BVB-Sportdirektor Michael Zorc: „Wir haben intern sehr klare Ziele“

mlzExklusiv-Interview

BVB-Sportdirektor Michael Zorc hat viel zu tun. Ein Gespräch über die Auswirkungen der Corona-Krise und den Transfermarkt – und weiter hohe Ambitionen für die kommende Saison.

Dortmund

, 03.07.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Das Mannschaftsfoto aus dem Jahr 1982 zeigt Michael Zorc mit wilder Haarpracht. Wir hätten es dem Sportdirektor von Borussia Dortmund gern gezeigt, wegen der Corona-Krise aber findet das vereinbarte Interview am Telefon statt. Zorc nimmt sich auch dort Zeit – und er kann sich gut an das Bild erinnern.


Waren Sie als junger Fußball-Profi mit wilder Haarpracht auch ein junger Rebell, der es mit der Disziplin und Ordnung ab und an nicht so genau genommen hat?

(lacht) Lange Haare waren zu meiner Jugendzeit „in“, ich würde mich nicht als Rebell bezeichnen. Aber ich habe in der Schule schon mitbekommen, dass in der Gesellschaft alles hinterfragt und alles diskutiert wurde. Das war so.

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Wir fragen, weil Sie in der Diskussion um nicht genehmigte Friseurbesuche ihrer Spieler auch Verständnis geäußert haben…

Das Brennglas, unter dem Spieler in der Öffentlichkeit stehen, ist in den vergangenen 40 Jahren deutlich stärker geworden. Mir war wichtig klarzustellen, dass nicht nur ganz junge Spieler beim Friseur waren. Das hat sich medial schon sehr auf Jadon (Sancho, Anm. d. Red) fokussiert. Ich habe nebenbei bemerkt beim Betrachten der anderen Spieler in der Bundesliga auch keine Unfrisierten gesehen. Die haben es vielleicht ein wenig cleverer angestellt (lacht).


Die Bundesliga hat in der Phase nach dem Re-Start insgesamt unter extremer Beobachtung gestanden. Wie groß war Ihre Sorge, dass die Saison reibungslos zu Ende gespielt werden kann, speziell natürlich, dass beim BVB sich alle an die Vorgaben halten?

Es war eine komplett neue Situation für uns alle. Das Hygienekonzept war sehr gut, aber auch sehr streng. Da kann man schon allen Beteiligten ein Kompliment machen. Es ging ja darum, Infektionsfälle zu vermeiden. Und wenn man über die Wochen bei 18 Mannschaften keinen einzigen Fall hat, kann man definitiv sagen, dass es sich in Gänze bewährt hat. Skepsis einiger Politiker gab es auch, was das Verhalten der Fans angeht, und auch in dieser Hinsicht hat es gut funktioniert. Den Fans gebührt ein großes Kompliment!


Sie haben in nun 23 Jahren als Manager einige Extremsituationen durchmachen müssen. Ist die Coronakrise die schwierigste, weil gar nicht absehbar ist, wie sie sich weiter entwickelt?

Es ist eine besondere Situation, für die es keine Blaupause gibt. Wir müssen sehr vorsichtig sein, die Gesundheit steht stets an oberster Stelle, gleichzeitig müssen die Spieler aber sportlich total ambitioniert bleiben. Nimmt man die letzten beiden Heimspiele mal aus, hat es in der Gesamtbetrachtung gut geklappt. Wir sind auch in der so genannten „Corona-Tabelle“, also der Tabelle seit dem Re-Start im Mai, Zweiter.


Wie haben Sie den Fußball ohne Fans erlebt?

Der reine Fußball war gut, besser als erwartet. Ich habe den Eindruck gehabt, dass die Spieler auf dem Platz sogar ruhiger am Ball waren, auch in Pressing-Situationen. Die technisch guten und gut strukturierten Mannschaften, haben sich sehr häufig durchgesetzt. Insgesamt fehlten natürlich die Fans und die Emotionen. Das war alles andere als schön, aber der einzige Weg für uns.


Timo Werner sprach davon, dass Physis und Konzentration ab der 60. Minute deutlich gelitten hätten…

Das eine bedingt das andere. Man muss bedenken, dass in der Pause keine normale Vorbereitung möglich war, weil wir lange kein Zieldatum für den Re-Start hatten. Das war wie Trockenschwimmen. Ganz zu schweigen von der Trainingssteuerung und den Inhalten.


