Aufschwung statt Abflug: Warum BVB-Linksfuß Guerreiro froh ist, in Dortmund zu sein

mlzBorussia Dortmund

Raphael Guerreiro galt im Sommer als sicherer BVB-Abgang. Jetzt kann sich der Klub glücklich schätzen, den Portugiesen im Kader zu haben. Der Spieler selbst spricht von einer Herzensentscheidung.

Dortmund

, 05.11.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Tiefrote Pünktchen in der Nähe der Mittellinie, ins Gelbliche aufhellende Flecken ganz vorne und hinten auf der linken Seite. Grüne Wiese in der rechten Feldhälfte. Die „Heatmap“ zeigt Raphael Guerreiros Aktionsradius. Auf dem linken Flügel ist er eigentlich überall zu finden. Dort spielt der Linksfuß „sehr clever“, wie sein Trainer Lucien Favre attestiert.

Guerreiro saß beim BVB schon auf gepackten Koffern

Mit 10,75 Kilometern gehörte Raphael Guerreiro auch am Samstag gegen den VfL Wolfsburg nicht zu den lauffreudigsten Dortmundern. Aber wenn sich der Europameister von 2016 auf den Weg macht, dann mit Zug und effizient: Offenbart der Gegner Lücken auf seiner Flanke, sprintet er in die freien Zonen. Sonst lässt er lieber den Ball laufen. Auf die Saison gesehen, berührt Guerreiro in jeder Spielminute mindestens einmal die Kugel. Ein hoher Wert, der auch ausdrückt, wie ihm die Mitspieler vertrauen. „Rapha“ ist anspielbar, ballsicher, kombinationsfreudig, mutig - es gibt eine Reihe von Attributen für Guerreiros Aktivitäten.

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Torgefahr zählte bisher nicht dazu. Nun hat er mit zwei Treffern bereits so viele erzielt wie in der gesamten Vorsaison in der Bundesliga. Obwohl er noch häufiger als linker Verteidiger eingesetzt wird (fünf Spiele) als offensiv auf dem Flügel (zwei Spiele). Supercup und Champions League mit einberechnet, stand er elf Mal auf dem Platz für den BVB. Wertvolle Beiträge von jemanden, der eigentlich schon auf gepackten Koffern saß.

Favre plante bereits nicht mehr mit Guerreiro

Im August noch galt es als ausgemacht, dass Raphael Guerreiro Borussia Dortmund nach drei Jahren wieder verlässt. Nach anfänglichem Schmusekurs auch von Seiten des Portugiesen, der im Interview mit dieser Redaktion erklärte, wie sehr er sich über ein Angebot zur Vertragsverlängerung freuen würde, stockten die Gespräche mit der Klubführung. Ehe sie ganz abgebrochen wurden.

Guerreiro, dessen Vertrag damals noch bis 2020 lief, hätte den Verein verlassen dürfen im Sommer. Das Trainerteam um Lucien Favre plante bereits nicht mehr mit dem vielseitig einsetzbaren Linksfuß. Doch das erwartete Angebot aus Paris, wo Guerreiro aufwuchs, flatterte nicht in die Geschäftsstelle am Rheinlanddamm.

„Ich bin sehr froh, hier zu bleiben und ich hoffe, dass wir dieses Jahr eine gute Saison abliefern werden.“
Raphael Guerreiro

Guerreiro musste bleiben. Und verlängerte im Oktober seinen Vertrag bis 2023. „Das“, erklärte er am Wochenende auf Nachfrage, „war eine Herzensentscheidung.“ Er fühlt sich wohl in Dortmund, seine beiden Kinder Sacha und Ana, beide im Kindergartenalter, empfinden die Stadt als ihr Zuhause. „Sie sprechen auch Deutsch und wir haben uns dran gewöhnt, hier zu leben“, erklärt Guerreiro. „Von daher ist es eine Gesamtentscheidung. Ich bin sehr froh, hier zu bleiben und ich hoffe, dass wir dieses Jahr eine gute Saison abliefern werden.“

Über den Verbleib freute sich nicht nur Sportdirektor Michael Zorc („Raphael ist ein international erfahrener und technisch erstklassiger Fußballer, der flexibel auf mehreren Positionen einsetzbar ist und innerhalb unseres Kaders eine hohe Wertschätzung genießt.“), sondern auch Trainer, Mannschaftskameraden und das Publikum. Einem Raphael Guerreiro in guter Form sieht man gerne bei der Arbeit zu.

Guerreiro hat Ratschläge angenommen

Vergessen und überholt sind auch die Vorwürfe, seine Lebensführung sei nicht professionell genug. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, seine wiederkehrenden Verletzungsprobleme lägen an zu schlechter Ernährung und unbedachtem Umgang mit seinem Körper, seinem Kapital. Er selber hat hier gegengesteuert, einen Physiotherapeuten angeheuert und weitere Ratschläge angenommen.

Aufschwung statt Abflug: Warum BVB-Linksfuß Guerreiro froh ist, in Dortmund zu sein

© Deltatre

Dadurch und durch die Pausen, die Trainer Lucien Favre ihm auch wegen der regelmäßigen Einsätze für Portugal einräumt, kommt er immer öfter ohne Blessuren durch die harte Knochenmühle der Englischen Wochen.

Guerreiro trumpft in Dortmund auf

Inzwischen sind alle in Dortmund froh, dass der Europameister von 2016 weiter ins schwarzgelbe Trikot schlüpft. Sein Konkurrent Nico Schulz weiß bisher nicht zu überzeugen, Achraf Hakimi wird entweder rechts oder in der Offensive benötigt und Marcel Schmelzer droht leistungsmäßig den Anschluss zu verlieren. Guerreiro, vor drei Monaten auf dem Sprung nach Frankreich, trumpft in Dortmund auf.

„Wir hatten eine Phase, in der wir kein Spiel gewinnen konnten. Jetzt haben wir es geschafft, diesen negativen Trend umzukehren.“
Raphael Guerreiro

Besonders zufrieden scheint er zu sein, wenn er wie am Samstag seine beiden Kinder noch am Spielfeldrand in die Arme schließen kann. Dass Papa gegen Wolfsburg auch ein Tor erzielt hatte, machte den gelungenen Abend noch besser. „Der Sieg war sehr wichtig, sowohl für uns als auch für die Fans“, sagt er. „Wir hatten eine Phase, in der wir kein Spiel gewinnen konnten. Jetzt haben wir es geschafft, diesen negativen Trend umzukehren.“

Mit dem umgekehrten Trend erhofft sich Guerreiro auch gegen Inter Mailand in der Champions League einen Schub an Selbstvertrauen und Energie. „Es ist immer einfacher, wenn man gewinnt, bevor man den nächsten Gegner trifft.“

Guerreiro macht sein bestes BVB-Spiel gegen Atletico

Im Vergleich zum Hinspiel müsse der BVB viele Sachen ändern, meint er. „Da hatten wir zwar den Ballbesitz, aber keine Torchancen. Wir haben nur gespielt und gewartet und sie haben uns ausgekontert.“ Seiner Ansicht nach müsse man im Rückspiel offensiver, torgefährlicher werden.

Mit ihm als Antriebsfeder aus der Defensive könnte das leichter werden. Vor ziemlich genau einem Jahr machte Guerreiro wohl eines seiner besten Spiele für die Borussia. Zweifacher Torschütze beim 4:0 gegen Atletico Madrid: Raphael Guerreiro.

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