BVB-Stürmer August Lenz absolvierte sein erstes Länderspiel am 28. April 1935. © Repro Kolbe
Zum 110. Geburtstag

BVB-Legende August Lenz: Torjäger, Ikone, SA-Mitglied

August Lenz war der erste „Star“ des BVB, er prägte die Jahre vor und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Sportlich ist er unumstritten, doch zum 110. Geburtstag gibt es auch Fragezeichen.

Wie es sich für eine echte Legende gehört, bleiben die Anfänge ein Stück weit im Ungefähren. Ein bisschen Mythos kann ja nicht schaden. Als gesichert gilt der Gegner, der TBV Mengede, und Vereinsführer August Busse soll es gewesen sein, der auf den Missstand, dass Borussias Stürmer Hannes Jakubowitz verletzt ausfiel, mit der Idee reagierte, doch August Lenz in den Angriff zu stellen.

Lenz, obwohl nur 1,70 Meter groß, hatte seit seinen Tagen in der Schülermannschaft im Tor gestanden, nur beim Straßenfußball mal im Feld gespielt. Doch die Not verlangte Mut, und der wurde belohnt: Lenz erzielte beim 14:0 des Ballspielvereins in Mengede je nach Quelle sieben, neun, zehn oder sogar zwölf Tore. Der Aufstieg von Borussias erstem Torjäger und später erstem Nationalspieler begann. Am Sonntag wäre August Lenz 110 Jahre alt geworden. Anlass genug für eine kritische Würdigung dieser BVB-Legende.

August Lenz beim BVB:

  • Am 28. April 1935 absolvierte August Lenz sein erstes von 14 Länderspielen (9 Tore). Er war der erste Borusse überhaupt im Nationaltrikot.
  • 1936 stieg der BVB auch dank Lenz in die Gauliga auf.
  • 1947 feierten die Borussen nach einem 3:2 gegen Schalke 04 die Westfalenmeisterschaft, 1948 den Oberligatitel. 1949 wurde der BVB Deutscher Vizemeister.
  • Sein letztes von mehr als 1000 Spielen für den BVB bestritt er am 12. Juni 1949 bei einem 5:0 über den Berliner SV 92.


Gesehen oder gehört hat jeder Dortmunder von Lenz, sein stilisiertes Porträt findet sich überall in der Stadt wieder, sein Name ist geläufig. Doch längst nicht alles ist bekannt über den Fußballer und Menschen. 1910 unweit des Borsigplatzes geboren, war er zeitweise ein arbeitsloser Rumtreiber, ehe er beim Kaltwalzwerk Hoesch unterkam. Da hatte seine Fußballerkarriere Fahrt aufgenommen, und allzu hart malochen musste er wohl nicht, er genoss inmitten der Freizeit- und Amateurfußballer fast einen Profistatus. „Herbert Dirksuss, sein sportbegeisterter Vorgesetzter, gestatte ihm, nur noch sporadisch am Arbeitsplatz zu erscheinen“, berichtet die offizielle BVB-Chronik.

BVB-Stürmer Lenz absolviert erstes Länderspiel

Glänzen konnte Lenz umso mehr auf dem Platz. Als geradlinig und schnörkellos wird sein Spielstil beschrieben, er sei beidfüßig gewesen, schnell im Antritt, treffsicher vor dem Tor. Ein echter Knipser. So schaffte es der Stürmer vom zweitklassigen BVB bis in die Nationalmannschaft von Bundestrainer Otto Nerz. Am 28. April 1935 bestritt er sein erstes von 14 Länderspielen (9 Tore).

Beim 6:1-Sieg in Belgien traf Lenz zwei Mal und wurde in seiner Heimat begeistert gefeiert. 30.000 Menschen sollen ihrem ersten Nationalspieler einen großen Empfang beschert haben, angeführt von der Hoeschkapelle ging es im Autokorso vom Hauptbahnhof bis zum Borsigplatz. Die 30er-Jahre bezeichnete er später als „die schönste Zeit meines Lebens“. Dazu zählten sicher auch der Aufstieg in die Gauliga im Jahr 1936 und die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Doch da ging die Sache schief: Deutschland verlor unter den Augen des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler mit 0:2 gegen Norwegen.

