BVB schafft eine weitere Transferperiode ohne schmerzhaften Abgang

mlzTrendwende

Jahr für Jahr verlor Borussia Dortmund einige seiner besten Spieler an die Konkurrenz. Doch seit Januar 2018 hat der BVB diese Entwicklung gestoppt - und den Trend fast umgekehrt.

Dortmund

, 08.07.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Pointiert zugespitzt legte im Januar 2018 die Tageszeitung „Die Welt“ den Finger in die Wunde. Der BVB sei eine Art „SC Freiburg Europas“ geworden. Ein Ausbildungsklub, der seine besten Profis regelmäßig an die zahlungskräftigere Konkurrenz im In- und Ausland verliere. Der mit einem ständigen Neuaufbau nach schmerzhaften Abgängen dafür bestraft werde, dass er immer wieder neue Spitzenklasse hervorbringe. Eine Sisyphos-Arbeit. Ein Teufelskreis.

Diese Spieler musste der BVB ziehen lassen

Die Liste der Spieler, die der BVB trotz mehr oder weniger großer Anstrengungen nicht halten konnte, kann jeder Fan heute noch schnell aufzählen. Angefangen bei Nuri Sahin (zu Real Madrid), Mario Götze, Robert Lewandowski, Mats Hummels (alle zu Bayern München), Ilkay Gündogan (Manchester City), Henrikh Mkhitaryan, Shinji Kagawa (beide Manchester United) bis zu Ousmane Dembélé (FC Barcelona) und Pierre-Emerick Aubameyang (FC Arsenal).

BVB schafft eine weitere Transferperiode ohne schmerzhaften Abgang

Ein Bild aus dem Jahr 2015: Mats Hummels hätte sicherlich gerne noch länger mit Robert Lewandowski und Mario Götze beim BVB gespielt. Später wechselte er selbst nach München. © imago

Hätte Dortmund diese Ausnahmekönner nicht abgeben müssen seit 2012, er hätte in all den Jahren eine Mannschaft zusammengestellt, die in der Champions League um den Titel hätte mitspielen können. Stattdessen steht lediglich ein DFB-Pokalsieg in der Chronik.

Aus-, Fort- und Weiterbildung zählte für den BVB zur Vereinspolitik - gezwungenermaßen

Der stolze BVB als Zulieferer für die Klubs, die noch eine Nummer größer, finanzstärker sind? In einer Zwitterrolle, als dankbare Zwischenstation für den nächsten Karrieresprung? Diese Entwicklung konnte auch der BVB nicht bestreiten. Zum Teil kaschierte er sie dadurch, die Aus-, Fort- und Weiterbildung samt teurer Verkäufe zur Vereinspolitik zu erklären. Dennoch nagte es in jedem Sportdirektor oder Klubboss, wenn man die – teils auch menschlich geschätzten – eigenen Zöglinge ziehen lassen musste.

BVB schafft eine weitere Transferperiode ohne schmerzhaften Abgang

Mehr als 180 Millionen Euro brachten dem BVB die Verkäufe von Ousmane Dembele und Pierre-Emerick Aubameyang ein. Lieber aber hätte die Borussia länger von den sportlichen Qualitäten dieser beiden profitiert. © imago

Doch nach dem auch emotional tiefen Tal, dass durch die erstreikten Wechsel von Dembélé und Aubameyang entstand und zu obiger Schlagzeile führte, hat sich die Welt weitergedreht. Auch für Borussia Dortmund. Aktuell läuft die dritte Transferperiode in Serie, in der der BVB keinen Spieler verkaufen wird, den man unbedingt halten wollte. Der BVB etabliert sich in der Spitze und nabelt sich ab vom Rest des Geschäfts.

Pulisic-Wechsel ein Abschied ohne Tränen

Nach Dembélé kletterte Christian Pulisic im Januar mit einer Ablöse von 64 Millionen Euro, die der FC Chelsea überweist, zwar auf Rang zwei der teuersten Verkäufe. Der Abgang des US-Amerikaners hatte sich jedoch lange angekündigt, sportlich ist er zu verschmerzen und wirtschaftlich ein tolles Ergebnis: Einen Spieler, den der BVB selber ausgebildet und nun derart hochpreisig verkauft hat, muss man als Erfolgsprojekt ansehen. Es war ein Abschied ohne Tränen.

BVB schafft eine weitere Transferperiode ohne schmerzhaften Abgang

Der Wechsel von Christian Pulisic nach England hatte sich lange angebahnt. Er scheint - Stand jetzt - keine Verlierer zu haben. © imago

Und sonst? Bleibt der BVB standhaft. Alle eintrudelnden Anfragen bezüglich des englischen Wunderkindes Jadon Sancho blockte die Borussia unmissverständlich ab. Keine Chance – und Sancho selber scheint so clever und gut beraten zu sein, den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen zu wollen. Der junge Engländer, beim Marktwert inzwischen im neunstelligen Bereich angekommen, spielt also auch kommende Saison im schwarzgelben Trikot.

BVB hat den Sprung auf die lukrative Seite geschafft

Der andere Unterschiedsspieler, der als Vereinsinventar geltende Marco Reus, hatte sich im Frühling 2018 langfristig und final an den BVB gebunden. Schmerzhafte Verluste mussten die Borussen nicht mehr hinnehmen seit Januar 2018.

BVB schafft eine weitere Transferperiode ohne schmerzhaften Abgang

Wenn die Rufe aus der Heimat lauter und die Angebote für ihn höher werden, wird der BVB bei Jadon Sancho ein schwierige Entscheidung treffen müssen. © imago

Selbst wenn es bei Sancho in einem Jahr spannend werden dürfte, wo die Schmerzgrenze bei den sicher aufploppenden unmoralischen Angeboten liegt, hat der BVB in einer Periode, in der die Kluft zwischen den mega-reichen und den klammen Klubs immer weiter wächst, rechtzeitig den Sprung auf die lukrative Seite geschafft. Es ist der BVB, der anderen Klubs Nationalspieler abjagt wie Julian Brandt, Thorgan Hazard oder Nico Schulz.

BVB will zielorientiert arbeiten

Eine Abkehr der vorigen Transferphilosophie sehen Borussias Bosse nicht darin, ohnehin möchten sie in ihren Entscheidungen nicht ideologiegetrieben, sondern zielorientiert arbeiten. Nach Jahren mit (zu) vielen Käufen der guten Hoffnung liegt seit Sommer 2018 ein Schwerpunkt auf Routine und Qualität. Kompliziert wird es erst dann, wenn mit großen Versprechungen angelockte Spieler wie Abdou Diallo dann einen gestandenen Weltmeister wie Mats Hummels vor die Füße gesetzt bekommen.

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Das allerdings ist ein willkommenes Problem gegenüber dem, ständig seine besten Spieler zu verlieren. Auch der echte SC Freiburg wäre froh um so eine Situation.

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