Dass Mainz seit einem Jahrzehnt in der Bundesliga mitmischt, ist keine Selbstverständlichkeit, findet unser Gast-Autor Henning Kunz. Der BVB-Gegner - und sein besonderen Trainer - im Fokus.

von Henning Kunz

Mainz

, 13.04.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als die Ränge des alten Bruchwegstadions noch so staubig und grau waren wie das Spiel der Mainzer Mannschaft, mischte sich der Schüler Sandro Schwarz hin und wieder unter die hartgesottenen Anhänger unterm Wellblechdach. Die Eintrittskarte kostete fünf Mark, die obligatorische Ditsch-Brezel am Eingang 90 Pfennige, das Stadionheft nichts.

Im „Fanshop“ gab es vor dem Anpfiff eine Batschkapp mit 05-Emblem, eine Fahne, ein Schal und ein paar Aufkleber zu kaufen - ein Angebot, so überschaubar wie die Leistungen und Aussichten der Zweitligakicker. Überlebenskampf im Unterhaus, das war der Alltag. In der Kabine stand eine vom Schimmelpilz befallene Badewanne, in die sich „zum Entmüden“ zwei Spieler pressten.

Eines der größten Talente ging „nuff“ zum Bruchweg

Nicht wenige Spieler hatten leistungsorientierte Verträge mit niedrigem Gehalt und hoher Punktprämie. Das Problem: Sie punkteten so gut wie nie. Anfang der 90er war die Bundesliga also so weit entfernt wie Mainz vom Mond. Und Sandro Schwarz, damals zehn, elf Jahre alt und in seinem Jahrgang eines der größten Talente der Region (damals noch im Dress seines Heimatvereins SV 07 Bischofsheim), ging trotzdem „nuff“. Nuff zum Bruchweg.

Zur Person

Henning Kunz
BVB-Gegner im Fokus: Sandro Schwarz als Mainz-Trainer - das hat etwas Märchenhaftes

Henning Kunz begleitet den nächsten BVB-Gegner Mainz 05 als stellvertretender Ressortleiter Sport der Allgemeinen Zeitung.

Warum ich diesen alten, staubigen Schinken auspacke? Weil die Menschen, auch die Mainzer, viel zu schnell vergessen. Vergessen, wo sie eigentlich herkommen. Dass die 05er seit nunmehr einem Jahrzehnt ohne Unterbrechung in der Bundesliga mitmischen und das meistens ohne größere Sorgen - das ist alles, nur keine Selbstverständlichkeit. Fragen Sie mal in Hamburg, Köln oder Stuttgart nach.

Eine märchenhafte Entwicklung

Dass bei den 05ern an der Seitenlinie nun einer steht, der in Mainz geboren ist, in Mainz zur Schule ging und sich als Kind die fußballerischen Experimente gegen Meppen (übrigens: 1:6) oder Schweinfurt angeschaut hat (und das völlig freiwillig!), der später als Teenager selbst an den Bruchweg wechselte und mit 19 sein Zweitliga-Debüt feierte, das allein hat etwas Märchenhaftes.

Ja, und Sandro Schwarz gehörte 2004 zu den Aufstiegshelden, auch wenn er selbst den Aufstieg nicht wahrnahm und nach einer neuen Herausforderung suchte. Sein erstes Bundesliga-Spiel? Das erlebte er erst als Trainer von Mainz 05. So schließt sich der Kreis.

Fußballromantiker bekommen Herzklopfen

So eine Geschichte lässt die Herzen aller Fußballromantiker höher schlagen. Ehrlich gesagt: meines auch. Und es ist ja nicht die Vorgeschichte, die Sandro Schwarz zu dem gemacht hat, was er heute ist. Es ist sein Eifer, seine Attitüde, seine Akribie, seine Begeisterung, sein Fachwissen und letztlich auch seine authentische Art, wie er es rüberbringt.

BVB-Gegner im Fokus: Sandro Schwarz als Mainz-Trainer - das hat etwas Märchenhaftes

© Deltatre

Sandro Schwarz trägt die Mainz-05-DNA in sich. Fans anderer Klubs, die ihre Trainer schneller wechseln als das alljährliche Trikotsortiment, blicken schon ein bisschen neidisch nach Rheinhessen. Doch wie gesagt: Wie schnell ist das alles vergessen.

Unwirkliche Touren durch Europa

Der Lauf der Zeit, der Lauf der Erlebnisse hat auch in Mainz seine Spuren verlassen. Auch hier haben sich im Umfeld Erwartungen verändert, nachdem man zwei, drei Mal ein so außerordentlich gutes Jahr hinlegte und plötzlich durch Europa touren durfte. Absolute Ausnahmen. Fast ein bisschen unwirklich.

Manchmal werden die Verantwortlichen beschmunzelt, wenn sie vor der Saison den Klassenverbleib als das Nonplusultra preisen. Und doch haben sie Recht. Ist es doch so, dass sich der Fußballsportverein fast in jeder Saison neu erfinden muss, wenn im Sommer mal wieder die besten Spieler nach neuen Herausforderungen suchen.

Kein wirklicher Bruch

So viele Umbrüche, kein wirklicher Bruch - auch das ist eine großartige Leistung. Und deshalb ist es natürlich Quatsch, dass ein besonderer Trainer wie Sandro Schwarz nach vier verlorenen Spielen am Stück in Fankreisen angezählt wird, obwohl der Klassenverbleib, das größte aller Ziele in jeder Saison, fast eingetütet ist.

Die Bilanz des Hinspiels am 12. Spieltag.

Die Bilanz des Hinspiels am 12. Spieltag. © Deltatre

Zum Glück lassen sich die Verantwortlichen um Sportvorstand Rouven Schröder und Präsident Stefan Hofmann (zwei echte Fußballfachmänner) nicht von Stimmungen, Ergebnissen und Tendenzen leiten. Sondern nur von ihrer Überzeugung.

Schwarz macht sich keinen Kopf über ungleiche Vergleiche

Und sie sind überzeugt - von ihrem Weg und von ihrem Coach, der im Umfeld allzu oft mit seinen prominenten Vorgängern aus der 05-Trainerschmiede verglichen wird. Ein ungleicher Vergleich. Das Erbe von 05-Trainerikonen wie dem ewigen Kloppo oder dem von den Sympathiewerten weit weniger gut gelittenen, ob seines außerordentlichen Fachwissens aber zumindest respektierten Thomas Tuchel kann gewiss eine Bürde sein.

Schwarz macht sich keinen Kopf. Klar, sein Kumpel Kloppo hat ihn inspiriert. Aber er geht seinen eigenen Weg. Es ist ein echter Mainzer Weg.

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