BVB-Reporter erinnert sich: Drei Kugeln Malaga

mlzBorussia Dortmund

Heute vor sieben Jahren besiegte der BVB den FC Malaga nach einer unglaublichen Aufholjagd. RN-Reporter Dirk Krampe war damals vor Ort und erinnert sich.

Dortmund

, 09.04.2020, 06:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der besondere Abend deutete sich schon an, als die Mannschaften in den Signal Iduna Park einliefen. „Die Rückkehr des Henkelpotts“ wurde da als Choreo in großen Lettern auf der Südtribüne gefeiert und herbeigesehnt. Es war mal wieder eine künstlerische und handwerkliche Meisterleistung der Fans, die sichtbar auch die Spieler beeindruckte.

BVB durfte mit viel Zuversicht ins Rückspiel gegen Malaga gehen

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Der BVB durfte eigentlich mit einer guten Portion Zuversicht in dieses Viertelfinal-Rückspiel gegen den FC Malaga gehen, sechs Tage zuvor hatte es das 0:0 im Hinspiel gegeben, kein perfektes Resultat, aber es sorgte doch für eine sehr ordentliche Ausgangslage. Schließlich befand sich Jürgen Klopps Meistermannschaft trotz einer zwischenzeitlich nicht störungsfrei verlaufenen Bundesliga-Saison annähernd auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft.

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Es war das Jahr, bevor der große Ausverkauf einsetzte, der Spieler wie Robert Lewandowski, Ilkay Gündogan, Mario Götze oder Mats Hummels später an andere Orte trieb, zu neuen Herausforderungen, die auch auf Borussia Dortmund zukamen, weil es immer wieder galt, den Qualitätsverlust aufzufangen.

Stimmung und Voraussetzungen beim BVB stimmten

Daran dachte an diesem Abend des 9. April 2013 aber kaum jemand. Götzes geplante Flucht zu den Bayern war noch ein Geheimprojekt, Lewandowskis Wechselwunsch zwar seit Langem bekannt, aber der Pole sollte später nach dem Machtwort der BVB-Vereinsführung noch eine weitere Saison bleiben und traf unbeeindruckt von allen Diskussionen ohnehin weiter in schöner Regelmäßigkeit.

Die Stimmung im Stadion stimmte, die Voraussetzungen waren klar, und trotzdem sorgte die große Chance, mal wieder in die Top-4 in Europas wichtigstem Vereinswettbewerb vorzustoßen, für eine zunächst gehemmt auftretende Dortmunder Mannschaft. Die große Chance lag auf dem Silbertablett da, der BVB musste nur zugreifen. Doch eine Erkenntnis des torlosen Hinspiels war damals auch gewesen, dass diese abgezockte Mannschaft aus Malaga zwar spielerisch limitiert, aber dennoch immer in der Lage war, Fehler des Gegners jederzeit auszunutzen.

Der Rückstand sorgte für Abkühlung auf den Rängen und dem Rasen

Den Beleg dafür gab es nach 25 Minuten, als Joaquins Flachschuss durch die Beine von Neven Subotic im kurzen Eck einschlug. Roman Weidenfeller war machtlos, und das 0:1 ließ die Stimmung im weiten Rund schlagartig um einige Grad abkühlen. Jetzt wurde alles noch komplizierter.

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Es war eine große Stärke dieser damaligen BVB-Mannschaft, dass sie sich nicht allzu lange aufhielt mit diesen zwischenzeitlichen Rückschlägen. Der Ruck, der nach dem Gegentor durch die Mannschaft ging, war bis auf die Pressetribüne zu spüren, der Dortmunder Fußball wurde besser, die Kombinationen zielstrebiger. Und die Zuversicht war schlagartig wieder da, als der BVB mit einer Traumkombination den Ausgleich erzielte. Wie Marco Reus per Hackenweiterleitung in den Lauf von Lewandowski das 1:1 vorbereitete, das riss alle erstmals von den Sitzen. Borussia Dortmund war in der 40. Minute wieder im Spiel. Und das Tor war quasi der Startschuss für diesen denkwürdigen Abend. Später, als Dortmund in der „Marlene Bar“ bis in die Morgenstunden feierte, herrschte Einigkeit, dass erst in diesem Moment alle Fesseln abfielen.

