Jules Kounde (M.) bekommt es mit Erling Haaland zu tun. © dpa
Champions League

BVB-Gegner Sevilla: „Was sie für Spieler aus dem Hut zaubern, ist Wahnsinn“

BVB-Gegner FC Sevilla gehört zu den Top-Teams in La Liga. Im Interview spricht der spanische Journalist Miguel Gutierrez über Stärken, Schwächen und eine besondere Personalpolitik.

Auf Borussia Dortmund wartet im Achtelfinale der Champions League ein richtig dicker Brocken. Heute Abend geht es für die Borussen gegen den FC Sevilla (21 Uhr, live bei DAZN) – ein Duell der Gegensätze. Wir haben mit dem spanischen Journalisten Miguel Gutierrez über Stärken und Schwächen des BVB-Gegners gesprochen. Er lebt in Madrid, stammt aber aus Dortmund und stand früher bei den Spielen der Borussen auf der Südtribüne.



Was sind die herausragenden Stärken des FC Sevilla?
Sevilla ist aktuell Vierter in Spanien hinter Atletico, Real und Barcelona und seit Jahren international dabei. In der vergangenen Saison haben sie die Europa League gewonnen. Sie sind das, was man sich unter einer klassischen spanischen Mannschaft vorstellt. Sie spielen 4-3-3, sehr offensiv, technisch versiert und kommen mit vielen verschiedenen Spielern zum Abschluss. Sie sind körperlich keine große Mannschaft, versuchen das aber in Eins-gegen-Eins-Situationen zu kompensieren. Fast jeder Spieler hat Lösungen in diesen Situationen. Sevilla ist eine sehr intelligente und gefährliche Mannschaft. Obwohl sie in der Vergangenheit regelmäßig viele Spieler verloren haben, schaffen sie es immer wieder, oben dabei zu sein. Sportdirektor Monchi ist für mich neben Michael Zorc der beste Sportdirektor in Europa. Was Sevilla für junge, unbekannte Spieler aus dem Hut zaubert, ist der Wahnsinn. Fast alle Spieler, die nach Sevilla gekommen sind, haben funktioniert.

Welchen Anteil hat Trainer Julen Lopetegui am Erfolg?

Er lässt sehr offensiv spielen, mit viel Ballbesitz. Beim 3:0 gegen Cadiz vor ein paar Wochen hatten sie 80 Prozent Ballbesitz. Selbst gegen Real Madrid waren es 63 Prozent. Sie wollen unbedingt den Ball halten, sie wollen den Gegner kontrollieren. Das lässt er zelebrieren. Zudem ist er ein großer Motivator. Ich habe ihn persönlich kennengelernt. Er ist sicherlich einer der Top-Trainer, nicht nur in Spanien, sondern international.

Sevilla stellt die zweitbeste Abwehr der spanischen Liga. In 22 Spielen haben sie erst 16 Gegentore kassiert. Wer sind die wichtigsten Köpfe?

Sie haben mit Jules Kounde und Diego Carlos zwei Top-Innenverteidiger. Da möchte ich vor allem den 22-jährigen Kounde hervorheben. Er ist nur 1,78 Meter groß, hat aber trotzdem eine große Sprungkraft. Außerdem spielt er den Ball gut von hinten heraus. Er ist sehr aggressiv in Eins-gegen-Eins-Situationen. Ganz Spanien spricht über das Duell zwischen ihm und Haaland. Das wird sehr interessant. Haaland wird in den direkten Zweikämpfen die Zentimeter nutzen müssen, die er mehr hat. Dadurch, dass sie viel den Ball haben, kommt der Gegner natürlich auch seltener in den Strafraum, aber es stimmt, sie kassieren sehr wenig Tore, spielen sehr diszipliniert und haben eine hohe Passgenauigkeit. Gerade hat Sevilla ein großes Manko. Die gesamte linke Seite mit Linksverteidiger Marcos Acuna und Linksaußen Lucas Ocampos ist ihnen weggebrochen. Über die rechte Seite Druck zu machen und Ersatzmann Sergio Escudero in direkte Duelle zu zwingen, kann eine Chance für den BVB sein.

Wie wichtig ist Ivan Rakitic für die Mannschaft?

Sehr wertvoll. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb. Er war ja vor seinem Wechsel zum FC Barcelona schon bei Sevilla. Er ist so etwas wie der Taktgeber. Er hat einen sehr guten Abschluss. Rakitic war nie der schnellste Spieler, aber mit seinen Pässen setzt er Leute wie Luke de Jong oder Youssef En-Nesyri in Szene. Rakitic ist ohne Zweifel eine Persönlichkeit. Er sagt auch, er fühle sich wie ein Sevillianer. Er hat eine Frau aus Sevilla geheiratet und möchte irgendwann fest dort leben. Er ist ein ganz, ganz wichtiger Spieler, vor dem die Gegner immer Respekt haben sollten.

Youssef En-Nesyri ist mit 13 Treffern derzeit der drittbeste Stürmer nach Luis Suárez und Lionel Messi in der spanischen Liga. In der Champions League hat er schon viermal getroffen. Auf was für einen Stürmer muss sich der BVB da gefasst machen?

Er ist die schnelle Variante von Sevilla. Die langsamere, die behäbigere ist Luuk de Jong, der eher ein Strafraumstürmer ist. En-Nesyri kann auch aus dem Rückraum mit Tempo kommen. Technisch ist er nicht der allerbeste, aber er hat einen guten Abschluss und setzt seinen Körper gut ein. Er wird viel von seinen Mitspielern gesucht. Es muss ein schneller Verteidiger gegen ihn spielen, sonst läuft er einem davon. Dortmunds Abwehr muss generell aufpassen. Die Spieler von Sevilla lassen sich gerne mal fallen und versuchen, den ein oder anderen Elfmeter rauszuholen.

Wer ist der Favorit im Achtelfinale?

Im Hinspiel ist für mich Sevilla Favorit, obwohl sie ohne ihr super Publikum spielen müssen. Es ist eine der besten Kulissen im spanischen Fußball. Die wird fehlen. Mit dem guten Lauf, den der FC Sevilla momentan hat, ist das Team Favorit. Ich hoffe natürlich, dass der BVB in Sevilla mindestens ein Tor macht. Ein Vorteil für Borussia Dortmund könnte sein, dass zuerst in Spanien gespielt wird. Ich tippe ein 1:1. En-Nesyri und Haaland treffen. Das wäre sicherlich eine gute Ausgangssituation. Die spanischen Medien sprechen übrigens trotz der aktuellen Krise in höchsten Tönen vom BVB. Dortmund ist ein beliebter Verein in Spanien mit einem unglaublich hohen Standing und auch der FC Sevilla freut sich auf den BVB.

Über den Autor
Sportredaktion Dortmund
Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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Sascha Klaverkamp

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