Wohnen im BVB-Jugendhaus: Youssoufa Moukoko (r.) und Ansgar Knauff. © BVB / Mareen Meyer
Borussia Dortmund

BVB-Jugendhaus: Julia Porath passt auf Moukoko und Co. auf

Julia Porath leitet seit Anfang 2020 das BVB-Jugendhaus. Sie kümmert sich um 22 Talente und bereitet sie auf ein Leben außerhalb der Fußballblase vor. Prominentester Bewohner: Youssoufa Moukoko.

Es ist die Art, wie sie spricht – klar, mit leichtem Singsang, nicht so derb – die verrät, dass Julia Porath keine gebürtige Dortmunderin ist. Und eigentlich, ja eigentlich, wollte sie auch nie eine zugezogene Dortmunderin werden. Im Ruhrgebiet zu leben, das war für die Frau aus Norddeutschland lange Zeit unvorstellbar. Bis vor etwas mehr als einem Jahr ihr Telefon klingelte – und sie ein Angebot erhielt, das sie davon überzeugte, es doch mal zu versuchen.

Die Suche beim BVB nach einer neuen Jugendhaus-Leitung

Dieser Anruf kam von Matthias Röben, dem pädagogischen Leiter der Jugendabteilung von Borussia Dortmund. Die Schwarzgelben waren auf der Suche nach einer neuen Leitung für das Jugendhaus, das 2014 eröffnete BVB-Internat auf dem Trainingsgelände in Brackel. Denn die bisherigen Leiter, Franziska und Marvin Mainoo-Boakye, gaben ihre Position ab. Und Julia Porath war für Matthias Röben und Nachwuchskoordinator Lars Ricken die perfekte Kandidatin – weil sie die Arbeit im Fußball-Nachwuchsleistungszentrum kennt, weil sie selbst einen Sohn auf dem Weg zum Fußballprofi begleitet hat – und vielleicht auch, weil sie mit ihrer offenen, direkten Umgangsweise eben doch perfekt hierher passt, mitten in den Ruhrpott. Julia Porath gab sich etwas Bedenkzeit. „Ich war sehr überrascht“, erzählt sie.

Julia Porath leitet seit Anfang 2020 das BVB-Jugendhaus in Brackel. © Groeger © Groeger

Vier, vielleicht fünf Jahre war es her, dass sie zum ersten Mal Kontakt zum BVB hatte. Damals war sie noch pädagogische Mitarbeiterin beim Hamburger SV, arbeitete im dortigen Jugendinternat. Um zu sehen, wie andere Bundesligisten ihre Nachwuchsleistungszentren führen, reiste sie durch die Republik. Der Besuch beim BVB habe sie damals schwer beeindruckt. So weit wie in Dortmund waren sie beim HSV damals noch längst nicht, sagt sie. 2019 machte sie sich selbstständig, schrieb einen Leitfaden für junge Fußballprofis, einen Ratgeber für Eltern, hielt einen Vortrag beim Deutschen Fußball-Bund. Dann rief der BVB an.

Ricken sagte beim Vorstellungsgespräch: „Wir wollen die Besten sein“

Beim Vorstellungsgespräch habe Lars Ricken zu ihr gesagt: „Wir wollen die Besten sein. Ist das auch Ihr Leitspruch?“ Das habe sie überzeugt. „Ich finde nichts schlimmer als Mittelmäßigkeit“, sagt sie. Beim BVB aber könne man sehr gut etwas bewegen.

„Ich finde nichts schlimmer als Mittelmäßigkeit.“

Julia Porath

Mit einem Bett, fünf Stühlen, ein paar Pflanzen und ihren drei Katzen zog sie im Januar aus der gemeinsamen Wohnung mit ihren vier Kindern in Lübeck in die 130 Quadratmeter große Wohnung für die Internatsleitung im Jugendhaus – mitten auf dem Trainingsgelände von Borussia Dortmund. Wenn sie auf den Balkon tritt, dann kann sie den BVB-Profis beim Training zusehen. Und wenn sie einmal über den Flur geht, dann steht sie schon im Jugendhaus. Dort leben bis zu 22 junge Fußballtalente, die beim BVB von der U14 bis zur U19 spielen. Und für die Julia Porath von nun an Tag und Nacht da sein würde.

