Andre Schürrle: „Es ist schwierig, das zu akzeptieren“

Das BVB-Interview

Andre Schürrle hat den Bundesliga-Start für den BVB verpasst. Der Mann, der vergangenen Sommer für 30 Millionen Euro vom VfL Wolfsburg nach Dortmund gewechselt ist, wartet noch auf seinen Durchbruch im schwarzgelben Trikot - und muss sich mal wieder in Geduld üben. Im Interview mit Tobias Jöhren spricht der 26-Jährige über Verletzungspausen, Konkurrenzkampf und verrückte 24 Minuten.

DORTMUND

, 08.09.2017, 12:04 Uhr / Lesedauer: 7 min
Andre Schürrle (l.) im Gespräch mit BVB-Reporter Tobias Jöhren.

Andre Schürrle (l.) im Gespräch mit BVB-Reporter Tobias Jöhren. © Guido Kirchner

Zum Beginn eine Frage, die man in Interviews eigentlich nicht stellt, aber in Ihrem Fall trotzdem stellen muss: Wie geht‘s?

(lacht) Danke der Nachfrage, grundsätzlich geht es mir immer gut, nur körperlich leider gerade schon wieder mal weniger gut. Verletzt war ich zuletzt leider häufiger, jetzt habe ich das erste Mal in meiner Karriere einen Muskelfaserriss, insofern fehlen mir da die Erfahrungswerte. Ich kann es aber kaum erwarten, hoffentlich bald wieder zurückzukommen.


Wie weit sind Sie schon gekommen auf dem Weg zurück?

Das ist schwierig abzuschätzen, ich hoffe aber, die Hälfte des Weges schon hinter mir zu haben.


Wie schwierig ist es, die Geduld zu bewahren während einer Verletzungspause?

Sehr schwierig. Das ist immer die Kunst. Ich habe das im vergangenen Jahr leidvoll erfahren. Da hatte ich Knieprobleme und habe alles versucht, um schnellstmöglich wieder auf den Platz zu kommen. Wahrscheinlich habe ich damals zu schnell zu viel gemacht, dabei vielleicht Beschwerden vor mir selbst vertuscht - und dann hat‘s mich wieder erwischt und ich bin den ganzen Oktober ausgefallen. Insofern ist Geduld sehr wichtig. Ich werde erst wieder einsteigen, wenn ich nichts mehr spüre und auch von den Ärzten das hundertprozentige Okay habe.


Wer oder was hilft in einer solchen Zeit, die Geduld nicht zu verlieren?

Natürlich die Familie und die Freunde. Aber es ist ja auch nicht so, dass ich am Boden zerstört bin. Verletzungen gehören nun mal zum Fußball dazu. Meine ersten in meiner Zeit beim BVB waren alle mit Gegner-Beteiligung. Das kommt vor. Jetzt ist es zum ersten Mal überhaupt etwas Muskuläres. Deswegen gerate ich aber nicht grundsätzlich ins Zweifeln.


Trotzdem, so wirkt es von außen betrachtet, durchschreiten Sie gerade eine schwierige Phase in Ihrer Karriere, oder?

Ja, irgendwo schon. Man spürt, dass der Körper schon einiges mitgemacht hat und sich jetzt seine Ruhe holt. Es ist schwierig, das zu akzeptieren und sich darauf einzulassen, auf seinen Körper zu hören. Ich sehe das aber auch als eine neue Phase in meiner Entwicklung. Viele Spieler mussten schon durch so eine Phase gehen. Jetzt bin ich dran.


Der Zeitpunkt für die Verletzung war sehr unglücklich, wenn man mal davon absieht, dass Verletzungen natürlich selten passend daherkommen. Im Pokal standen Sie in der Startelf, in der Woche vor dem Bundesliga-Start dann der Faserriss. Sie hatten sich viel vorgenommen für Ihr zweites Jahr in Dortmund. Wie sehr haben Sie ihren Körper verflucht?

(lacht) Am Anfang natürlich sehr. Meine Vorbereitung war gut, ich habe das Vertrauen des Trainers gespürt, ich habe gemerkt, dass ich wieder besser reinkomme, meine Position auf dem Platz gefunden habe.


Sie haben, seitdem Sie in Dortmund sind, bislang 24 Minuten zusammen mit Ihren Kumpels Marco Reus und Mario Götze auf dem Platz gestanden (beim 1:1 gegen Mainz 05 am 29. Januar 2017). Sprechen Sie untereinander viel darüber?

Als feststand, dass Mario zum BVB zurück- und ich aus Wolfsburg nach Dortmund kommen werde, haben wir drei viel miteinander geschrieben und uns gefreut, dass wir von nun an zusammen im Verein spielen. Dass daraus bis heute nur 24 Minuten geworden sind, in denen wir alle drei zeitgleich auf dem Platz standen, ist natürlich wirklich kaum zu glauben.


Das klingt ein wenig fatalistisch.

Nein, wir bleiben positiv, denn wie gesagt: Wahrscheinlich holen unsere Körper sich gerade ihre Pausen. Mario hat seine Probleme jetzt hoffentlich hinter sich - und Marco und ich arbeiten hart dafür, dass es bei uns in Zukunft auch wieder besser läuft.


Wie wichtig ist dieser Austausch unter Ihnen Dreien?

