Zukünftig soll wieder ein anderer Wind wehen in Borussia Dortmunds Kabine. © imago / Team 2
BVB-Analyse

Borussia Dortmund und der Kampf um die richtige Haltung

Die Stimmung in der Mannschaft war und ist noch immer zu schlecht beim BVB. Das liegt nicht nur an den jüngsten Ergebnissen, die Probleme liegen tiefer. Das Trainerteam hat viel Arbeit vor sich.

Als Sebastian Geppert vor gut einem Monat im Podcast „Dortmunder Jungs“ zu Gast war, konnte er noch nicht ahnen, dass seine Worte nur vier Wochen später plötzlich die eines BVB-Co-Trainers sein und den passenden Einstieg für diese Geschichte liefern würden. Geppert sprach über seine Arbeit in Borussia Dortmunds U17, die er seit September 2016 als Cheftrainer betreut. „Wir versuchen auch Werte zu vermitteln und innerhalb der Mannschaft eine Kultur zu entwickeln“, sagte der 36-Jährige unter anderem. „Wir wollen eine starke Kabine haben, wo wir wirklich zusammenwachsen. Am Ende ist es ein Mannschaftssport, bei dem wir versuchen, die individuellen Stärken des Einzelnen einzubringen.“

Das Trainerteam des BVB hat einen langen Weg vor sich

Nun, rund eine Woche nach seiner Beförderung zum Co-Trainer der ersten Mannschaft, dürfte Geppert bereits eine ganz gute Vorstellung davon haben, dass er zusammen mit dem neuen Cheftrainer Edin Terzic, dem weiteren Co-Trainer Otto Addo und Torwarttrainer Matthias Kleinsteiber einen langen Weg vor sich hat, bis das mit den Werten und der Kultur und der starken Kabine auch für die Dortmunder Profiabteilung wieder gilt.

Denn so richtig gut ist es um die BVB-Kabine derzeit nicht bestellt, jedenfalls ist sie aktuell (noch) kein Ort, an dem Teamgeist und mannschaftliche Geschlossenheit entstehen. Es fehle, so heißt es bei Borussia Dortmund hinter vorgehaltener Hand, an Führung und Stützen innerhalb der Mannschaft, es fehle mitunter an Identifikation mit der Aufgabe, Spieler von Borussia Dortmund zu sein, es fehle ganz sicher an Reibung sowie Streitkultur und es fehle mitunter auch an Disziplin.

Aus der jüngeren Vergangenheit lassen sich leicht zwei Beispiele finden, die auch im Spielerkreis für Verwunderung gesorgt und dem Klima innerhalb der Kabine einen weiteren Dämpfer verpasst haben. Zum einen kam Jadon Sancho am 22. November einmal mehr deutlich verspätet zum Training, als die ganze Fußballwelt von Erling Haalands vier Toren und Youssoufa Moukokos Bundesliga-Debüt beim 5:2-Sieg gegen Hertha BSC am Abend zuvor sprach.

Jadon Sancho erscheint wiederholt verspätet zum BVB-Training

Das Spiel-Ersatztraining für die Reservisten, zu denen Sancho im Berliner Olympiastadion 90 Minuten lang gezählt hatte, war für den folgenden Sonntag um zwölf Uhr angesetzt. Auf den Trainingsplänen für die Spieler heißt es wörtlich: „Spätestens eine Stunde vor Trainingsstart in Brackel sein.“ Sancho traf statt um 11 Uhr erst um kurz vor 12 am Trainingsgelände ein. Es war nach Informationen der Ruhr Nachrichten beileibe nicht die einzige Verspätung des jungen Engländers in dieser Saison, der aktuell im Formtief steckt.

Sanktioniert wurde Sancho für seine Unpünktlichkeit anders als in der vergangenen Saison nicht. Zwei Tage später stand er beim 3:0 im Champions-League-Heimspiel gegen den FC Brügge in der Startelf, erzielte ein Tor, legte einen weiteren Treffer auf und sprach davon, dass er glücklich sei, „dass der Trainer und das Team an mich glauben“. Es seien in den vergangenen Wochen „etwas härtere Zeiten für mich“ gewesen. „Ich will wieder zu den Topleistungen zurückkehren, die ich schon gezeigt habe“, sagte Sancho. Es komme nämlich darauf an, „wie man wieder zurückkommt“.

