Borussia Dortmund und der Kampf um die Königsklasse

Bundesliga

Auf Borussia Dortmund wartet ein heißer Endspurt. Wohl nicht mehr um den Meistertitel. Aber um das Ticket für die Champions League. Ein Spaziergang wird es für den BVB nicht.

Dortmund

, 30.05.2020, 16:18 Uhr / Lesedauer: 4 min
Fest in den Händen hält Borussia Dortmund mit Keeper Roman Bürki die Qualifikation für die Champions League noch nicht.

Fest in den Händen hält Borussia Dortmund mit Keeper Roman Bürki die Qualifikation für die Champions League noch nicht. © picture alliance/dpa

Bayer Leverkusen hat den Druck auf Dortmund erhöht. Dank des 1:0-Erfolgs in Freiburg am Freitagabend ist die Werkself bis auf einen Zähler an den BVB herangerückt. Leipzig rangiert nur zwei Punkte hinter Schwarzgelb, Gladbach nur vier. Ein Dortmunder Patzer am Sonntag in Paderborn (18 Uhr) und dazu Siege der Konkurrenz aus Gladbach (gegen Union Berlin) und Leipzig (in Köln) könnten also den Kampf um die Königsklassen-Startplätze vor den finalen fünf Saisonpartien extrem zuspitzen. Wir beleuchten die Lage bei den vier Kandidaten.

Das Restprogramm:

Auf den BVB warten nun auf dem Papier zunächst vier Pflichtaufgaben (in Paderborn, gegen Hertha, in Düsseldorf, gegen Mainz). Wobei die Borussia aus der Hinrunde weiß, was gegen vermeintlich kleine Gegner passieren kann – mit Schrecken erinnern sich Dortmunds Fans an das 3:3 im heimischen Signal Iduna Park gegen Paderborn. Und die zuvor wankende Berliner Hertha hat sich unter Trainer Bruno Labbadia deutlich stabilisiert, ist längst keine Schießbude mehr. Am 33. Spieltag kommt es dann zum womöglich entscheidenden Duell: Dortmund gastiert in Leipzig. Übrigens das einzige noch ausstehende direkte Aufeinandertreffen von zweien der vier Kandidaten im Liga-Endspurt.

Auch RB Leipzig hat mit Ausnahme der Dortmunder Borussia keine Kracher mehr vor der Brust. Augsburg, Köln, Paderborn, Hoffenheim und Düsseldorf – das klingt machbar.

Bayer Leverkusen (zuhause) und Borussia Mönchengladbach (auswärts) müssen jeweils noch gegen Branchenprimus Bayern München antreten, außerhalb dieses Topspiels weist aber auch ihr Restprogramm überspringbare Hürden aus. Am nächsten, dem 30. Spieltag, könnte Gladbach mit einem Erfolg freitags in Freiburg ordentlich Druck aufbauen.

Die Form:

Der BVB hat das Topduell gegen die Bayern mit 0:1 verloren – aber beileibe kein schlechtes Spiel abgeliefert. Bayern war nur einen Tick besser, abgebrühter. Dortmund untermauerte jedoch seine starke Verfassung seit der Winterpause, vor dem Bayernspiel gab es sechs Siege in Serie. Die Torfabrik der Borussia läuft schon seit Saisonbeginn auf Hochtouren, 74 Treffer gab es für Schwarzgelb zu bejubeln – der Klubrekord von 82 Treffern wackelt. Auch die Dortmunder Defensive steht stabil, seit der Umstellung auf die Abwehr-Dreierkette brennt nicht mehr viel an. Punktet die Borussia in Paderborn, bleibt sie das zweitbeste Team der Rückrunde.

RB Leipzig hingegen ist ein wenig die Luft ausgegangen. Was kaum noch jemand auf dem Schirm hat: Die Truppe von Trainer Julian Nagelsmann feierte die Herbstmeisterschaft, holte in der Hinrunde überragende 37 Punkte. Zuletzt aber lief es nur noch mäßig, aus den jüngsten fünf Spielen holte der Herbstmeister nur einen Sieg (5:0 in Mainz). Seit Weihnachten verlor Leipzig 13 Punkte auf den FC Bayern und neun auf den BVB. Trotzdem winkt noch immer der Klubrekord: Die beste Saison der noch jungen Vereinsgeschichte (2016/17) brachte 67 Zähler. Raus aus dem Formtief und 13 Punkte aus den letzten sechs Partien holen – dann wäre eine neue Bestmarke gesetzt.

