BVB kann sechs Jahre nach der Fast-Pleite wieder Meister werden

2231 Tage danach

Am 14. März 2005 lag Borussia Dortmunds Schicksal in den Händen von 5800 Fondszeichnern. Sie hatten vor allem Euro-Zeichen im Sinn, aber von wenigen Ausnahmen abgesehen nicht den Fußball an sich, geschweige denn Deutschlands sechsmaligen Meister im Herzen. Nur sechs Jahre später wartet der siebte Titel auf den BVB.

DORTMUND

von Von Sascha Fligge

, 23.04.2011, 08:42 Uhr / Lesedauer: 3 min
Jürgen Klopp kann mit seinem Team bereits in Mönchengladbach für einen magischen Moment sorgen.

Jürgen Klopp kann mit seinem Team bereits in Mönchengladbach für einen magischen Moment sorgen.

Ein bunter Fondsprospekt lockte mit der Aussicht auf Renditen in schwindelerregender Höhe, Beträge zwischen 5000 und 100.000 Euro wurden gierig investiert. Und nun saßen die Männer und Frauen, die hinter den Zahlungen steckten und Fußball mitunter so interessant fanden wie einen Wetterbericht aus Äquatorial-Neuguinea, in der Event Terminalhalle E des Düsseldorfer Flughafens und sollten dem Sanierungsplan zustimmen. Vor ihren Augen die Drohkulisse „Gang zum Insolvenzrichter“, wenn, ja wenn Sie sich einem „Das Konzept tragen wir mit“ verweigern würden – bei Scheitern Exitus! Die Hälfte des eingezahlten Anleger-Kapitals wäre auf einen Schlag verbrannt gewesen. An jenem Tag schlugen Watzke und Klubpräsident Dr. Reinhard Rauball Wut und Zorn entgegen. Letzterer sprach vom „Schlimmsten, was ich bisher erlebt habe. Und so einen Tag möchte ich nicht noch einmal erleben“. Er endete zweiundzwanzigeinhalb Stunden, bevor Borussia Dortmund die Lizenzierungsunterlagen für die nächste Saison einreichen musste, mit riesiger Erleichterung. Der 14. März 2005 ist für den BVB noch heute wie ein zweiter Geburtstag. Das Fundament, auf dem die äußerst komplexe Sanierung erst möglich erschien.

„Mir haben damals viele Experten gesagt, es sei ja ehrenhaft, den Klub zu retten, aber das alles hätte letztlich keinen großen Sinn, weil wir ohnehin dauerhaft so pleite wären, dass wir nie mehr auf hohem Niveau konkurrenzfähig sein würden“, sagt Watzke rückblickend und gibt zu: „Ich habe den BVB-Kopf auch nach Düsseldorf ehrlich gesagt noch fünf, sechs Mal auf der Guillotine gesehen. Erst im Herbst 2006 war ich vom Gelingen der Sanierung vollends überzeugt.“ 2231 Tage sind vergangen, seit Borussia Dortmunds Existenz auf dem Spiel stand und damit die große Liebe hunderttausender Fußballbegeisterter und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der 600 000-Einwohner-Stadt im Osten des Ruhrgebiets. 2231 Tage nach dem Schicksalstag kann der BVB wieder Deutscher Meister werden. Wenn Konkurrent Leverkusen gegen Hoffenheim Punkte lässt und die Borussia beim Letzten Gladbach gewinnt.

Dass der BVB den Titel holen wird, steht angesichts von acht Punkten Vorsprung und nur noch vier ausstehenden Partien außer Frage. Es geht vornehmlich ums Wann? Für Hans-Joachim Watzke, der mit Finanz-Geschäftsführer Thomas Treß seit 2005 Verbindlichkeiten in Höhe von 126 Millionen Euro abgebaut hat, ginge mit dem Titel „ein Lebenstraum in Erfüllung“. Der KGaA-Chef sagt: „Dieser Erfolg würde mir so viel bedeuten, dass ich das nicht in Worte fassen kann.“ Am Samstag ist wieder einmal Düsseldorf. Und es ist wieder einmal wichtig. Nach einer Nacht am Rhein werden die Himmelsstürmer von Trainer Jürgen Klopp um 10 Uhr noch einen Spaziergang unternehmen, um die Denkzentrale zu lüften und sie freizumachen von allen Nebenschauplätzen. Für 16 Uhr ist die finale Mannschaftssitzung anberaumt. Fünf bis acht Minuten lang soll sie dauern und alle einschwören. Auf Gladbach. Auf einen großen Abend, der womöglich mit der siebten Deutschen Meisterschaft der Klubhistorie enden wird. Anstoß 18.30 Uhr - Ende offen.

Was nach dem größten anzunehmenden Triumph passieren würde, mag der BVB nicht mitteilen. „Wir könnten nicht einfach nach Hause gehen und so tun, als sei nichts passiert“, sagt BVB-Mediendirektor Josef Schneck. „Die Feierlichkeiten nach dem Derbysieg auf Schalke (3:1; d. Red.) haben uns gezeigt, dass besondere Ereignisse von unseren Fans besonders gewürdigt werden.“ Damals, in der Nacht des 19. September 2010, empfing eine entgeisterte Masse die Spieler vor dem Stadion und trug sie auf Schultern. Das Schauspiel war getaucht in bengalische Lichter und trug fast Istanbuler Züge. Abwehr-Star Neven Subotic sagt: „Das war ein magischer Moment!“ Noch so einer, den vor 2231 Tagen niemand für möglich gehalten hätte.

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