BVB-Spieler August Lenz trat 1937 in die NSDAP ein

Über Lenz‘ persönliche Verflechtung mit den Nationalsozialisten gibt es noch kein abschließendes Urteil. Im Auftrag des BVB wird dieser Teil der Klubhistorie derzeit erforscht. Ob Lenz als Nationalspieler wie viele Kollegen pflichtgemäß der Sturmabteilung (SA), Standarte 98, angehörte oder aus freien Stücken, ist unklar. In die NSDAP trat er 1937 ein, ein Jahr zuvor stellte er sich für ein Werbeblättchen von Hitlers Partei zur Verfügung und für ein Propagandaspiel zwischen einer SA-Auswahl und der Nationalelf.

1948 absolvierte Lenz sein 1000. Spiel für Borussia Dortmund. © Repro Kolbe © Repro Kolbe

In der Nachkriegszeit gehörte Lenz bis 1949 als Spieler, später als Obmann und schließlich als Mitglied im Ältestenrat zum schwarzgelben Inventar. Die Kneipe „Sportlerklause“ am Borsigplatz, die Lenz mit seiner Frau Mia 33 Jahre lang betrieb, galt als beliebter Treffpunkt. Und nach Generalversammlungen, so berichtet es Gerd Kolbe, Leiter der AG Tradition der Borussia, war es stets Lenz, der zum Abschluss das Vereinslied anstimmte. 1993 benannte der BVB die damalige Geschäftsstelle an der Strobelallee nach seinem Aushängeschild in „August-Lenz-Haus“.

BVB benennt Geschäftsstelle am Stadion in „August-Lenz-Haus“ um

Sportlich hatte der Stürmer mit seinen Toren in mehr als 1000 Spielen den Weg für erfolgreichere Zeiten geebnet. „Lenz symbolisiert den Beginn des Aufstiegs vom Traditionsverein zu einem der erfolgreichsten Vereine Europas“, schreibt „schwatzgelb.de“. Nach dem Krieg wurde die Borussia erstmals Westfalenmeister (1947), Oberligameister (1948) und deutscher Vizemeister (1949). Beim ebenfalls legendären, mit 2:3 gegen den VfR Mannheim verlorenen Endspiel, saß Lenz, 38 Jahre alt, auf der Tribüne.

Für die bis heute hohe Präsenz von Lenz sorgt die Ultragruppe „The Unity“. © imago / MIS © imago / MIS

Was für ein Sportsmann er war, berichtet BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball anhand einer Anekdote aus dem Jahr 1948: Beim Stand von 3:3 erzielte Lenz in der Schlussphase den vermeintlichen Siegtreffer zum 4:3 gegen Preußen Münster. Der Schiedsrichter gab das Tor, doch Lenz beichtete dem Unparteiischen, dass der Ball zuvor die Außenlinie überschritten habe und wurde für seine Ehrlichkeit mehr gerühmt als für jeden Siegtreffer.

Hohe Präsenz von August Lenz im Dortmunder Stadtbild

Für die bis heute hohe Präsenz von Lenz sorgt die Ultragruppe „The Unity“ (TU). Bei ihrer Gründung suchten die Fans ein Erkennungsmerkmal und orientierten sich an den „Ultras Tito“ von Sampdoria Genua, die eine Zeichnung ihres Helden Ernesto Cucciaroni im Banner trugen. Ein grafisch versierter BVB-Ultra stilisierte das Porträt von Lenz, dem ersten Star und Nationalspieler des Klubs, das seitdem auf der Südtribüne, auf Aufklebern an Straßenlaternen und auf Dutzenden Graffiti im Stadtbild gegenwärtig ist – und als Tattoo auf mancher Wade.

„Wir haben uns schon Gedanken gemacht und Lenz schien prädestiniert“, sagt ein Mitstreiter aus den Anfangstagen von TU. Klublegende, Borusse durch und durch, erster Nationalspieler, er schien das perfekte Vorbild zu sein. Von Lenz‘ Nähe zu den Nazis sei Anfang der 2000er-Jahre wenig bis gar nichts bekannt gewesen. Heute, sagt der Ex-Ultra, würde er wohl nicht mehr als Ikone ausgewählt. Bei „The Unity“ wird die Diskussion, ob man sich von der Figur Lenz trennen müsse oder nicht, leidenschaftlich und kontrovers geführt. Der BVB will die Ergebnisse aus der von Historiker Rolf Fischer geführten Recherche „Der BVB in der NS-Zeit“ abwarten. Ob Lenz Mitläufer oder Opportunist war? Womöglich bleibt auch das im Ungefähren. Lenz starb im Alter von 78 Jahren am 5. Dezember 1988.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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