Muss man sich anders vorbereiten, wenn es nach der Sommer-Pause zunächst ohne Fans weitergehen sollte?

Nein. Dann geht es in erster Linie darum, sich physisch in eine gute Verfassung zu bringen. Ich muss aber auch sagen, dass wir in der Liga schon die Hoffnung haben, dass wir zumindest mit einer Teilkapazität spielen können.


Ihre Arbeit wurde sehr stark beeinflusst von der Corona-Situation und wird es in absehbarer Zeit weiterhin sein. Welchen Transfer hätten Sie gern gemacht, den es nun nicht geben wird?

Messi wollte ablösefrei kommen. Das haut aber jetzt nicht hin (lacht). Im Ernst: Klar hat diese Situation immensen Einfluss auf unser Geschäft und auch auf die Transfers. Bei den Vereinen, die ihr Geld selbst verdienen müssen, ist einfach weniger in der Kasse. Bei Klubs, die in der Hand von Investoren sind, wird das Minus vielleicht ausgeglichen und noch etwas draufgelegt.

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Wird daher auf der Abgangs- und Zugangsseite weniger passieren?

Wir wissen, was wir tun wollen und können. Das Transferfenster ist noch sehr lang geöffnet. Aber wir haben sicher schon größere Betriebsamkeit gesehen in den vergangenen Transferperioden, als das jetzt der Fall sein wird.


Wann rechnen Sie mit einer Entscheidung im Fall Jude Bellingham?

Sie werden verstehen, dass ich darüber nicht sprechen möchte.


Wie aktiv Sie werden, wird auch davon beeinflusst, was mit Jadon Sancho passiert. Erwarten Sie ein klares Statement von ihm? Und wenn ja, wann?

Es wäre naiv zu behaupten, dass wir komplett unabhängig davon sind, wie sich die Situation darstellen wird. Falls es einen Transfer geben würde, hätte dieser ja auch eine bestimmte wirtschaftliche Dimension. Wir können uns aber sehr gut vorstellen, mit Jadon ins nächste Jahr zu gehen, weil er einfach einen sportlichen Mehrwert liefert. Alles andere werden wir in den nächsten Wochen sehen.


Er könnte aber ja wohl nicht Anfang Oktober noch mit einem Wechselwunsch zu Ihnen kommen...

Wenn Sie das so sagen...


Am Ende der Saison haben junge Spieler wie Leonardo Balerdi mehr Spielzeiten bekommen, Tobias Raschl durfte sein Bundesliga-Debüt feiern. Inwiefern besitzen diese Spieler auch für die kommende Saison eine Perspektive?

Sie haben es in der Hand. Dazu müssen sie Top-Leistungen zeigen. Wir haben ein klares Leistungsprinzip, das nicht außer Kraft gesetzt wird.


Eine andere Personalie ist Ihr Kapitän. Provokant gefragt, ist der Körper von Marco Reus den Belastungen des Profifußballs noch gewachsen?

Alle Planungen laufen darauf hinaus, dass er mit Saisonbeginn wieder voll einsteigen kann. Auf dieses Ziel arbeiten die Therapeuten und die Fitnesstrainer hin. Wir wünschen uns das für ihn und auch für uns als Borussia Dortmund, denn man hat gesehen, dass ein Marco Reus in Top-Form immer noch den Unterschied ausmachen kann. Er hatte in der Liga vor seiner Verletzung in 19 Spielen elf Tore geschossen und sechs vorbereitet.

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Der Trainer sprach von einem „kleinen Rückschlag“. Ändert dieser die Planungen?

Wir hatten die Hoffnung, dass er vielleicht in den letzten Spielen noch sein Comeback feiern könnte, haben aber am Ende entschieden, dass es das Risiko nicht lohnt und dass es besser ist, darauf hinzuarbeiten, dass er Anfang August vollumfänglich zur Verfügung steht. So ist weiter der Plan.


Das 0:4 gegen Hoffenheim war ein Augenöffner. Brauchen Sie einen Impfstoff, damit die Mannschaft in solchen Spielen anders auftritt?

