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Saisonbilanz

BVB-Neuling Julian Brandt: Mehr Konstanz auf hohem Niveau ist Pflicht

Die erste BVB-Saison von Julian Brandt ist geprägt von großen Schwankungen. Auch die Corona-Krise macht ihm zu schaffen. Das Ziel ist, konstanter und effektiver zu agieren.

Es gibt diese Szene im Dokumentar-Film über Borussia Dortmund, bei der Sportdirektor Michael Zorc mit Scouting-Chef Markus Pilawa in seinem Büro an einem Flipchart mit einem aufgemalten Fußballfeld steht und über Julian Brandt spricht. Den Transfer des blonden Offensivspielers hatte er da offensichtlich gerade in trockene Tücher gebracht, Zorc verschiebt Magnete hin und her und gerät über die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten des 24-Jährigen regelrecht ins Schwärmen. Brandt sei sehr flexibel, sagt Zorc zu Pliawa, „er kann hier, hier und hier spielen.“ Die Magnete klicken. Pilawa nickt dazu angemessen erstaunt, obwohl das für ihn ja bestimmt keine Neuigkeit gewesen sein dürfte.

BVB-Trainer Favre sucht die passende Position für Julian Brandt

Seine Vielseitigkeit musste Julian Brandt dann in seinem ersten BVB-Jahr gleich mehrfach beweisen. Linksaußen, Rechtsaußen, zentrales Mittelfeld, Sturm, defensives Mittelfeld – Trainer Lucien Favre schickte Brandt dorthin, wo gerade ein Problem entstanden war. Oder man könnte auch formulieren, der Schweizer Trainer benötigte einige Zeit, um die passende Position für seinen Neuzugang zu finden.

Anders als in Leverkusen, wo Brandts Position in der Zentrale hinter den Spitzen zementiert war und er dort über viele Freiheiten verfügte, um auszuweichen nach außen, oder in die Spitze vorzustoßen, musste sich der Neue erst einfinden in das Dortmunder System. Die Integration klappte relativ problemlos, auch außerhalb des Feldes, wo Julian Brandt ein unkomplizierter und anerkannter Mitspieler ist.

Brandt schießt erst ein Tor des Jahres, dann folgt ein Aussetzer

Er beherrscht auch das Spiel mit den Medien, bei denen seine eloquente Art und seine entwaffnend ehrliche Analyse gut ankommt. Brandt spricht Dinge klar und unverblümt an, er spart auch nicht mit Selbstkritik. So hatte er auch kein Problem damit, über die schwierige Motivationslage gegen Ende der Saison zu sprechen, als er zum Beispiel nach dem mühsamen 1:0 gegen die Hertha davon erzählte, wie schwer es mit der Eigenmotivation sei, wenn keine Fans ins Stadion dürften.

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Die Bandbreite seiner Leistungen umfassten echte Highlight-Spiele wie beim Re-Start der Bundesliga, als er Schalke 04 im Alleingang schwindelig spielte, aber eben auch das totale Gegenstück. Er war nicht der einzige Dortmunder mit unterirdischer Form beim Spiel in der Münchner Allianz Arena, aber auch von ihm war dort nichts zu sehen. Stark spielte Brandt auch im Heimspiel gegen Union oder am vorletzten Spieltag in Leipzig, schwach in Freiburg oder gegen Gladbach. Im Heimspiel gegen RB zeigte er beide Extreme in einem Spiel: Sein Tor zum 2:0 war eine Augenweide und von der Marke „Tor des Jahres“, sein Aussetzer, als er einen Rückwärtsball in die Füße von Timo Werner spielte, beförderte ihn dann äußerst unsanft zurück in die Realität.

Brandt über die BVB-Saison: Kein Grund, um in Jubel auszubrechen

In allen Statistiken kommt Julian Brandt schlechter weg als in seinem letzten Jahr bei der Werkself. Ausbaufähig ist daher auch sein RN-Notenschnitt von 3,50. Waren es bei Bayer 04 in der Bundesliga-Saison 2018/19 noch sieben Tore und 17 Assists, stehen aus dem ersten BVB-Jahr nur drei Treffer und acht Assists zu Buche. Seine Quote in der Champions League (zwei Tore, drei Vorlagen in sieben Spielen) kann sich hingegen sehen lassen. Erklären lassen sich die Daten zum Teil dabei mit der deutlich geringeren Einsatzzeit. Wie in seinem letzten Leverkusener Jahr kam er in Dortmund auf 33 Einsätze in der Liga, spielte aber nur elf Mal durch. Neun Partien weniger als unterm Bayer-Kreuz.

Wie ambitioniert der gebürtige Bremer ist, zeigte am Ende der Saison auch dieser Satz von ihm: „Platz zwei“, meinte Julian Brandt, als er nach einem Fazit gefragt wurde, „ist nun kein Grund, um in Jubel auszubrechen“.

Perspektive für die Saison 2020/2021: Unterm Strich ist Brandt die erhoffte Verstärkung, allerdings hat er noch Potenzial nach oben. Mit seinen Fähigkeiten kann er ein herausragender Fußballer sein, sie sind aber auch Verpflichtung zu mehr Konstanz auf hohem Niveau. Da die Konkurrenzsituation in der Dortmunder Offensive hoch bleibt, müsste er für Einsatzzeiten in der Nähe der Werte aus Leverkusen auf einem stabilen Form-Hoch agieren. Auch mehr Torbeteiligungen wären wünschenswert.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe

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