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Die große Qualität, die in dieser von Jürgen Klopp perfekt zusammengestellten Mannschaft steckte, zeigte sich erst so richtig, als sie einem weiteren Tiefschlag trotzen musste. Marco Reus und Mario Götze waren am fantastisch haltenden Willy Caballero gescheitert, die Zeit lief den Schwarzgelben davon, sie mussten das Risiko erhöhen. Die Stimmung auf den Rängen schwankte zwischen Zuversicht und Sorge, sie erhielt die nächste kalte Dusche, als der eingewechselte Eliseu den FC Malaga erneut in Front brachte. Ein Abseitstor, aber damals gab es den Videobeweis nicht, die Proteste fielen ohnehin sehr zaghaft aus. Zu geschockt wirkten die Spieler.

Die Niederlage schon ins Notizbuch geschrieben

Das Tor war ein echter Wirkungstreffer. Und für mich war die Zeit gekommen, um sich als Journalist auf das Ausscheiden der Borussia vorzubereiten. Auch für diesen Fall musste mein Text mit Schlusspfiff fertig sein.

Die letzten acht Minuten plus der fünfminütigen Nachspieltzeit sollten die kürzesten meines Reporterlebens werden. Eine Schlussphase wie im Zeitraffer. Berauschend, mitreißend, aufwühlend. Als die Mannschaft mit beiden Beinen am Abgrund stand und mit den Händen rudernd um ihr Gleichgewicht rang, da entfaltete der Signal Iduna Park eine unglaubliche Wucht. Resignation der Mannschaft? Das ließen die Fans nicht zu. Sie selbst lebten vor, wie man sich gegen das drohende Schicksal zu stemmen hatte. Und die Mannschaft kämpfte um diese eigentlich nicht mehr vorhandene Chance.

Die Überschrift steht, vorbei ist‘s noch lange nicht

Ich könnte die Nachspielzeit nicht mehr aus eigener Erinnerung nacherzählen. Letzter Schliff für den eigenen Text, immer noch war der BVB draußen, auch nach dem 2:2 in der ersten Minute der Extra-Spielzeit. Durch Marco Reus, der an den zu Stürmern umfunktionierten Neven Subotic und Felipe Santana vorbei den Ball im Nachschuss im Netz unterbringt. Der BVB bäumt sich zu spät auf, die Überschrift steht, der Kopf ruckt immer wieder hoch, wenn es laut wird im Stadion, wenn sich eine nächste Szene entwickelt.

Dann die Flanke von Lewandowski, gleich vier Dortmunder stehen im Abseits, auch das übersieht Schiedsrichter Craig Thomson aus Schottland, der Ball quer vors Tor von Marco Reus, das Chaos im Fünfmeterraum. Und irgendwie stochert Felipe Santana den Ball über die Linie. Ein Moment der Stille. Bevor das Stadion förmlich explodiert.

Sieg gegen Malaga an Emotionalität nicht zu toppen

Borussia Dortmund hat seinen Fans in den letzten zehn Jahren seit der Rückkehr aufs internationale Parkett viele magische Abende beschert. Es sollte kurze Zeit später ein weiterer folgen, als Robert Lewandowski die „Königlichen“ aus Madrid mit vier Treffern im Alleingang entzauberte. Doch dieser Sieg gegen Malaga war an Emotionalität und von der Dramaturgie her nicht zu toppen.

Während sich auf dem Rasen eine große Spielertraube über dem fassungslos vor Glück zusammengesunkenen Felipe Santana bildete und sich auf den Rängen wildfremde Menschen freudetrunken in den Armen lagen, sah man auf der Pressetribüne Journalisten hektisch auf ihre Laptops einhacken. Es gehört zu den schönsten Seiten unseres Jobs, bei solchen Ausnahmesituationen dabei zu sein, es gehört zu den schlimmsten Seiten, dass man sie nicht so genießen kann, wie man das gern getan hätte.

Der Text war ausnahmsweise nicht mit dem Abpfiff fertig, die Druckerei musste ein wenig länger warten. Die Version mit dem BVB-Ausscheiden wanderte später in den digitalen Papierkorb.

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