Arminia-Keeper Ortega: „Die Frage ist, wie sie gegen uns auftreten“

mlzExklusiv-Interview

Borussia Dortmund trifft auswärts auf den Aufsteiger Arminia Bielefeld. DSC-Keeper Stefan Ortega spricht im Interview über Mut, Gefahren und das anstehende Spiel gegen den BVB.

Dortmund

, 30.10.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Kaum ein Keeper in der Liga bewegt sich so sicher und behände mit dem Ball am Fuß wie Stefan Ortega. Bielefelds Torwart, in der Jugend beim DSC ausgebildet und nach einer Zwischenstation bei 1860 München seit 2017 wieder in Diensten der Arminen, ist nicht nur als Ballfänger aktiv, sondern mindestens nebenberuflich Aufbauspieler des mutigen Aufsteigers.

Ortega orchestriert das Offensivspiel seiner Mannschaft; er eröffnet meist flach, kann es mit links wie rechts. Im Interview mit den Ruhr Nachrichten spricht der 27-Jährige über diese (risikoreiche) Spielweise, den kommenden Gegner Borussia Dortmund (Samstag, 15.30 Uhr), Mitspieler und Ex-Borusse Amos Pieper sowie Kritiker, die ihm den Sprung in die Bundesliga nicht zugetraut hatten.


Herr Ortega, nach dem 1:4 gegen Bayern München haben Sie gesagt: „Lieber mutig sein und auf die Schnauze fliegen als den Schwanz einziehen und auf den Sack kriegen.“ Gilt dieses Motto unverändert?

Absolut. Das sollte in jedem Spiel das Ziel sein, weil ich der Meinung bin, dass wir nur mit Mut vorwärtskommen und belohnt werden. Klar sollten wir wissen, woher wir kommen. Dass wir den kleinsten Etat in der Liga haben und uns in der Außenseiter-Rolle befinden. Allerdings haben wir in den ersten Spielen gesehen, dass wir nicht so deutlich unterlegen sind, wie es vielleicht auf dem Papier steht.


Worin liegt die Gefahr und worin liegt die Chance in diesem mutigen Spielstil, den Sie und Ihre Kollegen Woche für Woche anpeilen?

Die Gefahr liegt darin, dass es im Aufbau mal schiefgeht, wie in Wolfsburg beim zweiten Gegentor. Wenn man allerdings zurückblickt, wurden wir in den vergangenen zwei Jahren nur zweimal wegen solcher Fehler bestraft, kürzlich in Wolfsburg und in der vergangenen Saison gegen Greuther Fürth. Die Anzahl der gelungenen Aktionen ist also deutlich höher.


Dass Wolfsburg am vergangenen Wochenende das 0:2 erzielen konnte, lag an einem Flachpass, den Sie auf Arne Maier gespielt haben. Unter Druck verlor er den Ball unmittelbar vor dem eigenen Strafraum. Sind die Gegenspieler in der Bundesliga insgesamt aggressiver und wacher?

Die Handlungsschnelligkeit und das Tempo sind in der Bundesliga deutlich höher, auf jeden Fall. Und mit Sicherheit benötigen wir noch ein wenig Zeit, um uns daran zu gewöhnen. Hier werden Fehler deutlich schneller bestraft, das muss uns allen klar sein. Nichtsdestotrotz sind wir von unserem Spielstil überzeugt.


Vier Punkte nach fünf Spielen, dazu das Pokal-Aus gegen RWE – wie fällt Ihre erste Zwischenbilanz aus?

Der Start ist okay. Die vier Zähler, die wir haben, sind uns nicht mehr zu nehmen. Vielleicht hätten wir noch ein oder zwei Punkte mehr holen können, gegen Wolfsburg und auch Bremen war jeweils das Ausgleichstor möglich. Das haben wir leider verpasst. Wertvoll sind aber mit Sicherheit die Erfahrungen, die wir bisher sammeln konnten. Wir haben schon gegen die Bayern gespielt, haben gesehen, worauf es gegen ein absolutes Top-Team ankommt.

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Häufiger Kritikpunkt war zuletzt die Leistung der Mannschaft vor dem Seitenwechsel. Zu Recht?

Klar, das geht nicht gut, wenn wir uns jedes Mal ein oder zwei Gegentore einschenken lassen und dann erst starten, unseren Fußball zu spielen. Dann wird es auf Dauer wirklich kompliziert. Wir haben das angesprochen. Es ist auf jeden Fall ein Thema, an dem wir arbeiten.


