Borussia Dortmund und die Sehnsucht nach einer langen Reise in der Champions League

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Festspiele gegen Barcelona, dazu zwei weitere interessante Gegner. Für den BVB hält die Champions League Begegnungen mit sportlich höchstem Reiz bereit. An der Zielsetzung ändert sich nichts.

Dortmund

, 17.09.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sogar Olaf Thon hat sich dieser Tage zu Wort gemeldet. Er war gefragt worden, welche Chancen er Borussia Dortmund in der ersten Partie der Gruppenphase der diesjährigen Champions League gegen den FC Barcelona einräumen würde. Gleich zu Beginn hält die Auslosung eine Partie bereit, die es in der Königsklasse noch gar nicht und in einem Pflichtspiel überhaupt erst zwei Mal gegeben hat.

Bisher nur zwei BVB-Duelle gegen Barcelona

Der BVB gegen die stolzen Katalanen, dieses Kräftemessen gab es bislang nur im europäischen Super-Cup im Jahr 1997, als der damalige Champions-League-Sieger Dortmund dem Pokalsieger-Titelträger Barcelona in Hin- und Rückspiel knapp unterlag (0:2, 1:1).

Nicht nur deshalb ist die Vorfreude auf dieses Spiel riesengroß. Nicht nur bei Marco Reus, der vor dem Fernseher bei der Auslosung Gänsehaut bekam und das Los wie alle Mitspieler auch „mega“ fand. Aber auch beim Schalker Thon, der seine Worte bekanntlich immer mit Bedacht wählt. Umso bedeutender, dass er sogar glaubt: „Borussia Dortmund ist in diesem Spiel der klare Favorit!“

Barcelona noch auf der Suche nach der Form

In seiner Kolumne im Fachblatt „kicker“ durfte Thon auch erläutern, warum er diese Meinung vertritt und hatte schlagkräftige Argumente parat. Barcelona sei noch auf der Suche nach sich selbst, findet Thon, was die bisherigen Ergebnisse durchaus bestätigten – auch wenn der Klub mit dem 5:2 am Wochenende gegen Valencia rechtzeitig in Tritt gekommen scheint. Der BVB hingegen, so Thon, sei schon früh in der Saison in Form und weitgehend eingespielt. Das drohende Fehlen von Lionel Messi kommt ja noch dazu.

So euphorisch, wie es Thon ausdrückt, wird in Dortmund naturgemäß nicht an dieses Spiel herangegangen. Aber das nicht unwichtige 4:0 am Wochenende gegen Leverkusen sorgt zumindest dafür, dass der Glaube an sich selbst nicht weiter gelitten hat. Die Reaktion auf das 1:3 bei Union Berlin war eindrucksvoll, das werden auch die spanischen Späher nicht anders bewerten.

Seit 2011 fehlte der BVB nur einmal in der Champions League

Zum achten Mal seit der finanziellen Schieflage, die Borussia Dortmund in den Jahren 2004 und 2005 in eine existenziell bedrohende Situation brachte, misst sich der BVB mit den besten Mannschaften des Kontinents. Seit die Borussia 2011 auf die Bühne der Königsklasse zurückkehrte, fehlte sie beim Konzert der Großen nur einmal. Die Konstanz, mit der der BVB Jahr für Jahr die Qualifikation für die Königsklasse bewältigt, imponiert – sie hat aber auch dazu geführt, dass die Erwartungen sukzessive gestiegen sind.

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Noch lange, bevor die Kugeln im Lostopf Borussia Dortmund den spanischen Meister und in Inter Mailand das wohl schwierigste Los aus Topf 3 bescherten, stand die Zielsetzung, dass es in dieser Saison gerne auch ein wenig mehr sein darf als „nur“ die Qualifikation für das Achtelfinale. Sie wurde auch nicht korrigiert, als das Losglück an Borussia Dortmund mit Verachtung vorbeimarschierte. Der BVB sieht sich gewappnet für das Duell mit den Besten. In dieser Gruppenphase ist das weit mehr als eine Phrase.

Barcelona ist mehr als nur Lionel Messi

Selten war die Gruppe sportlich so anspruchsvoll, selten aber waren die Partien auch so reizvoll. Der FC Barcelona steht als Leuchtturm im europäischen Fußball für sich und ist ja weit mehr als „nur“ Messi, Inter will die Phalanx von Juventus Turin brechen und hat dafür neben dem äußerst renommierten Coach Antonio Conte auch einige exzellente Fußballer verpflichtet.