BVB-Stürmer Erling Haaland kuriert Muskelfaserriss in Katar aus

Auch Erling Haaland, als Stürmer auf dem Platz unumstritten, erntete für seinen jüngsten Trip nach Doha nur wenig Verständnis bei einigen seiner Mitspieler. Der Norweger entschied sich trotz der aktuellen Corona-Lage dafür, seinen Muskelfaserriss, den er sich Ende November nach der 1:2-Niederlage gegen den 1. FC Köln zuzog, in Katar auszukurieren, anstatt im Umfeld der Mannschaft zu bleiben und auf dem Trainingsgelände in Dortmund am Comeback zu arbeiten.

Beide Beispiele ereigneten sich vor Terzics Beförderung zum Cheftrainer. Zukünftig soll wieder ein anderer Wind wehen in Borussia Dortmunds Kabine, darauf liegt bereits jetzt der Fokus. Die Mannschaft soll geschlossener auftreten als zuletzt, als Einheit, so wie es beim 2:1-Sieg in Bremen am vergangenen Dienstag erkennbar war, beim 1:2 gegen Union Berlin am vergangenen Freitag allerdings entschieden zu selten. Als der Widerstand der Eisernen wuchs, präsentierte sich Borussia Dortmund eher als Ansammlung vieler Einzelkönner im Formtief denn als verschworene Gruppe.

BVB-Torhüter Roman Bürki: „Die ganze Stimmung ist anders“

Trotzdem sprach Mats Hummels nach der Niederlage in der Alten Försterei von einem anderen „Spirit auf dem Platz“ unter Terzic. Torhüter Roman Bürki meinte: „Die ganze Stimmung ist anders. Es ist enorm viel Stimmung drin, auch in der Kabine, das ist etwas Neues.“ Und weiter: „Einige Spieler brauchen das, dass ihnen jemand Feuer unter dem Hintern macht in manchen Situationen.“

Das BVB-Trainerteam um Edin Terzic hat viel Arbeit vor sich. © imago / Bernd König © imago / Bernd König

Das sagt viel aus, ganz bestimmt nicht nur Gutes, aber eben auch, dass das neue Dortmunder Trainerteam erste kleine Schritte bereits gegangen ist. Weitere werden folgen müssen, es geht wohl nicht von heute auf morgen. Einzelne Grüppchen, wie zum Beispiel die Gemeinschaft der französischsprachigen Spieler oder die mittlerweile beachtlich große Teenager-Fraktion werden genauso stärker zum Team geformt werden müssen wie einzelne Spieler, die sich gedanklich schon mehrmals mit einem Abschied aus Dortmund beschäftigt haben, zum Beispiel Sancho oder Manuel Akanji.

Begriff „BVB-Fußball“ muss wieder mit Leben gefüllt werden

Jeder Spieler bekomme eine faire Chance, heißt es beim BVB, aber wer nicht mitziehe, werde in Zukunft hinten runterfallen. Prominente Namen dürften keinen besonderen Schutz mehr genießen. Es gehe letztendlich darum, nicht nur von „BVB-Fußball“ zu reden, sondern ihn auch entsprechend mit Leben zu füllen. Der Erfolg der Mannschaft stehe dabei über Einzel-Schicksalen, womit man dann doch schnell wieder bei Jürgen Klopp ist: „Der Verein ist größer als wir alle.“

Oder man landet noch einmal bei Sebastian Geppert und dem Podcast „Dortmunder Jungs“. Der Gewinn der B-Jugend-Meisterschaft 2018 sei vor allem daraus resultiert, dass es gelungen sei „Individualisten zum Team geformt“ zu haben, erzählte der gebürtige Wanne-Eickeler. „Wir waren immer die lauteste Mannschaft. Wir hatten immer eine gute Stimmung und eine gute Atmosphäre.“ Davon ist Borussia Dortmunds erste Mannschaft aktuell noch ein gutes Stück entfernt.

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Tobias Jöhren, Jahrgang 1986, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Seit 2013 ist er Mitglied der Sportredaktion von Lensing Media – und findet trotz seines Berufes, dass Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist.
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Tobias Jöhren
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Premium-Jahrgang 1981. Besetzte im Mittelfeld von Rot-Weiß Unna die Acht, bevor die Position überhaupt erfunden wurde. Studium der Germanistik und Politikwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, anschließend ablösefreier Wechsel zu Lensing Media. Im BVB-Team polyvalent einsetzbar.
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Florian Groeger

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