BVB-Hinrundencheck: Der wundersame und wandelbare Trainer Lucien Favre

mlzBorussia Dortmund

Eben noch auf Titelkurs, dann ein Kandidat für einen baldigen Rauswurf: BVB-Trainer Lucien Favre hat ein verrücktes Jahr 2019 erlebt, in dem auch er selbst sich verändert hat.

Dortmund

, 01.01.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vom eintönigen Lucien Favre hatten sich die BVB-Fans ihr Bild gemacht nach etwas mehr als 16 Monaten. So lange amtierte der Schweizer als Dortmunder Cheftrainer zu dem Zeitpunkt, an dem eine Ablösung niemanden mehr überrascht hätte.

Ob Favre noch zu retten sei nach dem 3:3 gegen den SC Paderborn, lautete die Frage. Von den mehreren Tausend Internetnutzern, die bei der Abstimmung ihr Urteil fällten, klickten neun von zehn auf Nein. Nein, dieser Lucien Favre erreiche die Mannschaft nicht mehr, die BVB-Bosse sollten ihm das Vertrauen und das Mandat als Übungsleiter entziehen.

Lucien Favre entwickelte bis dahin verborgene Facetten

In der Nacht des 22. November sah wenig danach aus, dass der öffentlich und intern längst in Zweifel geratene Trainer noch länger verantwortlich an der Linie stehen dürfte bei Borussia Dortmund. Führungsspieler und Trainerteam diskutierten stundenlang, noch vor Ort im Stadion und am nächsten Morgen in größerer Runde am Trainingsgelände.

BVB-Hinrundencheck: Der wundersame und wandelbare Trainer Lucien Favre

Besonders nach dem Spiel gegen den SC Paderborn wurde über Lucien Favres Zukunft beim BVB diskutiert. © Kirchner-Media

Es fielen klare Worte, ehrliche Selbstkritik wurde geäußert – und siehe da: Jener Lucien Favre, an dem sich viele Fans satt gesehen und gehört hatten, entwickelte andere, bis dahin verborgene Facetten seiner vielen Trainer-Fähigkeiten. Trotz einer Hinrunde, die vor allem in der Bundesliga einer Achterbahnfahrt glich, sitzt Favre zu Beginn des Jahres 2020 sicher auf seinem Stuhl. Gehalten auch von einem starken Team um sich herum.

Lucien Favre hat die Flucht nach vorne gesucht

Der Trainer sei „emotionaler und energischer geworden. Das überträgt sich auch auf uns“, sagte Abwehrchef Mats Hummels wenige Tage später. Bei der Ansprache, in seiner Dynamik - mit dem Rücken zur Wand hat Favre die Flucht nach vorne gesucht.

Ohne sich selbst untreu zu werden. „Damit“, so Hummels, „hat er uns absolut auf den richtigen Weg gebracht.“ Sein Vorgesetzter präsentierte sich engagierter, leidenschaftlicher, damit packte er seine letzte Gelegenheit beim Schopf.

Denn im aufgeheizten Fußball gilt als Bemessungsgrundlage der Leistungsfähigkeit viel zu oft nur das Ergebnis des letzten Spiels. Wie Favre den taumelnden BVB 2018/19 fast zur Meisterschaft geführt hat, haben viele längst vergessen. Sie erinnern sich eher daran, dass seine Mannschaft den möglichen Titel zaudernd verzockte. Dem Trend folgend, kickt Borussia Dortmund kontinuierlich erfolgloser, in den drei Halbserien unter dem Schweizer Favre stehen nach 42 und 34 Punkten aktuell nur 30 Zähler auf der Habenseite.

Erstaunlich wenig, wenn man das herausragende Potenzial des schwarzgelben Kaders betrachtet. Erstaunlich viel, wenn man die gefühlte Dauerkrise im Herbst 2019 im Hinterkopf behält. Allen Vorbehalten trotzend, hat Favre Durchhaltevermögen bewiesen und seine außergewöhnlichen Fähigkeiten auch in schwierigen Zeiten eingebracht.

Der BVB hat nur drei Ligaspiele verloren

Kritiker halten ihm vor, dass er mit seiner zaghaften Art, etwa wenn er auch den schwächsten Bundesliga-Gegner noch als Giganten preist, die falschen Vorzeichen setze. Oder dass er im November zu der Systemumstellung von 4-2-3-1 auf 3-4-3, die brachliegende Qualitäten wieder zu Tage förderte und weniger taktisch als energetisch und mental ihre Wirkung entfaltete, erst intern überredet werden musste.

BVB-Hinrundencheck: Der wundersame und wandelbare Trainer Lucien Favre

Lucien Favre zeigte sich zuletzt deutlich emotionaler. © imago images/Jan Huebner

Fakt bleibt jedoch auch, dass der BVB nur drei Ligaspiele verloren hat, das letzte davon in Hoffenheim höchst unglücklich. Kein Spieler hat sich hervorgetan mit einer öffentlicher Bemäkelung Favres. Torhüter Roman Bürki wunderte sich jetzt noch in einem Interview mit dem „Blick“, dass er noch nie erlebt habe, dass ein Trainer permanent so stark in der Kritik stünde.

Favre selber tut so, als gingen ihn die Debatten rund um seine Person nichts an. Er will sich auf seine Arbeit konzentrieren. Für das unterhaltende Element im Showbusiness Bundesliga hat er höchstens Abneigung übrig - vielleicht nicht einmal das.

Lucien Favre kritisierte seine Mannschaft zuletzt deutlich

Als der BVB nach einem 2:1 gegen Slavia Prag das Achtelfinale buchte, stürmte Favre über den Rasen und herzte jeden seiner Profis, „fantastisch für uns alle“ fand der den Einzug in die K.o.-Runde. Auf der Südtribüne stimmten die ersten Fans „Lulu, Lulu“-Sprechchöre an in Anlehnung an den Kosenamen des Coaches. So weit kann es gehen. Beste Eigenwerbung in Bildern. Die zugehörigen Worte würde der demütige Favre nie in den Mund nehmen.

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Wie weit Favre auf der anderen Seite auch gehen kann, ist spätestens seit dem letzten Ligaspiel im Dezember auch klar. „Dumm“ habe seine Mannschaft gespielt. So einen unverblümten und direkten Konfrontationskurs hatte man ihn selten einschlagen gesehen. Eine weitere neue Spielart des Coaches. Sage noch einer, mit Favre sei es eintönig.

Zu Beginn der Vorbereitung ist Favre in seinem Element

Wenn das neue Kalenderjahr beginnt, wird der 62-Jährige wieder in seinem Element sein. Zwei Wochen lang Training, Vorbereitung. Nur der Ball, die Profis und viel Rasen. Favre wird glücklich sein.

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