BVB-Held Wolfgang Paul: Als erster Deutscher hält er den Europapokal

Borussia Dortmund

Im Hampden Park zu Glasgow wurden Helden geboren. Heute vor 54 Jahren holte der BVB dort den Europapokal. Angeführt von Kapitän Wolfgang Paul.

Dortmund

, 05.05.2020, 13:02 Uhr / Lesedauer: 4 min
BVB-Legende Wolfgang Paul.

BVB-Legende Wolfgang Paul. © picture alliance / dpa

Die Dortmunder Borussen waren der klare Außenseiter. In allen Wettbüros auf der englischen Insel und auch für Bill Shankly. „Wir sind unschlagbar“, betonte der Manager des FC Liverpool vor dem Finale im Europapokal der Pokalsieger gegen den BVB. Doch dann erlebten Shankly und Liverpool ihr schwarzgelbes Wunder. Im Glasgower Hampden Park kämpfte die leidenschaftlich auftretende Borussia den Favoriten am 5. Mai 1966 nieder.

BVB holte als erste deutsche Mannschaft den Europapokal

Sigfried Held hatte den BVB in Führung gebracht, Roger Hunt für die Reds ausgeglichen. Es ging in die Verlängerung. Und dann kam die 106. Minute. Borussias Flügelstürmer Stan Libuda zog beherzt aus rund 30 Metern ab, seine Bogenlampe klatschte an den linken Pfosten, flog von dort Liverpools Verteidiger Ron Yeats ans Bein und trudelte dann ins Tor. 2:1 für den BVB. Dortmund feierte und avancierte zur ersten deutschen Mannschaft in der Geschichte, die einen Europapokal holte.

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Die Namen der damaligen Spieler haben sich einen ewigen Platz in der Klubgeschichte gesichert. Hoppy Kurrat, Aki Schmidt, Hans Tilkowski, Lothar Emmerich, Theo Redder und die anderen Europapokalhelden von 1966. Und vor allem ihr Kapitän: Wolfgang Paul. Der heute 80-jährige Sauerländer erinnert sich mit einem Lächeln an den 5. Mai 1966, „den Tag, der mein Leben geprägt hat“.

BVB-Held Wolfgang Paul: Einsatz, Wille, Kampfgeist

Das schwarzgelbe Trikot völlig verdreckt, der Matsch hängt auch in seinen Haaren und im Gesicht. Erschöpft nach getaner Arbeit stapft er vom Platz. Dieses Foto von sich mag Wolfgang Paul besonders gern. Kein Wunder, zeigt es doch auf einen Blick, wofür er einst als Fußballer stand: Einsatz, Wille, Kampfgeist. „Damit habe ich manche Schwäche wettgemacht“, sagt Paul und schmunzelt.

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Seine Augen strahlen, wenn die Erinnerungen an die große Zeit wieder lebendig werden, wenn er in Gedanken die großen Spiele, die ihn zur Legende werden ließen, noch einmal spielt. „Sauerländer Eiche“, „Turm in der Schlacht“, „der Lange“ oder „der Stopper“, so riefen ihn die Fans. Sie bewunderten, wie hart und trotzdem fair er die gegnerischen Angreifer abkochte, wie furchtlos er Grätschen ansetzte, wie er hoch in die Luft stieg und in Kopfballduellen triumphierte. Und wie klug er Borussia Dortmund zum Erfolg führte.

Borussia Dortmund und die goldenen Sechziger

Es waren die goldenen Sechziger Jahre, in denen der BVB gewaltig an Strahlkraft gewann - auch dank Kapitän Wolfgang Paul. Die Borussen hatten 1963 die Deutsche Meisterschaft gewonnen, 1965 den DFB-Pokal. Doch die Sternstunde, die einen Mythos schuf, gelang dem BVB im Hampden Park zu Glasgow. „Der 5. Mai 1966 hat mein ganzes Leben geprägt“, sagt Wolfgang Paul. Dieses Endspiel im Europapokal der Pokalsieger, dieser famose Kampf gegen den favorisierten FC Liverpool.

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„Regen, Matsch, ein tiefer Platz, viele hatten Wadenkrämpfe, dann das 1:1, obwohl der Ball im Aus war. Aber wir haben nicht aufgesteckt, haben weiter alles gegeben“, erinnert sich Paul, der stark spielte gegen Liverpool. Und sie gewannen tatsächlich dieses Finale in der Verlängerung, siegten mit 2:1. Kapitän Paul nahm überglücklich den Europapokal in Empfang. Als erster deutscher Spieler überhaupt. „Ein großartiger Moment“, gesteht er.

BVB gewinnt den Europapokal: Flasche Bier und ein Fischbrötchen

Einer der größten Momente der deutschen Sportgeschichte, den selbst Borussia Dortmunds Bosse zuvor nicht für möglich gehalten hatten. Denn eine Feier für die Mannschaft war nicht vorbereitet worden. Zurück im Hotel gab es eine Flasche Bier und ein Fischbrötchen, das war’s. Die Rückkehr nach Dortmund übertraf dagegen jegliche Vorstellungskraft.

