BVB-Talent Youssoufa Moukoko: Der verdiente Lohn für die harte Arbeit

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Youssoufa Moukoko steht kurz vor einem Etappenziel. Die Bundesliga winkt – als Profi beim BVB. Der Weg, der hinter dem 15-Jährigen, den sie Wunderkind nennen, liegt, ist außergewöhnlich.

Dortmund

, 14.11.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

BVB-Toptalent Youssoufa Moukoko kennt das, was ihm gleich widerfahren wird, zur Genüge. Irgendjemand schreit, er solle sich ins Grab legen. Ein anderer gibt zu verstehen, er werde ihm alle Knochen brechen. Der Rest der Rufe verhallt noch weiter unterhalb der Gürtellinie. Die Luft ist geschwängert mit Beschimpfungen. Auf den Torjubel folgt die Abneigung. Das geht schon länger so.

BVB-Toptalent Youssoufa Moukoko wird im Derby beleidigt

Am 18. Oktober schlägt Moukoko mal wieder die volle Breitseite entgegen. Bei Borussia Dortmunds 3:2-Sieg im kleinen Derby zwischen den A-Jugend-Mannschaften des FC Schalke 04 und des BVB erzielt der deutsche U20-Nationalspieler alle drei Tore für die Schwarzgelben, die Anfeindungen auf der Tribüne fallen derart heftig und teilweise rassistisch aus, dass sich Schalke 04 später gezwungen sehen wird, öffentlich von den Beleidigungen gegen Moukoko Abstand zu nehmen.

Der Deutsche Fußball-Bund wird zudem ermitteln und 6.000 Euro Geldstrafe gegen die Königsblauen verhängen. Moukoko selbst wird die Vorkommnisse weglächeln, wie er bisher eigentlich alles weglächelt, das auf ihn einprasselt. Bei Instagram schreibt er unter ein Jubelbild: „Derbysieger, Derbysieger, ey, ey, ey.“ Dazu drei Fäuste. Und „say no to racism“. Und „black lives matter“.

Youssoufa Moukoko soll mit dem BVB nach Berlin fahren

Einen Monat nach den Vorfällen in Gelsenkirchen steht Moukoko, der schon seit vier Jahren mit dem Spitznamen Wunderkind und regelmäßigen Anfeindungen leben muss, kurz davor, einen Traum zu verwirklichen und Bundesliga-Geschichte zu schreiben. Ab dem 20. November, seinem 16. Geburtstag, ist er für Borussia Dortmunds Profi-Mannschaft spielberechtigt. Am 21. November reist der BVB zum Auswärtsspiel gegen Hertha BSC nach Berlin – mit Moukoko als Teil des 20-köpfigen Spieltagsaufgebots, was vereinsintern längst als verbrieft gilt.

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Er könnte und er wird wohl der jüngste Bundesliga-Profi aller Zeiten werden. Nuri Sahin, der beim BVB einst im Alter von 16 Jahren und 355 Tagen debütierte, wird seinen Rekord aus dem Jahr 2005 nicht mehr allzu lange halten können, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert. Moukokos Bundesliga-Premiere ist das bisher bedeutendste Etappenziel auf seinem Weg, der bis hierhin außergewöhnlich erfolgreich und steinig zugleich verlaufen ist.

BVB-Talent Youssoufa Moukoko lebt einen Traum

Rückblick: 2013 holt ihn sein Vater Joseph aus dem Kamerun nach Hamburg, 2014 absolviert er sein erstes Training beim FC St. Pauli in einfachen Turnschuhen, schießt auf Anhieb Tore am Fließband und wechselt im Sommer 2016 schließlich zum BVB nach Dortmund, wo er zunächst bei einer Gastfamilie wohnt und später ins vereinseigene Internat zieht.

Sportlich geht es immer nur nach oben. Und nach vorne: Allein für die U17 und U19 des BVB erzielt Moukoko in 88 Spielen 141 Tore. In der laufenden U19-Saison trifft er, der seit dem Sommer im Training der Profis mitmischt, 13-mal. In vier Spielen. Mit zwölf Jahren feiert er sein Debüt in der deutschen U16-Nationalmannschaft, mit 15 in der U20.

BVB-Youngster Youssoufa Moukoko und das leidige Geburtstagsthema

Doch wo viel Erfolg ist, ist Ärger im Fußball nicht weiter als einen Kurzpass entfernt. Als Moukoko im Sommer 2017 in der U17 des BVB durchstartet, gegen teils fünf Jahre ältere Gegenspieler 13 Tore an den ersten fünf Spieltagen erzielt und für die U16 des DFB nominiert wird, bricht ein bundesweites Rätselraten über sein Alter aus, was zum einen an seiner Trefferquote und zum anderen an dem Umstand liegt, dass Moukoko zu diesem Zeitpunkt körperlich schon sehr weit ist. Die Bild-Zeitung fragt damals mit mehr als nur einem Hauch Ketzerei: Zwölf Jahre? Kann das wirklich sein?

