BVB-Legende und Stadionsprecher: Nobby Dickel. © imago / Kirchner-Media
Zehn Jahre Meisterschaft

BVB-Legende Norbert Dickel: „Ich habe geweint in diesem Moment“

Borussia Dortmund feierte vor zehn Jahren die Deutsche Meisterschaft. BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel kann sich noch genau an den Moment erinnern - und spricht über seinen berühmtesten Satz.

Kaum einer kennt Borussia Dortmund so gut wie Stadionsprecher Norbert „Nobby“ Dickel. Er lebt den BVB und erinnert sich noch gut an die Meisterschaft 2010/11. Im Interview verrät Dickel wie es zu seinem berühmten Ausruf „Mach mich hoch!“ gekommen ist und welche Emotionen er noch heute damit verbindet.

Der Moment, in dem die wohl überraschendste Meisterschaft für Borussia Dortmund Realität wird, ist heute noch auf den Handys vieler Fans präsent. Push-Mitteilungen des BVB kündigt als akustische Erinnerung das „Mach mich hoch“ an. Wie oft mussten Sie erklären, was es damit auf sich hat?
Bestimmt schon tausend Mal. Das ist ja nun ein Satz, der sich nicht selbst erklärt. Ich werde immer wieder darauf angesprochen, was damit gemeint war, als ich das gerufen habe.

Wie präsent ist die Erinnerung an diesen Moment vor nun fast genau zehn Jahren?

Die ist natürlich noch sehr präsent. Es war eine sehr emotionale Geschichte, auch für mich. Ich kriege jedes Mal Gänsehaut, wenn ich mich daran zurückerinnere. Ich bin ja nicht nur Stadionsprecher und Angestellter des Vereins. Ich war auch Ex-Spieler und bin großer Fan.

Dann reden wir mal über die 67. Minute im Spiel gegen Nürnberg …

Genau genommen war es ja die 67. Minute im Spiel Köln gegen Leverkusen. Wir führten schon 2:0, Barrios und Lewandowski hatten schon in der ersten Hälfte getroffen. Damit die Meisterschaft aber perfekt war, durfte Leverkusen in Köln nicht gewinnen. Ich war auf meiner Bühne, als das Tor für Köln fiel. Milivoje Novakovic. Heute habe ich ein Mikrofon, da drücke ich nur auf einen Knopf und bin sozusagen sofort live. Damals musste die Stadion-Regie mein Mikro freigeben. Daher das „Mach mich hoch“. Das bedeutete, dass ich eine Ansage machen wollte.

Die hat noch etwas auf sich warten lassen, weil es technische Probleme gab…

Ja, es klappte nicht sofort. (lacht) Ich bin dann richtig laut geworden, weil ich es den Zuschauern, die es nicht ohnehin mitbekommen haben über ihre Handys, natürlich so schnell wie möglich mitteilen wollte.

Wie sah es tief in Ihnen aus in diesem Moment?

Das Stadion wurde zum Hexenkessel. Ich sah viele Leute, die sich in die Arme fielen. Ich bin ehrlich: Ich habe geweint in diesem Moment.

BVB-Stadion Sprecher Norbert Dickel während der Meisterfeier 2011. © imago sportfotodienst © imago sportfotodienst

Die Meisterschaft hatte sich seit Wochen abgezeichnet. Haben Sie am Vormittag des 30. April 2011 gewusst, dass es an diesem Tag passieren wird?

Wir hatten es natürlich gehofft. In der Woche zuvor hatten wir in Gladbach 0:1 verloren, doch so wie die Mannschaft über Monate aufgetreten war, waren wir uns eigentlich sicher, dass es passieren würde. Wenn nicht an diesem Tag, dann eben eine Woche später.

Ex-Trainer Jürgen Klopp hat mal gesagt, man habe sich im Frühjahr gar nicht getraut, dieses Gefühl zuzulassen aus lauter Sorge, dass doch noch was schiefgehen könnte…

Ja, weil diesen Saisonverlauf ja niemand vorhersehen konnte. Ich kann mich noch erinnern, dass ich nach dem ersten Spieltag gesagt habe, „jetzt geht das schon wieder los.“ Da hatten wir gegen Leverkusen 0:2 verloren. Aber danach hat die Mannschaft sich in einen regelrechten Rausch gespielt. Wir waren so selbstbewusst! Wir sind in die Spiele gegangen und wussten, heute gewinnen nur wir. Darum sage ich immer, dass sich im Fußball sehr viel im Kopf entscheidet. Das wird meiner Meinung nach auch heute noch viel zu sehr unterschätzt.

Dem Team steckte aber auch einiges in den Beinen. Dortmunds Stil hat die Liga überrascht, etliche Gegner hat der BVB förmlich überrollt…

So ein Pressing und Umschaltspiel, darauf waren die meisten Gegner nicht eingestellt. Jürgen Klopp hat da eine Spielart kreiert, die völlig neu war. Die Jungs sind gelaufen wie die Hasen, das hat viele Gegner überrumpelt. Heute sind diese Elemente selbstverständlich. Aber ich sage, dass diese Art zu spielen ihren Ursprung tatsächlich bei uns und in der Mannschaft aus der Saison 2010/11 hatte.

Es ist in den Rückblicken immer wieder die Rede von der besonderen Verbindung der damaligen Spieler untereinander, die man nicht beliebig kopieren könne und die es so wohl nie wieder geben wird. Wie ist das gewachsen?

Der Schlüssel war glaube ich, dass viele Spieler im Kader waren, die ungefähr aus einem Jahrgang kamen. Nur Lukasz Piszczek war damals schon alt (lacht). Die waren alle sehr jung und ehrgeizig, hatten viele Gemeinsamkeiten, aber auch richtig viel Talent. Und dann kommt Jürgen ins Spiel. Es gibt nur wenige, die Mannschaften so motivieren, so einschwören können. Die Jungs sind ihm blind gefolgt, natürlich auch, weil sie gemerkt haben, dass der Weg sehr erfolgversprechend war. Das Selbstvertrauen war am Ende so groß, dass nicht die Frage war, ob wir samstags gewinnen, sondern nur, wie hoch wir gewinnen.

Sie sind mittlerweile seit mehr als 30 Jahren im Klub. Was hat diese Meisterschaft für die Entwicklung des Vereins bedeutet?

Als Klopp anfing, spürten wir natürlich noch die Nachwehen der Finanzkrise. Er hat den Verein umgekrempelt, eine ganz andere Grundstimmung erzeugt. Schon die ersten zwei Jahre mit ihm waren sehr gut, da entstand ein neuer Geist. Aber die Meisterschaft hat die Entwicklung natürlich beschleunigt, das war ein Quantensprung. Unser Fußball war begeisternd, man hat dem BVB sehr gerne zugeschaut. Wie wir gespielt haben, das war das beste Marketing für Borussia Dortmund. Damals ist auch der Begriff „Feiertach“ entstanden. Und wirtschaftlich haben wir dadurch natürlich einige Jahre gewonnen. Der Titelgewinn war der Türöffner in ganz andere Welten.

Wie kam es dazu, dass das „Mach mich hoch“ als Ankündigung für eine neue App-Nachricht verwendet wurde?

Das kam erst sehr viel später. Es gab von mir diese Ton-Aufnahme, die hatte jemand mitgeschnitten. Und dann entstand die Idee, diesen Moment sozusagen dadurch für immer präsent zu halten.

Blicken wir noch kurz auf die aktuelle Situation. Erreicht der BVB noch die Champions League?

Wir müssen Gas geben, alle Spiele gewinnen und schauen, was dann dabei herausspringt. Aber ich bin immer Optimist.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe

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