Allein mit Kamal Bafounta im BVB-Jugendhaus

Doch gerade, als sie dabei war, so richtig anzukommen, begann die Corona-Pandemie – und das Jugendhaus wurde geschlossen. „Schwupps, waren die Jungs alle schon wieder weg.“ Fast alle. U19-Spieler Kamal Bafounta blieb während des Lockdowns im Internat. Der 18-Jährige war gerade am Knie operiert worden und konnte nicht zu seiner Familie nach Frankreich reisen. „Also waren wir hier zu zweit“, sagt Porath. „Wir haben gemeinsam gekocht und ab und zu einen Film geschaut.“

Als im Mai die Schulen wieder geöffnet haben, kamen die anderen Jugendhaus-Bewohner zurück. Aber trainieren durften sie trotzdem noch nicht wieder. „Das war hart“, sagt Julia Porath. Die Jungs seien eben sehr energiegeladene Jugendliche. „Wenn sie sich nicht austoben dürfen, fühlen sie sich eingesperrt.“ Zuletzt habe sich das Leben im Jugendhaus wieder einer gewissen Normalität genähert. „Aber die Spiele fehlen natürlich allen“, sagt Porath. Denn das – diese Spannung ab Mitte der Woche, ob man im Kader steht oder nicht, die Lust, ein gutes Spiel zu machen, die absolute Freude auf Fußball – ist schließlich das, wofür diese jungen Männer hier sind. Und wofür sie Vieles aufgeben. „Die Jungs verbringe ihre Jugend hier. Sie wohnen weit weg von ihrer Familie, verzichten weitgehend auf Freunde, Freundinnen. Sie können nicht einfach einen Gang zurückschalten oder auf eine Party gehen.“

Porath über die BVB-Talente: „Sie sind keine schlechteren Menschen“

Und genau an dieser Stelle beginnt die wichtigste Aufgabe von Julia Porath. Schon bei den Junioren durchleben die Spieler kleine Profikarrieren. Sie verdienen so viel Geld wie manch einer Erwachsener nicht. Der Wert der jungen Talente werde oft an Toren, an Leistungen, an Einsätzen gemessen. „Aber sie sind keine schlechteren Menschen, wenn sie es nicht schaffen“, sagt Julia Porath. Ihre Verpflichtung sei es deshalb zu schauen, ob die jungen Männer „auch abseits des Leistungssports auf dem Weg sind, der ihnen in die Wiege gelegt worden ist“ und wie es für sie weitergehen kann. „Und zwar richtig gut weiter.“ Denn nicht jeder, der im BVB-Internat lebt, wird später auch ein Fußball-Profi. „Es müssen so viele Komponenten zusammenkommen, damit es klappt“, sagt Porath.

Die Jugendlichen sollen sich im Jugendhaus wohl fühlen. Zu Weihnachten haben Julia Porath und ihr Stellvertreter Max Diers einen Weihnachtsbaum aufgestellt und geschmückt. © BVB © BVB

Sie will die jungen Männer auf ein Leben außerhalb der Fußballblase vorbereiten, ihnen Selbstständigkeit beibringen, ihnen zeigen, wer sie sind. Zeigen, dass sie sich nicht über den Fußball identifizieren, sondern mit ihrer Persönlichkeit. Dazu gehört auch, zu wissen, was man alles benötigt, um den Umzug in eine eigene Wohnung zu bewerkstelligen. „Sie müssen wissen, wo sie Strom und Wasser beantragen können und wo sie Möbel herbekommen. Sie benötigen den höchstmöglichen Schulabschluss.“ Auf die Schule wird beim BVB großen Wert gelegt. Wenn sie Hilfe bei den Hausaufgaben benötigen, sind Julia Porath, ihr Stellvertreter Max Diers – mit dem sie zuvor schon beim HSV gearbeitet hat – und verschiedene Nachhilfelehrer zur Stelle, und setzen sich mit den Jungen an den Schreibtisch. Sie holen sie von der Schule ab, fahren sie zum Kieferorthopäden und zum Amt. „Wir machen vieles von dem, was man als Eltern macht – nur mal 22“, sagt Julia Porath.

BVB-Jugendhausleiterin Julia Porath kennt die Sorgen der Eltern

Als Mutterersatz für die Jungen sieht sich aber nicht. Sie habe immer ein offenes Ohr, sie sei immer da, „aber ich sehe mich eher als verlängerten Arm der Eltern“. Die Einbindung der Eltern liegt ihr ebenso sehr am Herzen. „Eltern sind ein sehr unterschätzter Bestandteil dieses Gefüges“, sagt sie. Man müsse die Eltern wertschätzen, dürfe ihnen in Bezug auf den Sport aber auch nicht zu viel Raum geben – die Balance sei wichtig. Und man müsse die Eltern und ihre Situation verstehen. „Wenn das Kind ein Fußballprofi werden will, dann müssen die Eltern es loslassen können.“ Aber gerade Mütter hätten oft mit Schuldgefühlen zu kämpfen, weil sie ihre Kinder im Internat abgeben.