Borussia Dortmund hegt daran keinerlei Zweifel. Die deutschen Behörden auch nicht. Im Oktober 2017 erklärt das Bezirksamt Hamburg Nord, dass 2016 eine Nachbeurkundung Moukokos erfolgt sei, aus der ganz klar hervorgehe, dass er am 20. November 2004 in Kameruns Hauptstadt Yaoundé geboren sei.

Hype um seine Torquote: BVB-Stürmer Youssoufa Moukoko trifft und trifft

Leichter wird es für Moukoko danach trotzdem nicht. Es ist nicht nur der Hype um seine Torquote, die auf ihn einprasselt, es sind auch die ständigen Fragen nach seinem Alter, das Misstrauen als ständiger Begleiter – und am Ende entschließen sich Moukoko, der BVB und der DFB dazu, zumindest auf Nationalmannschaftsebene einen Gang zurückzuschalten.

Nach vier Auftritten in der deutschen U16 ist es erst einmal wieder vorbei mit der Länderspiel-Karriere, Moukoko soll sich auf die Schule und den Vereinsfußball konzentrieren. Das sei eine schwierige Situation gewesen, erklärt der Stürmer 2018 in einem seiner wenigen Interviews gegenüber der „Sportbild“. „Es war hart für mich, mit den ganzen Geschichten“, sagt er. Er könne ja nichts dafür, „dass es so gut läuft“.

Für Youssoufa Moukoko läuft es weiter gut bei Borussia Dortmund

Die gute Nachricht aus Moukokos und Borussia Dortmunds Sicht ist, dass es bislang nicht aufgehört hat, gut für ihn zu laufen – und nach allem, was beim BVB über ihn erzählt wird, ist das kein Zufall. Lars Ricken, der frischgebackene Direktor Nachwuchsleistungszentrum und früher selbst mal BVB-Wunderkind, sagt im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten: „Ich erlebe ihn extrem fokussiert. Er hat sich in den vergangenen vier Jahren enorm weiterentwickelt. Ich kenne keinen Spieler, der so viel in Training und Spiel investiert hat.“

Moukoko verlasse sich nicht nur auf sein Talent, er sei auch Erster und Letzter im Kraftraum, und der Klub werde weiter verantwortungsbewusst mit ihm umgehen. „Wir müssen den Rucksack, den er auf dem Rücken hat, nicht noch voller packen“, findet Ricken.

Auch BVB-Funktionäre sind begeistert von Youssoufa Moukoko

Das fällt angesichts der Lobeshymnen zunehmend schwer. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke erklärte jüngst im Sky-Interview: „Youssoufa hat das Tor-Gen. Egal, ob du bei der U19 drei oder vier Buden machst, wenn du die regelmäßig machst, hast du das Gen irgendwann.“ Otto Addo, bei Borussia Dortmund für die Toptalente verantwortlich, sagt: „Ich habe selten einen Spieler gesehen, der so an den kleinen Schwächen, die er noch hat, arbeitet, der so diszipliniert, motiviert und professionell ist.“

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Und Erling Haaland, der Dortmunder Top-Torjäger, meint: „Er ist viel besser als ich mit 15. Er spielt bei Borussia Dortmund, ich habe in seinem Alter noch in meiner Heimatstadt Bryne gespielt. Ich will keinen Druck aufbauen, aber ich habe in meinem Leben keinen so guten 15-Jährigen gesehen.“

Fußballwelt wartet auf ersten BVB-Einsatz von Youssoufa Moukoko

Entsprechend gespannt blickt die Fußballwelt am 21. November nach Berlin. Moukokos erstmalige Berufung in den BVB-Kader wird zum einen die verdiente Belohnung für seine herausragenden Leistungen in der Nachwuchsabteilung sein, vor allem aber Ausdruck seiner Qualität, die er trotz seines jungen Alters schon mitbringt. Er gilt intern längst als vollwertiges Kadermitglied, das nicht nur ein bisschen reinschnuppern, sondern zeitnah auch helfen soll, erfolgreich zu sein.

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Ab dem 20. November beginnt das Kapitel Profifußball für Moukoko nun so richtig – und die Ziele für die Zukunft sind maximal hoch gesteckt: „Wenn ich ehrlich bin“, hat Moukoko 2018 gesagt, „ist es mein Ziel, Profi in Dortmund zu werden, mit der Borussia die Champions League zu holen und den Ballon d’Or zu gewinnen.“ Es klingt wie der große Traum eines Teenagers. Und es klingt nach einem steinigen und langen Weg, der noch vor ihm liegt – aber für Moukoko irgendwie auch nach bekanntem Terrain. Widerstände sind jedenfalls kein Neuland für ihn. Das geht schon länger so.

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