BVB-Kapitän Reus erst außer Form und jetzt verletzt - Chance für Gio Reyna

mlzBorussia Dortmund

Lucien Favre hat Marco Reus immer geschützt und immer spielen lassen. Jetzt hat sich die Frage nach einer schöpferischen Pause für den BVB-Kapitän erledigt. Die Alternative steht parat.

Bremen

, 05.02.2020, 13:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Marco Reus richtete den Blick starr nach vorn. „Marco, hast Du kurz Zeit?“, lautete die Frage der Journalisten im Interviewbereich des Bremer Weserstadions. Reus hatte keine Zeit - und er hatte vermutlich auch einfach keine Lust. Ab in die Kabine, ab unter die Dusche, ab in den Bus, ab nach Hause. Damit war der Dortmunder Kapitän freilich nicht allein nach der ersten BVB-Niederlage dieses Fußballjahres. Mats Hummels und Julian Brandt spulten nach dem 2:3 gegen Werder das Interview-Pflichtprogramm beim Fernsehen ab, bei den mitgereisten Journalisten aus Dortmund sprach nur Torhüter Marwin Hitz ein paar Sätze in die Aufnahmegräte der wartenden Presse.

BVB-Kapitän Reus erlebt in Bremen einen gebrauchten Abend

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Das zweite Achtelfinal-Aus gegen Bremen nacheinander ließ Borussia Dortmund ratlos und frustriert zurück. Reus sicherlich ganz besonders. Der 30-Jährige hatte kurz vor Ende der regulären Spielzeit die Riesengelegenheit zum 3:3 auf dem Fuß gehabt - nach einer perfekten Vorlage von Giovanni Reyna. Doch Reus‘ Abschluss geriet viel zu harmlos. Jiri Pavlenka, Werders Torwart, hielt den Flachschuss mühelos fest - und der BVB verpasste die Möglichkeit, sich wenigstens noch in die Verlängerung zu retten.

Für Reus war diese vergebene Großchance in der 87. Minute kurz vor dem Schlusspfiff das Ende eines auch bis dahin schon gebrauchten Abends. Er verzerrte das Gesicht - und es ließ sich auf Anhieb nicht erkennen, ob er sich verletzt hatte oder ob er sich einfach nur ärgerte. Darüber, dass er gegen seinen vermeintlichen Lieblingsgegner, gegen den er in den 18 Pflichtspielen zuvor 14 Tore geschossen hatte, dieses Mal trotz guter Chancen leer ausgegangen war. Oder darüber, dass er vor dem 0:2 die Bremer Ecke nicht ausreichend geklärt hatte und dadurch unfreiwillig den Weg zu Leonardo Bittencourts Traumtor geebnet hatte. Jedenfalls wurde Reus kurz danach für Emre Can, der zu seinem BVB-Debüt kam, ausgewechselt. Reus sah in den letzten Minuten des Spiels von der Bank aus zu, wie die Chance auf Berlin und einen weiteren Pokal-Titel dahinging.

Reus bleibt beim BVB in dieser Saison unter seinen Möglichkeiten

Am Mittwochmittag erhielt Reus dann schreckliche Gewissheit für das, was er bereits erahnt haben mag: Wegen muskulärer Probleme im Adduktorenbereich muss er für vier Wochen beim Training passen. Einen Monat ohne den Chef - ein herber Schlag für Reus und für die Schwarzgelben für die Wochen, in denen es um den Anschluss an die Tabellenspitze in der Bundesliga und gegen Paris St. Germain um den Einzug ins Viertelfinale der Champions League geht.

Reus’ Verletzung ist auch die Wiederholung einer bitteren Geschichte aus der Vorsaison. Genau vor einem Jahr verlor der BVB im Pokal im eigenen Stadion nach Elfmeterschießen gegen Werder, Reus musste in der Halbzeit ausgewechselt werden - und fiel anschließend wegen eines Muskelfaserrisses im Adduktorenbereich wochenlang aus. Der BVB ließ ohne seinen Kapitän wertvolle Punkte in der Bundesliga liegen, spielte 3:3 daheim gegen Hoffenheim, nur 0:0 in Nürnberg, und verspielte obendrein beim 0:3 in Wembley gegen Tottenham die Chance aufs Champions-League-Viertelfinale.