Und Slavia Prag scheint sich in der Gruppe als klarer Underdog durchaus wohlzufühlen. Die Auslosung begleitete die Prager Delegation jedenfalls mit einem zunehmenden Grinsen im Gesicht. Sportlich erwartet niemand etwas von den Tschechen, aber was könnte mehr Spaß bringen, als daraus eine Menge zu machen?

Der Weg ins Finale 2012 führte über Real, Ajax und ManCity

Bei Hans-Joachim Watzke gab es nach dem Los Barcelona dieses Grinsen nicht, auch nicht nach dem Los Mailand. Es hätte durchaus etwas einfacher sein können. Auf der anderen Seite, daran erinnerte Borussia Dortmunds Geschäftsführer dann auch sogleich, habe den BVB ja eine ähnliche Konstellation vor einigen Jahren auch nicht abgeschreckt. Im Herbst 2012 wurde die Borussia in der Gruppe mit Manchester City, Ajax Amsterdam und Real Madrid sogar Gruppenerster, schaltete Real später auch noch in der K.o.-Phase aus und stürmte bis ins Londoner Finale.

Borussia Dortmund und die Sehnsucht nach einer langen Reise in der Champions League

2013 war der BVB so nach dran am Champions-League-Erfolg wie lange nicht mehr. Erst der FC Bayern München konnte den Ligarivalen stoppen. © imago

Davon zu sprechen, wäre im Vorfeld natürlich vermessen. Aber die Anspruchshaltung, auch im April noch dabei zu sein, wenn in Viertel- und Halbfinale die Besten der Besten aufeinandertreffen, die wurde nicht heruntergeschraubt.

Mehr Breite und Klasse - hohe Erwartungen

Um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, hat Borussia Dortmund in diesem Sommer eine Menge getan. Fünf Neuzugänge mit großer nachgewiesener Qualität wurden verpflichtet, insgesamt bewegte Sportdirektor Michael Zorc mehr als 120 Millionen Euro. Weil es ihm im gleichen Atemzug gelang, die Investitionen mit Verkaufserlösen in fast identischer Höhe abzusichern, klafft kein großes Loch in der Dortmunder Kasse.

Der neue Kader präsentiert sich in der Breite und Spitze verstärkt, gleichzeitig verschlankt und optimiert. Auf Verletzungen und Formkrisen möchte man besser vorbereitet, für die Duelle auf höchstem Niveau gewappnet sein. Und die ersten Saisonwochen haben bereits gezeigt, dass dieser Schritt richtig und notwendig war.

Das Achtelfinal-Aus gegen Tottenham - bitter, aber auch wertvoll

Schon das Spiel in Berlin hat allerdings gezeigt, dass die Weiterentwicklung der Mannschaft auf mehreren Säulen stattfinden muss. Neues Personal bringt neue Qualität, doch es gibt auch noch den internen Lernprozess. Die jungen Spieler haben Erfahrungen gesammelt in der vergangenen Saison, diese aber mit einigen blauen Flecken bezahlt. Das Vorjahres-Aus im Achtelfinale gegen Tottenham und die knapp verpasste Meisterschaft dienen als Lehr-Beispiel dafür, dass, als es wirklich ernst wurde, im Dortmunder Kader sowohl noch ein Stück Klasse, vor allem aber Reife fehlten.

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Und die Herausforderungen, die solche Spiele manchmal in Minuten entscheiden, lassen sich am Reißbrett schlecht planen. Man muss diese Situationen erleben, man muss sie durchstehen – und daraus lernen.

Barca ist der erste Gradmesser für die Dortmunder Ambitionen

Nicht in allen Bereichen scheint dieser Prozess so weit fortgeschritten wie erhofft. Die Niederlage in Berlin war in dieser Hinsicht schmerzhaft, doch die Reaktion der Mannschaft gegen Leverkusen macht auch Mut.

Am Dienstag kann Borussia Dortmund zeigen, dass man auch international dazugelernt hat. Die Partie gegen den großen FC Barcelona ist nur ein erster Gradmesser für die hohen Dortmunder Ambitionen.

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