BVB-Gegner Hertha BSC: Alles anders unter Bruno Labbadia

mlzGastkolumne

Bruno Labbadia hat die „Alte Dame“ reanimiert und plötzlich träumt man in Berlin wieder von Europa. Der Hertha-Trainerwechsel stellt den BVB vor eine schwierige Aufgabe.

Dortmund

, 06.06.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bis vor wenigen Wochen war völlig klar, von welchem Trainer noch in Jahren gesprochen werden würde, wenn es um Hertha BSC und das Jahr 2020 geht. Nein, Alexander Nouri hat keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, sehr wohl aber sein Vorgänger.

Von Investor Lars Windhorst und dessen hohen Ansprüchen getrieben, brachte Jürgen Klinsmann Glamour in die Hauptstadt. Auch die Dortmund-Fans werden sich an die Bilder von Selfie-Klinsmann erinnern können, beim Debüt Ende November im Olympiastadion, das die Dortmunder ihm beim 2:1-Auswärtssieg vermiesten.

Labbadia in Berlin: Sportlich und verbal kehrt Ruhe ein

Doch weil es sportlich nicht mit Hauruck gelingen sollte, entschied sich Klinsmann fürs verbale Hauruck und die Abrechnung mit Hertha. Das ist nun rund vier Monate her - und vom Trainer Klinsmann spricht in Berlin kaum noch jemand. Weil seit einigen Wochen ein neuer Mann an der Seitenlinie der Berliner steht. Einer, der sich verbal eher zurückhält. Einer, der sportlich voll eingeschlagen ist. Vorname: Bruno. Nachname: Labbadia.

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Vier Spiele, zehn Punkte, 11:2 Tore, Platz zwei. Das sind Daten einer Spitzenmannschaft. Dabei ist es nicht mehr als ein Auszug der Formtabelle mitten in der Saison. Das Besondere: Es ist die Tabelle, in der nur die Spiele einbezogen sind, die nach der langen Coronavirus-Pause in der Bundesliga gespielt wurden. Die Neustart-Tabelle - oder wie sie in Berlin sagen würden: die Bruno-Labbadia-Tabelle.

Labbadia lässt BVB-Gegner Hertha BSC von Europa träumen

Als Labbadia kam, hieß das kurzfristige Ziel: Klassenerhalt. Doch längst ist die Hertha näher an den Europapokal-Plätzen, vier Punkte Rückstand, als am Abstiegsrelegationsplatz 16, elf Punkte Vorsprung. Es sieht ganz danach aus, als könnte Hertha unverhofft schon ein Jahr früher als gedacht ums europäische Geschäft mitspielen - wie es von Investor Windhorst, der in diesem Jahr weitere 150 Millionen Euro in die „Alte Dame“ investiert, und mit Spielern wie Krzysztof Piatek auch nicht anders erwartet wird.

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Doch derzeit noch viel wichtiger: Labbadia hat Hertha durch den 4:0-Sieg über den 1. FC Union zum Berliner Stadtmeister gemacht, nachdem das Team unter Klinsmanns Vorgänger Ante Covic das Hinspiel noch mit 0:1 verloren hatte. Es sind mittlerweile sieben Punkte Vorsprung auf den Rivalen, vor Labbadias Ankunft lag Hertha noch hinter Union.

Bei Hertha BSC läuft es plötzlich in die richtige Richtung

Es läuft plötzlich in die richtige Richtung bei Hertha BSC. Und es gibt tatsächlich keinen Grund für die Berliner, sich zu verstecken im Kampf um die Plätze sechs und sieben. Denn unter Labbadia ist Hertha eins von nur drei Teams, das kein Spiel verloren hat nach der Coronavirus-Pause.

„Ich glaube, ich bin heute der beste Trainer, der ich je war“, sagte Labbadia nach dem 2:0-Sieg gegen den FC Augsburg am vergangenen Wochenende. Ein Glück für Hertha, dass der beste Trainer ausgerechnet dann frei war, als sie ihn unbedingt benötigten. Allerdings wird ein reiner Fokus auf Labbadia der Situation nicht vollends gerecht. Auch wenn er die Spieler, die unter ihm für Stabilität sorgen, perfekt zu mischen wusste.

Hertha BSC setzt auf wenig Rotation

Während seine drei Vorgänger die Mannschaft nicht selten schwindelig rotierten, hat Labbadia in den wenigen Wochen Vorbereitung seinen Stamm gefunden. In den vier Spielen seit dem Neustart standen acht Spieler immer in der Startelf - und die anderen drei Akteure tauschte der Coach nur, weil ihm aufgrund von Verletzungen nichts anderes übrig blieb.

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Beispielsweise Marvin Plattenhardt und Matheus Cunha, die derzeit aufgrund von Gehirnerschütterungen fehlen. Zuvor lernte der eine, Plattenhardt, dank Labbadia plötzlich wieder flanken und bereite bereits drei Tore vor. Und Winter-Neuzugang Cunha dribbelt den Verteidigern Knoten in die Beine. Das Problem: Beide werden in Dortmund noch nicht wieder dabei sein. So müssen es andere richten.

Hertha-Kapitän Ibisevic meldet sich zurück

Zum Beispiel die neu etablierte Innenverteidigung mit Jordan Torunarigha und Dedryck Boyata, die lediglich zwei Gegentore kassierte. Gerade Abwehrchef Boyata war mit seiner robust-schnellen Spielweise maßgeblich daran beteiligt. Kapitän Vedad Ibisevic rollte Labbadia gar vom Abstellgleis hervor - und der dankte es ihm mit zwei Toren und zwei Vorlagen. Ibisevic ist nicht nur 35 Jahre alt, sondern auch der beste Berliner Scorer der Labbadia-Ära.

Einer, der sogar noch gefühlt ein paar Wagen hinter Ibisevic auf dem Gleis stand, ist aber die wohl überraschendste Entdeckung Labbadias. Zwar holte bereits Vorgänger Nouri Peter Pekarik in Paderborn im Februar hinten rechts zurück in die Startelf - doch unter Labbadia spielt Pekarik fast wie zu alten Zeiten. Es war ein kluger Schachzug, ihm, ebenso wie Per Skjelbred, das Vertrauen zu geben. Sie sind zwei Spieler, die nichts aus der Ruhe bringt, die in kniffligen Situationen oft die einfache Lösung suchen und damit in der jetzigen Phase Gold wert sind.

Hertha BSC erlebt eine Art Renaissance

Gerade Pekarik steht somit sinnbildlich für die Saison von Hertha BSC. Erst mit allerlei Sorgenfalten, Unzufriedenheit und angezogener Handbremse. Doch mit Vertrauen von außen und in die eigene Arbeit plötzlich völlig frei aufspielend. Hertha erlebt eine Art Renaissance in der Saison, die eigentlich einfach nur vorbei sein sollte.

Zu dieser Wesensveränderung und Stabilität kommt in der Offensive noch die Unberechenbarkeit dazu. Die elf Treffer in den Spielen unter Labbadia verteilen sich auf acht verschiedene Torschützen. Hertha ist die Mannschaft mit dem zweitschwächsten besten Torschützen der Liga - Dodi Lukebakio mit sechs Toren - vor dem SC Paderborn.

BVB trifft auf einen Gegner mit Selbstbewusstsein

Diese ganzen Faktoren innerhalb des Labbadia-Effekts sorgen dafür, dass Hertha nicht als krasser Außenseiter nach Dortmund reist. In Leipzig holten die Berliner zuletzt einen verdienten Punkt, der BVB kann sich auf eine Mannschaft mit Selbstbewusstsein einstellen.

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