Mir ist an einer differenzierten Betrachtung gelegen. Es geht für uns darum, vielleicht noch mal eine Leistungssteigerung herauszukitzeln, ausgehend von Platz zwei, den wir erreicht haben. Wenn ich aber lese, dass wir mentalitätsmäßig der Tabellenletzte wären, fehlt mir dafür jedes Verständnis. Ohne Mentalität wirst Du nicht Zweiter von 18. Es geht für uns darum, in Spielen wie gegen Mainz oder Hoffenheim, aber eben auch in Partien in der Saison, die keine offensichtlichen Highlights sind, die richtige Gangart auf den Platz zu bringen. Das ist das Ziel.


Für die kommende Saison möchte der BVB öffentlich kein klares Saisonziel ausgeben. Hatten Sie das Gefühl, die Mannschaft hat die klare Vorgabe aus diesem Jahr gehemmt?

Man muss unterscheiden, was von außen passiert und was innen passiert. Wenn Sie sehen, dass jetzt schon einige Spieler wieder gesagt haben, dass sie gerne einen Platz höher rutschen wollen, zeigt das die Ambition, die jeder Sportler haben sollte. Was wir festgestellt haben, ist: Fünf Jahre lang wurden wir aufgefordert, das Saisonziel Meisterschaft zu proklamieren. Im letzten Jahr haben wir gesagt, dass wir es zumindest versuchen möchten. Dafür wurden wir dann zwei Wochen gefeiert und ansonsten monatelang ständig dafür kritisiert, dass wir vermeintlichen Zielen hinterherhecheln. Das Spielchen brauchen wir nicht noch einmal. Gehen Sie davon aus, dass wir intern klare Ziele haben.


Also wollen Sie die Bayern weiter ärgern…

Es geht ausschließlich darum, dass wir versuchen, aus unseren Möglichkeiten das Beste zu machen. Bayern München interessiert mich nicht.


Wo sehen Sie Potenzial? Die jungen Spieler sind entwicklungsfähig, aber auch erfahrene wie Axel Witsel haben nicht das abgerufen, was sie schon mal gebracht haben…

Ich bin von einer öffentlichen Einzelkritik weit entfernt. Mein Ansatz zielt mehr darauf ab, was ich eben schon erwähnt habe. Wir haben nach meinem Gefühl den einen oder anderen Punkt zu viel gegen Gegner der unteren Tabellenhälfte abgegeben. Und wenn Sie unbedingt die Bayern wieder anführen möchten: Wir haben beide Spiele gegen sie verloren, auch da können wir uns verbessern.


Das gilt auch für den Pokal…

Das sowieso. Man könnte fast sagen, diesen Wettbewerb haben wir sträflich vernachlässigt. Es gibt ja, wie Sie wissen, eine große Community in Dortmund, die sich Ende Mai gerne gen Nordosten auf die A2 in Richtung Berlin begeben hat. Das hat auch etwas für den Zusammenhalt dieses Klubs getan. Da ist ganz klar die Forderung, dass wir weiterkommen wollen als in den vergangenen beiden Jahren.

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Es wird im Herbst kaum eine Phase ohne Englische Wochen geben, die Winterpause wird quasi ausfallen. Brauchen Sie vielleicht einen oder zwei Spieler mehr im Kader, um für diese Belastungen gewappnet zu sein?

Unser Kader war nicht zu klein. Aber das Thema müssen wir natürlich berücksichtigen. Der Begriff „Rotation“ wird durch die enge Terminierung eine Renaissance erleben. Wir haben ausreichend Zeit, um uns in eine gute Verfassung zu bringen. Wir können die Saison zeitlich wegen der EM nicht ausdehnen. Darauf müssen wir körperlich wie mental eingestellt sein.


Wollten Sie mit Ihrer Vertragsverlängerung um ein Jahr bis 2022 die Chance erhöhen, sich mit einem Titel in die Rente zu verabschieden?

Ich habe ja nie kundgetan, dass ich 2021 aufhören möchte. Es gab Überlegungen in diese Richtung. Aber es hat sich in den vergangenen Monaten doch einiges verändert, wir haben durch Corona völlig neue Herausforderungen. Ich bin froh, noch weiter dabei sein zu können. Und zum letzten Teil Ihrer Frage: Natürlich macht die Arbeit mehr Spaß, wenn man gewinnt. Hat in den 80er-Jahren mal ein Trainer zu mir gesagt... (lacht)

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