobahn 45. Die Bayern und Leipzig trennen sich im Abendspiel 3:3, und die Borussia-Profis feiern das auf der Rückfahrt aus Frankfurt. Doch da sie zuvor ihre eigenen Aufgaben nur halbherzig erledigt hatten, schrumpfte die mögliche Feier auf ein leichtes Durchatmen zusammen, nicht noch mehr Boden eingebüßt zu haben. 1:1 in Frankfurt. Nur 1:1 hieß es nach 45 guten Dortmunder Minuten nach der Pause – aber eben auch 45 äußerst schwachen davor. Der BVB verpasste es, Druck zu machen auf die Topteams des Tableaus und sich wertvolles Selbstvertrauen zu holen für den intensiven Endspurt bis Weihnachten.

BVB-Remis in Frankfurt wirft einige Fragen auf

Das Remis bei der Eintracht warf vielmehr einige Fragen auf, die den Fans der Borussia Sorgen bereiten dürften mit Blick auf die nächsten Wochen. Zunächst einmal bewies der Auftritt, dass es dem BVB ohne Erling Haaland an Torgefahr mangelt. An einem Fixpunkt am und im gegnerischen Strafraum. Haalands Wucht, Instinkt und Winner-Mentalität kann kein anderer Spieler im Dortmunder Kader auch nur ansatzweise kompensieren.

Lucien Favre muss das Problem trotzdem irgendwie lösen. Denn schießt sein Team weiterhin so wenige Tore wie zuletzt, dann könnte unter dem Tannenbaum in weniger als drei Wochen im schlimmsten Fall schon der Abschiedsbrief aus dem Titelkampf liegen. Dass Julian Brandt für die Sturmspitze keine herausragende Lösung ist, sollte auch dem kühnsten Optimisten spätestens in Frankfurt klar geworden sein. Bei aller fußballerischen Qualität: Mittelstürmer, das ist einfach nicht Brandts Position. Und sie wird es auch niemals werden.

Warum verzichtet BVB-Trainer Favre auf die Joker Reus udn Hazard?

Als hinderlich auf dem Weg zu höheren Weihen dürfte sich für den BVB auch das zu späte Aufwachen erweisen. Wieder einmal waren die Schwarzgelben, so als hätten sie nichts aus der jüngsten Heimpleite gegen Köln gelernt, behäbig durch die ersten 45 Minuten geschlittert. Erneut ein frühes Gegentor kassiert, selbst weit weg vom nötigen Biss und kaum Druck auf den Gegner ausgeübt – Dortmund vor der Pause glich einer Großbaustelle. Selbst, wenn man die Verletzten ausklammern muss, stand dort noch ein Kader zur Verfügung, der große Klasse bereithielt. Der sie aber zumindest in Halbzeit eins nicht abrief, der stattdessen gehemmt wirkte.

Was direkt die Frage aufwirft, ob Trainer Lucien Favre diese Gier aufs Gewinnen nicht anders vorleben müsste. Einerseits verbal. Denn wenn er sich wie in Frankfurt hinsetzt und nach dem Schlusspfiff sagt, „ein Punkt ist gut, ist immer okay“, dann können sich seine Spieler so schnell das erste Alibi schnappen. Und zweitens durch einen Impuls von außen. Favre hatte Marco Reus und Thorgan Hazard, zwei ausgewiesene torgefährliche Offensivkönner, noch frisch auf der Bank sitzen. Er brachte sie aber sogar in der Schlussphase gegen müde wirkende und wackelnde Frankfurter nicht – und verzichtete so auf sein Signal zur finalen Attacke. Bei allem Verständnis für die notwendige Rotation in Zeiten extrem hoher Belastung: Sind 15 Minuten Fußball wirklich zuviel für Reus oder Hazard, wenn es gilt, ein wichtiges Spiel noch gewinnen zu können?

In den kommenden zwei Wochen steht für den BVB viel auf dem Spiel

Wichtig deshalb, weil der BVB nun an einer entscheidenden Weiche für diese Saison steht. Drei Ligaspiele sind es noch binnen 14 Tagen. Es geht gegen Stuttgart, nach Bremen und zu Union Berlin. Aufgaben, die allen Verletzungssorgen zum Trotz gemeistert werden müssen. Schafft das die Borussia, dann darf sie im neuen Jahr weiter oben angreifen. Kann sie die Fehler aus den Duellen mit Köln und Frankfurt aber nicht zügig abstellen, dann wird sie eher darauf schauen müssen, nicht noch von anderen Konkurrenten wie Leverkusen oder Gladbach eingefangen zu werden.

Über den Autor
Sportredaktion Dortmund
Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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Sascha Klaverkamp

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