In Wolfsburg lief die Arminia in der zweiten Halbzeit einem 0:2-Rückstand hinter, letztlich vergebens. Hat dieses enttäuschende 1:2 die Vorfreude auf das Dortmund-Spiel getrübt?

Überhaupt nicht. Für mich und viele Kollegen ist es die erste Bundesligasaison. Da ist jede Mannschaft attraktiv und Neuland, sei es Bayern, Dortmund, Augsburg oder Mainz. Das Wolfsburg-Spiel haben wir aufgearbeitet, wir haben geschaut, was wir besser machen müssen. Der Trainer war recht direkt in seiner Analyse. Anschließend haben wir taktisch gut gearbeitet.

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Und wie ist die Stimmung im Team? Eher kämpferisch? Lässt sich die Mannschaft von den vergangenen Negativerlebnissen gar nicht beirren?

Es ist eine Mischung aus beidem. Wir sitzen nach den verlorenen Spielen auf jeden Fall nicht da und jammern, dass sowieso alle besser sind. Wir sind dann enttäuscht, klar. Gleichzeitig haben wir aber den Ansporn, es besser zu machen, dazuzulernen und Spiele zu gewinnen. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir uns von den Niederlagen runterziehen lassen.


Jetzt am Samstag kommt der BVB. Was erwartet Sie und Ihre Kollegen?

Eine Mannschaft mit hoher technischer Qualität. Die Offensivreihe gehört außerdem zu den schnellsten der Liga. Die Frage ist, wie sie gegen uns auftreten. Als Augsburg gegen Dortmund gespielt hat, war es auf dem Papier recht klar – und trotzdem hat der BVB verloren. An einem Tag besteht die Möglichkeit, so ein Top-Team zu schlagen. Dortmund hat schon relativ viele Spiele absolviert, das birgt die Chance, mit einer guten Leistung auch mal einen Sieg zu holen.

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Wie ist den Haalands, Reynas oder Sanchos beizukommen? Augsburg und auch Lazio haben dem BVB mit einer kämpferisch guten Leistung wehgetan.

Das sollte in jedem Spiel das mindeste sein, was wir auf den Platz bringen. Wir müssen die richtige Grundaggressivität besitzen – und mit unserer Spielidee gefährlicher werden als zuletzt.


In Amos Pieper steht ein ehemaliger Borusse in Bielefelds Innenverteidigung. Sie haben ihn begleiten können, seit er im Januar 2019 zur Arminia gekommen ist. Wie hat er sich seither entwickelt?

Er ist ein sehr bodenständiger, sehr intelligenter Junge. Als er von der Zweiten Mannschaft des BVB kam, war er erst einmal hintendran. Nach der Verletzung von Brian Behrendt (gegen Regensburg im Februar 2019, d. Red.) ist er dann ins Team gerückt und hat es gleich sehr gut gemacht. Jede Woche hat er einen weiteren Entwicklungsschritt vollzogen. Amos ist technisch sehr gut, hat ein super Kopfballspiel und eine gute Zweikampfführung. Ich spiele sehr gern mit ihm zusammen – und habe ihn auch gern unter meine Fittiche genommen als er zu uns gewechselt ist.


Ihnen persönlich haben einige Beobachter nicht unbedingt zugetraut, in der Ersten Liga zu spielen – und sahen Sie eher als guten Zweitliga-Keeper. Verspüren Sie ein wenig Genugtuung, mit 27 Jahren ganz oben angekommen zu sein, zumal mit diesem besonderen Spielstil, den Sie praktizieren?

Jetzt nicht. Das kommt vielleicht später, wenn ich irgendwann mal aufhöre. Dann kann ich den Leuten sagen, dass da ja doch noch ein paar Bundesligaspiele hinzugekommen sind. Mein Ziel war es immer, ganz oben zu spielen. Das habe ich geschafft – und jetzt möchte ich zeigen, dass ich keine Eintagsfliege bin. Nach einem Jahr soll das nicht wieder enden, sodass die Leute sagen können: Hatten wir ja doch recht.


Zum Abschluss: Geben Sie, der mitspielende Torhüter, am Samstag lieber den entscheidenden Assist – so wie gegen Köln beim 1:0-Siegtreffer – oder parieren Sie lieber einen Gewaltschuss von Erling Haaland in der Nachspielzeit?

Ich würde auch beides nehmen (lacht). Am Ende ist aber es egal. Es wäre schön, wenn wir nach drei verlorenen Spielen mal wieder gewinnen würden. Wie der Sieg zustande kommt, ist mir egal.

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