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Die Frage, die sich unabhängig von seiner Blessur gestellt hatte, ist die nach Reus‘ aktueller Bedeutung für Borussia Dortmund. Die Zahlen sind eigentlich eindeutig, 19 Torbeteiligungen in 26 Pflichtspielen, vier davon in den vier Partien dieses Jahres, sind zweifelsfrei ein sehr guter Wert. Und doch verfestigt sich der Eindruck, dass Reus in dieser Saison schon zu oft unter seinen Möglichkeiten geblieben ist und auch seinen eigenen Erwartungen sowie denen der Fans, die bei ihm deutlich höher sind als bei anderen, nicht konstant gerecht werden kann. Eine halb verpasste Winter-Vorbereitung half seiner Fitness nicht. Anders als andere Borussen bekam er keine schöpferische Pause verordnet. Weil er unbedingt spielen wollte?

Von Marco Reus werden beim BVB herausragende Dinge erwartet

Reus ist der Kapitän, der Dortmunder Junge, der Spieler, der den BVB zur Meisterschaft führen soll, der als einer der Ersten den Kopf in der Öffentlichkeit hinhalten muss, wenn es bei Schwarzgelb nicht so läuft wie erhofft und erwartet. Gut ist in der öffentlichen Wahrnehmung nicht immer gut genug. Reus kann davon ein Lied singen. Von ihm werden herausragende Dinge erwartet, nicht nur gute. Das liegt zum einen daran, dass er die Messlatte in der Vergangenheit selbst so hoch gelegt hat, zum anderen aber auch daran, dass die Bewertung von Fußballspielern, gerade die von Topspielern, in der Öffentlichkeit nicht immer fairen Kriterien folgt. Reus kickt unter einem besonders dicken Brennglas.

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Der BVB-Kapitän selbst sagt immer wieder, dass er sich aus öffentlicher Kritik nicht besonders viel macht - und doch war kaum zu übersehen, dass Reus in dieser Saison mit sich und seiner Form zu kämpfen hatte. Auf gute bis sehr gute Spiele folgten regelmäßig schwächere Auftritte. Immer dann, wenn der Knoten endlich gelöst schien, kommt von irgendwoher doch wieder Zug aufs Seil. Gewissermaßen stand sein durchwachsener Saisonverlauf sinnbildlich für das Auf und Ab des BVB in dieser Spielzeit. Reus fuhr Leistungs-Achterbahn, der BVB tat es ihm gleich. Oder umgekehrt, so genau lässt sich das nicht immer sagen.

Reyna und Haaland sorgen für Schwung beim BVB

Lucien Favre hatte bislang trotzdem nie Zweifel an Reus aufkommen lassen. Jeder wisse, wie viel der Nationalspieler dem BVB-Spiel geben könne, erklärte der Schweizer noch und nöcher. Daran änderte auch der jüngste und kleine Zwist wegen der Auswechslungen des Kapitäns an den ersten drei Rückrunden-Spieltagen nichts. Jetzt ist eh erstmal Schluss. Die Borussen sind geschockt. Aber nicht konsterniert.

Das liegt nicht nur an den fußballerischen Launen von Reus, sondern auch an Giovanni Reynas beeindruckendem Kurzeinsatz an der Weser. Der 17-Jährige erzielte ein traumhaftes Tor - und sorgte, wie erneut auch Erling Haaland, für viel Schwung und Lockerheit in der am Dienstag lange Zeit krampfenden Dortmunder Offensive. „Die beiden jungen Spieler haben ganz klar etwas gebracht“, sagte Favre später nur. Torhüter Marwin Hitz betonte, dass Spieler wie Reyna und Haaland nicht eingewechselt werden, weil sie jung sind, sondern weil sie gut sind. Und offensichtlich besser als die Kollegen Mario Götze oder Mahmoud Dahoud.

BVB-Kapitän Reus erst außer Form und jetzt verletzt - Chance für Gio Reyna

Giovanni Reyna erzielte in Bremen den Anschlusstreffer zum 2:3. © imago / Nordphoto

Haaland wird am Samstag im richtungsweisenden Bundesliga-Spiel des BVB bei Bayer Leverkusen wohl in Favres Startelf zurückkehren. Eine Planstelle ist durch den Reus-Ausfall freigeworden. Traut sich Favre, auch Reyna von Beginn an aufs Feld zu schicken? In einer Bubi-Offensive mit Haaland (19), Sancho (19) und Reyna (17)? Noch klingt das schwer vorstellbar. Aber wenn es allein nach den jüngsten Leistungen geht, kann dies nur der Weg sein. Die große Reus-Frage steht erst einmal hinten an.

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