Borussia Dortmund im Herbst 2020: Endlich stabil stabiler?

mlzBVB-Defensive

Die Richtung stimmt bei Borussia Dortmund. Die Basis für den geglückten Saisonstart bildet die gute Defensivarbeit. Nun warten echte Bewährungsproben auf den BVB.

Dortmund

, 02.11.2020, 18:26 Uhr / Lesedauer: 3 min

Lucien Favre nannte es einen „Verdienst der ganzen Mannschaft“, und jener Verdienst konnte sich durchaus sehen lassen. Als auf der Bielefelder Alm am vergangenen Samstag der Schlusspfiff durchs leere Rund schallte, stand für Borussia Dortmund und seinen seit Montag 63 Jahre alten Trainer im sechsten Bundesliga-Spiel dieser noch jungen Saison zum fünften Mal eine Null auf der Anzeigetafel – und sie stand auf der richtigen Seite des Spielfelds, nämlich hinten. Die BVB-Profis schlenderten zum fünften Mal im sechsten Liga-Spiel als Sieger vom Rasen.

Borussia Dortmund stellt die beste Abwehr der Bundesliga

Erst zwei Gegentore hat der BVB in dieser Bundesliga-Spielzeit kassiert, beide beim 0:2 in Augsburg, alle anderen Partien wurden zu null gewonnen, fast und ausgerechnet ein wenig nach Huub Stevens‘ alter Schalke-Devise. Die Null muss stehen. Borussia Dortmund stellt nach den ersten sechs Spieltagen, das kommt vielleicht doch etwas überraschend, die beste Abwehr der Liga. Und vermutlich wird auch bald irgendein TV-Experte auf die überraschende Idee kommen, mit Nachdruck daran zu erinnern, dass die Offensive freilich Spiele gewinnt, die Defensive aber bekanntlich unter dem Strich die Meisterschaften.

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Fakt ist, dass es für diesen absehbaren Griff in die Floskel-Kiste ziemlich sicher noch ein wenig zu früh ist. Und immer richtig liegt man damit ja auch nicht. Der FC Schalke beispielsweise, bei dem die Null mittlerweile in erster Linie ganz woanders steht, hat mit Huub Stevens und der Null hinten zwar mal den Uefa-Cup gewonnen, die Meisterschaft aber dann doch nur für vier Minuten und nicht für die Ewigkeit. Fakt ist außerdem, dass Borussia Dortmund auch in dieser Saison schon Probleme in der Abwehrarbeit offenbart hat, beispielsweise bei besagtem 0:2 in Augsburg, aber auch beim 1:3 gegen Lazio Rom in der Champions League oder beim 2:3 gegen Bayern München im Supercup.

Die Tendenz beim BVB zeigt in die richtige Richtung

Fakt ist allerdings auch, dass die Tendenz beim BVB zweifelsfrei in die völlig richtige Richtung zeigt. In zehn von sieben wettbewerbsübergreifenden Pflichtspielen seit der Sommerpause blieb Favres Mannschaft ohne Gegentreffer, zuletzt setzte es gegen den FC Schalke 04 (3:0), Zenit St. Petersburg (2:0) und eben Arminia Bielefeld (2:0) drei Zu-Null-Siege in Serie. Das war in den seltensten Fälle Fußball aus der Feinkostabteilung, aber immer grundsolide, gewissenhafte und vernünftig zubereitete Hausmannskost, die gerade in dieser Saison mit ihrem eng getakteten Spielplan wohl wichtiger und gefragter sein dürfte denn je.

Zwei Gegentore nach sechs Bundesliga-Spieltagen sprechen jedenfalls für sich, in der vergangenen Saison zählte die Dortmunder Statistik zum gleichen Zeitpunkt in der Saison bereits neun gegnerische Treffer. Michael Zorc, der BVB-Sportdirektor, sagt im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten nicht ohne Grund: „Wir sind im Gegenpressing und in der Arbeit gegen den Ball klar verbessert, die Mannschaft steht sehr stabil.“

BVB-Innenverteidigung in bestechender Form

Dafür gibt es mehrere Gründe. Die drei erfreulichsten aus Dortmunder Sicht sind: Erstens präsentiert sich insbesondere die aktuelle Innenverteidigung um Manuel Akanji und Mats Hummels in bestechender Form, zweitens verteidigt, wie von Favre zurecht hervorgehoben, die ganze Mannschaft deutlich entschlossener und engagierter das eigene Tor als über weite Strecken der Vorsaison, und drittens funktionierte in den jüngsten drei Partien auch die von Favre präferierte Viererkette gegen den Ball reibungslos und fehlerfrei, was bei Borussia Dortmund die These stärkt, die intern vom Trainerstab schon vor Monaten aufgestellt wurde: Es ist nicht unbedingt entscheidend, ob der BVB mit einer Dreier- oder einer Viererkette verteidigt, es ist deutlich entscheidender, mit wie viel Leben, Willen und Bereitschaft die Defensivarbeit erbracht und das jeweilige System gefüllt wird.

Auf das berechtigte Lob folgt nun die Bewährungsprobe. Weder Schalke, St. Petersburg und Bielefeld stellten die BVB-Abwehr vor große Aufgaben. Das lag zum einen sicherlich an Borussia Dortmunds aktueller Qualität in der Rückwärtsbewegung, zum anderen aber auch am limitierten Gekicke der Kontrahenten im Vorwärtsgang.

BVB-Abwehr zeigt sich dem Ernstfall ausgesetzt

Vor den letzten Länderspiel-Reisen dieses Jahres sieht sich die BVB-Abwehr also dem Ernstfall ausgesetzt. Mats Hummels, der Organisator, Vizekapitän und Vielspieler, der bislang von allen Dortmunder Profis mit Abstand am längsten (882 Minuten) und in allen zehn Pflichtspielen der Saison von Beginn an auf dem Feld stand, droht am Mittwoch in der Champions League in Brügge ziemlich sicher und am Samstag im Spitzenspiel gegen Bayern München eventuell auszufallen. Das ist das eine Problem. Und spätestens am Samstag wartet die derzeit wohl torhungrigste und vermutlich auch gefährlichste Offensive der Fußballwelt um Robert Lewandowski und Thomas Müller. Das ist das andere Problem.

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Lucien Favre hat vor der Saison das Ziel ausgegeben, nach zwei Bundesliga-Spielzeiten mit jeweils mehr als 40 Gegentoren in der neuen Saison weniger als 30 Tore zu kassieren. Aktuell liegen er und seine Mannschaft mehr als im Soll. Hielte der BVB die derzeitige Gegentreffer-Quote, käme er mit etwa zwölf Gegentoren durch die Saison. Das freilich dürfte nicht gelingen, aber als Wegweiser dient dieser Ansatz dennoch. Erst die Arbeit, dann das Spektakel – oder der Erfolg.

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