In einem Autokorso durch ein dichtes Spalier jubelnder Menschen am 06. Mai 1966 in Dortmund fahren Trainer Willy Multhaup (v.l.), Kapitän Wolfgang Paul, der triumphierend den Pokal zeigt, und Klubpräsident Stork.

In einem Autokorso durch ein dichtes Spalier jubelnder Menschen am 06. Mai 1966 in Dortmund fahren Trainer Willy Multhaup (v.l.), Kapitän Wolfgang Paul, der triumphierend den Pokal zeigt, und Klubpräsident Stork. © picture alliance / dpa

Schon viele Kilometer vor Dortmund standen die Menschen dicht an dicht Spalier und bejubelten ihre Fußballhelden, Hunderttausende Fans waren auf den Beinen in der Stadt, an der BVB-Wiege Borsigplatz und feierten. „Das war unbeschreiblich“, sagt Wolfgang Paul, „und dann musste ich auf einmal mit dem Pokal zur Sportschau. Ich, der Bursche aus dem Sauerland.“ Den spätestens jetzt jedes Kind kannte. Wenn er seine Frau Almuth bei der Arbeit im Dortmunder St.-Johannes-Hospital besuchte, versetzte das die Station in Aufruhr. Alle wollten ein Autogramm. „Auch die Nonnen“, verrät Paul.

BVB-Held Wolfgang Paul malte das Sauerland schwarzgelb an

Keine Frage, der junge Mann war ein Star. Plötzlich gab es sogar im Sauerland viele BVB-Fans, „vorher war hier nur Schalke angesagt“, weiß Paul und blickt in Bigge aus seinem Wohnzimmersessel hinaus in den Garten. Dorthin, wo ein großer, gelb lackierter Scheinwerfer im Boden verankert ist. „Das war früher ein Flutlichtstrahler im Stadion Rote Erde“, sagt Paul, „einmal Borusse, immer Borusse. Für mich kam nie etwas anderes infrage. Ich hatte Angebote aus Gladbach und West Ham, aber ich hänge an diesem Verein, habe viel mitgemacht.“

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Max Merkel, sein erster Trainer beim BVB, „hat mich geschleift, das war Training am Limit“. Fischken Multhaup, der ihn zum Kapitän machte, sei „eine Vaterfigur“ gewesen. Paul stand zusammen mit anderen Klublegenden auf dem Rasen, mit Hoppy Kurrat, Lothar Emmerich, Aki Schmidt, Hans Tilkowski. Sein liebster Mitspieler? Willi Sturm. „Wir hatten schon in der Westfalenauswahl zusammen gespielt, waren Brüder im Geiste, gleiche Typen. Er ist leider sehr früh verstorben“, sagt Paul, „ich konnte es aber eigentlich mit jedem gut, sonst wäre ich auch nicht Spielführer geworden.“

Wolfgang Paul: „Du musst ein Vorbild sein“

Was ein Kapitän besonders gut können muss? „Schlichten, die Spieler, die aus der Reihe tanzen oder sauer sind, weil sie nicht spielen, zur Vernunft bringen. Man muss ein bisschen so ein Drahtzieher sein. Und du musst ein Vorbild sein, Einsatz und Motivation zeigen. Ich bin nie vom Platz geflogen, obwohl die anderen ja meinten, ich hätte recht hart gespielt.“

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Und er musste als Kapitän klare Kante zeigen. Stan Libuda, Borussias verrückten Dribbler, den Siegtorschützen 1966 in Glasgow, ihn musste Paul häufiger in die Schranken weisen. Oder die Posse um die Schuhe Lothar Emmerichs. Wolfgang Paul hatte mit Adidas eine Vereinbarung für die gesamte BVB-Mannschaft getroffen. „Das machte damals der Spielführer.“ Es gab Geld und Schuhe des Sportartikelherstellers für alle im Team. Emmerich aber schloss eine eigene Vereinbarung mit Adidas-Rivale Puma ab. „Also habe ich unserem Zeugwart Emmerichs Puma-Schuhe gegeben, der hat sie dann schwarz angemalt und drei Adidas-Streifen drübergemacht - und in diesen Schuhen musste Emma dann spielen“, sagt Paul.

Wolfgang Paul stärkt BVB-Coach Favre den Rücken

Noch heute fehlt Wolfgang Paul bei keinem Heimspiel seines BVB. Urlaubsreisen gibt es nur außerhalb der Saison. Er hat einen festen Platz im Stadion, hält engen Kontakt zur Klubspitze um Präsident Dr. Reinhard Rauball und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, fungiert als Vorsitzender des Ältestenrates, sagt noch immer ruhig aber klar seine Meinung. So wie in der Diskussion um Borussias aktuellen Trainer Lucien Favre: „Ich halte große Stücke auf ihn. Wir brauchen keinen Schreihals an der Linie. Ich finde, dass er einen sehr guten Job macht. Ich war später 25 Jahre lang Trainer, ich kann das nachvollziehen.“

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