Sehr wichtig. Wir reden miteinander, wir bauen uns auf und versuchen uns gegenseitig zu pushen. Im Moment spielt Mario. Nach einer sehr schwierigen Zeit. Also versuchen Marco und ich, ihn so gut es geht darin zu unterstützen, damit er zurück zu alter Stärke findet. Parallel dazu arbeiten wir natürlich an unseren eigenen Comebacks, damit aus den 24 Minuten bald mehr werden (lacht).


Der Start der Kollegen in die Bundesliga war richtig erfolgreich. Zwei Spiele, zwei Siege. Wie viel Freude kommt da auf, wie viel Frust ist aber auch dabei, weil man selbst nicht mithelfen kann?

Es überwiegt ganz eindeutig die Freude. Ich versuche immer, das große Ganze zu sehen. Wir haben einen Top-Start hingelegt, die Jungs haben super gespielt. Die Sachen, die wir trainiert haben, setzen sie schon richtig gut um. Von daher ist es eine riesige Freude, die Jungs siegen zu sehen.


Der gute Start hilft auch dem neuen Trainer. Wie sind Ihre ersten Eindrücke von Peter Bosz?

Sehr gut. Menschlich ist er ein sehr ruhiger Charakter, der viel mit uns Spielern spricht und so gut wie nie die Fassung verliert. Ich glaube, dass uns genau das sehr gut tut. Ein Trainer, der immer mit uns redet und bei dem jeder weiß, woran er ist. Bis jetzt empfinde ich die Zusammenarbeit als sehr angenehm.


Das 4-3-3-System des Trainers mit offensiven Außen ist Ihnen wie auf den Leib geschneidert. Haben Sie mit dem Trainer über Ihre Rolle im Team gesprochen?

Ja, klar. Vor allem hat er mir im Training gezeigt, was er sehen will. Ich mag das System, ich mag den Spielstil. Es gefällt mir gut, dass wir vorne draufgehen. Eigentlich ist alles angerichtet (lacht). Am Ende wird es darum gehen, dass ich maximal fit werde und meine bestmögliche Leistung bringe, sobald ich die Chance dazu bekomme.


Was denken Sie, was für den BVB drin ist in dieser Saison?

Nach den ersten Ergebnissen ist jetzt natürlich direkt eine Begeisterung da, dass man denkt: Vielleicht geht‘s ja ganz nach oben (lacht). Aber unsere Ziele sind so, wie sie von Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und dem Trainer ausgegeben worden sind: Wir wollen auf jeden Fall wieder in die Champions League, dazu müssen wir in der Bundesliga mindestens Dritter werden. In den beiden anderen Wettbewerben wollen wir so weit wie möglich kommen. Dabei belassen wir es auch und versuchen, möglichst jedes Spiel zu gewinnen.


Inwieweit macht sich der gute Start in der Mannschaft bemerkbar nach einer ziemlich unruhigen Sommerpause?

Nach dem Spiel in Wolfsburg (3:0, Anm. d. Red.) war eine große Erleichterung in der Kabine zu spüren. Natürlich haben wir mitbekommen, dass in diesem Sommer nicht viel über Fußball an sich geschrieben wurde, sondern eher über andere Themen. Umso wichtiger war es, dass wir als Mannschaft voll da waren, unbedingt wollten und auch die ersten Punkte geholt haben.


Was überwiegt denn? Die Enttäuschung, dass Dembele weg ist oder die Erleichterung, dass dieses Thema ein Ende gefunden hat

Sportlich ist es natürlich eine Enttäuschung. Ous ist ein Spieler, der jeder Mannschaft hilft. Trotzdem sind wir natürlich froh, dass die Störgeräusche ein Ende haben und man auch mal wieder etwas anderes in der Zeitung lesen kann.


Dembele ist weg, Andrey Yarmolenko ist da. Was wissen Sie schon über den neuen Kollegen?

Der Name war mir natürlich bekannt, aber ehrlich gesagt habe ich noch nicht viel von ihm gesehen. Er ist jetzt ja auch noch bei der Nationalmannschaft. Ich glaube, dass er ein sehr guter Spieler ist: torgefährlich, trickreich, abschlussstark. Er wird uns sicherlich weiterhelfen.


Yarmolenko dürfte in absehbarer Zukunft nicht nur ein neuer Mitspieler, sondern auch ein Konkurrent von Ihnen werden. Wie nimmt man das auf, wenn man selbst verletzt ist und der eigene Klub einen neuen Spieler verpflichtet, der eine ähnliche Position spielt?

Er spielt auf derselben Position wie ich. Im Moment kann ich den Konkurrenzkampf leider nicht annehmen, aber wenn ich wieder vollständig fit bin, werde ich mich im Training anbieten.


Inwiefern sorgt für Sie als Nationalspieler die WM 2018 in Russland zusätzlich für Druck?

Jeder will bei der WM dabei sein, weil es das Größte ist, das man als Fußballer erleben kann. Und ich durfte erleben, wie es sich anfühlt, wenn man an das ganz große Ziel gelangt. Natürlich will ich das wieder schaffen. Trotzdem weiß ich, dass noch genug Zeit bleibt, um mich für diese Aufgabe zu empfehlen. Noch bin ich entspannt (lacht).


Also dürfen wir uns auf eine WM mit Mario Götze, Marco Reus und Andre Schürrle freuen?

Es ist zumindest absolut unser Ziel!

Lesen Sie jetzt