„Ein Fußballer kann es kaum allein zum Profi schaffen.“

Julia Porath

Julia Porath kann die Ängste und Sorgen der Eltern sehr gut verstehen. Sie ist selbst eine Mutter, die das alles mitgemacht hat. Ihr Sohn Finn ist Fußballprofi. Gerade zu Beginn, wenn die Kinder noch nicht im Internat leben, seien die Eltern massiv gefordert. „Ein Fußballer kann es kaum allein zum Profi schaffen. Die Eltern müssen sich einbringen“, sagt sie. „Ich habe Finn, bis er 13 war, überall hingefahren.“ Ohne die Unterstützung des Opas hätte das nicht funktioniert, sagt Porath. Denn die 51-Jährige hat noch drei weitere Kinder – die zwei Jungen und zwei Mädchen sind zwischen 21 und 25 Jahren alt – „und die sollten nicht zurückstecken.“ Am Ende habe sie 50.000 Kilometer im Jahr mit dem Auto abgespult. Mit 14 wechselte ihr Sohn zum HSV, ein Jahr später wurde er im Internat aufgenommen. „Er sagt, es war die schönste Zeit seines Lebens.“ Für sie als Mutter aber sei es nicht leicht gewesen. „Ich habe immer zu Finn gesagt: Wir ziehen das durch, solange du Spaß am Fußball hast.“ Doch ihr Sohn habe nie den Fokus verloren. „Für ihn gab es von Anfang an nur den Ball.“ Heute steht er bei Zweitligist Holstein Kiel unter Vertrag.

BVB-Talent Youssoufa Moukoko ist ordentlich und ehrgeizig

In Dortmund ist der derzeit wohl bekannteste Bewohner des BVB-Jugendhauses Youssoufa Moukoko. Zumindest noch. Der 16-Jährige, der vor knapp einem Monat sein Profi-Debüt gefeiert hat, wird das Internat womöglich bald verlassen und in eine eigene Wohnung ziehen. Aber: „Solange der Umzugswagen nicht vor der Tür steht, ist er Teil dieser Gemeinschaft“, sagt Julia Porath. Sie kennt nicht nur den Fußballer Moukoko, sondern auch den Menschen. „Ich erlebe ihn als ganz normalen Teenager“, sagt sie. „Er ist jemand, der für seine 16 Jahre sehr viel Verantwortung übernimmt. Er ist gerne ein Anführer.“ Wenn einmal in der Woche die Zimmer im Jugendhaus kontrolliert werden, dann gebe es bei Youssoufa wenig zu meckern. Er sei ordentlich. Und er sei sehr ehrgeizig, sagt Porath. „Vor allem beim FIFA-Spielen. Aber da sind sie es alle.“

In dem einen Jahr sind ihr die jungen Talente des BVB schon sehr ans Herz gewachsen. Auch wenn sie sich freut, wenn sie einmal in der Woche die Nachtschicht an ihren Stellvertreter Max Diers übergeben und durchschlafen kann. „Sonst bin ich immer mit einem Ohr drüben bei den Jungs.“

Die Weihnachtsfeier ist verschoben – auf einen besonderen Tag

Um im Jugendhaus für ein bisschen Weihnachtsstimmung zu sorgen, hat Julia Porath alles adventlich geschmückt. Die Weihnachtsfeier allerdings ist coronabedingt verschoben – auf einen ganz besonderen Tag. Am 8. Januar feiern die Jugendlichen, Julia Porath und ihr Team nicht nur das Weihnachtsfest, sondern auch den 19. Geburtstag von Kamal Bafounta. Es wird gewichtelt und es gibt Raclette – ganz klassisch, wie bei so vielen anderen Familien auch.

Ein Blick in das Zimmer von BVB-Talent Kamal Bafounta. © BVB / Mareen Meyer © BVB / Mareen Meyer

Für ihr zweites Jahr in Dortmund hat Julia Porath viele Ideen. Sie plant unter anderem eine Elternakademie, um die Mütter und Väter der jungen Fußballtalente zu schulen, zum Beispiel beim Umgang mit Trainern, mit Leistungsdruck und auch mit sozialen Medien. Julia Porath will etwas bewegen. Dafür ist sie nach Dortmund gekommen.

Über die Autorin
BVB-Team
Liebt geschriebene Worte, wollte deshalb nie etwas anderes als Journalistin werden. 1989 geboren im Schwarzwald, aufgewachsen im Sauerland, heute in Dortmund zu Hause. Erzählt seit 2013 die Geschichten dieser Stadt, ihrer Menschen und ihres schwarzgelben Fußballklubs.
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