Borussia Mönchengladbach kann am Sonntag sein Minimalziel erreichen: einen Platz in der Europa League klarmachen. Gelingt das, könnten die Fohlen danach im Kampf um die Königsklasse befreit aufdrehen – und das wäre auch nötig nach zuletzt eher mäßigen Ergebnissen. Nur 18 Zähler ernteten die Gladbacher bislang in der Rückrunde und stürzten so von Platz zwei im Winter auf Rang fünf ab. Die Borussia vom Niederrhein blieb trotzdem nah dran an der Schwelle zur Champions League, und Sportdirektor Max Eberl gab sich selbstbewusst: „Unsere Ausgangslage für den Endspurt ist sehr gut.“

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Bayer Leverkusen hat sich dagegen klammheimlich voran gepirscht. Die Hinrunde war wenig berauschend, Rang sechs zur Halbzeit mit überschaubaren 28 Punkten glich gar einer großen Enttäuschung.

Doch Bayer berappelte sich und startete nach einer guten Winter-Vorbereitung durch. Mit 28 Punkten aus 12 Rückrundenspielen mauserte sich die Werkself zum zweitbesten Team hinter den Bayern, sie schlug den BVB im direkten Duell und weiß derzeit einen Kai Havertz in Überfliegerform im Kader. Der Jung-Nationalspieler traf in der Rückrunde bereits neunmal, er verletzte sich beim 1:0 in Freiburg nach einem entscheidenden Treffer nur leicht am Knie.

Leverkusen zeigt nicht nur beherzten Offensivfußball, sondern hat auch gelernt, zu kämpfen. Nach dem 1:0 in Freiburg lobte Trainer Peter Bosz: „Wir haben am Ende als Männer verteidigt.“ Ob Bayer mit einem Heimsieg gegen Bayern den Titelkampf für den BVB sogar noch einmal spannend machen kann? „Es wäre schön, wenn wir die Bayern mal ärgern könnten“, betonte der Ex-Dortmunder Sven Bender.

Das Personal:

Keine Frage, der BVB muss enormes Verletzungspech aushalten. Dass nach der Corona-Zwangspause mit nur kleiner Belastung nun im plötzlichen Vollgas-Modus Verletzungen kommen würden, damit war bei allen Vereinen der Bundesliga zu rechnen. Doch Dortmund traf es besonders hart. Marco Reus stand schon vor der Corona-Pause wegen hartnäckiger Adduktorenprobleme nicht zur Verfügung, er fehlt weiter. Verteidiger Dan-Axel Zagadou, der sich dank seiner Bärenruhe am Ball und seiner Robustheit im Zweikampf in die Stammelf und die Herzen der Fans gespielt hatte, fällt ebenso aus wie Nationalspieler Nico Schulz und jetzt auch Mo Dahoud, der nach langer Zeit auf der Ersatzbank zuletzt zur ersten Wahl zählte. Da sich auch Stürmer Erling Haaland eine Blessur zuzog und zumindest in Paderborn nicht auflaufen kann, grenzt das die Optionen für Trainer Lucien Favre stark ein – schließlich litten auch in Axel Witsel, Emre Can und Jadon Sancho elementare Kräfte des BVB unter verletzungsbedingtem Trainingsrückstand. Aufpassen müssen bei der Borussia zudem Thomas Delaney und Mats Hummels – beide wären im Falle einer nächsten Gelben Karte gesperrt.

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Und die Konkurrenz? Bayer Leverkusen hat alle wichtigen Kräfte an Bord, sogar der wegen eines Syndesmoserisses lange außer Gefecht gesetzte Topscorer Kevin Volland hat sich jetzt fit zurückgemeldet. Trainer Peter Bosz hat im Endspurt die Qual der Wahl. Anders sieht es bei Borussia Mönchengladbach aus. Stürmer Breel Embolo (Prellung), Tobias Stroble, Fabian Johnson (beide muskuläre Probleme) und Denis Zakaria fallen aus. Gerade der Schweizer Mittelfeldspieler Zakaria war einer der Fixpunkte der in der Hinrunde so erfolgreichen Gladbacher Offensive. Leipzig muss in den nächsten Wochen ohne Yussuf Poulsen auskommen, der dänische Stürmer erlitt eine Bänderverletzung im Sprunggelenk. Aber Timo Werner in Topform (schon 24 Saisontreffer) lässt das verschmerzen. Ibrahima Konaté und Ethan Ampadu haben nur leichte Blessuren.

Die Prognose:

Gewinnt der BVB die Partie in Paderborn, dann wird er sich das Champions-League-Ticket nicht mehr nehmen lassen. Für Dortmund sprechen im Endspurt der Saison die Qualität im Kader und die Konstanz in der Rückrunde. Auch Bayer Leverkusen wird sich ein Ticket greifen, die Werkself hat einen Lauf und einen prallvollen Kader. Das Rennen zwischen Leipzig und Gladbach wird eng. Kann Gladbach im Spiel bei den Bayern überraschen, dann ist die Königsklasse drin.

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