BVB-Trainer Lucien Favre verschärft den Ton - und muss um seinen Job kämpfen

mlzBorussia Dortmund

BVB-Trainer Lucien Favre verschärft nach dem 0:0 im Derby den Ton - und muss trotz aller gegenteiligen Beteuerungen um seinen Job kämpfen. Gelingt dem Schweizer die nachhaltige Wende?

Gelsenkirchen

, 28.10.2019, 06:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als sich die Revierrivalen letztmals begegneten, da waren die Rollen eindeutig verteilt. Borussia Dortmund kämpfte um die Deutsche Meisterschaft, Schalke 04 gegen den Abstieg. Satte 42 Punkte trennten die Rivalen Ende April. Eine irrational anmutende Zahl. Am Samstag duellierten sich Schwarzgelb und Königsblau auf Augenhöhe, und nach dem 0:0 waren es die Königsblauen, die der verpassten Chance auf den prestigeträchtigen Derbysieg hinterhertrauerten.

Die Diskussionen werden BVB-Trainer Favre begleiten

Verschieben sich die Kräfteverhältnisse innerhalb von so kurzer Zeit so gravierend, rückt auf der Seite des zuvor meilenweit enteilten Kontrahenten automatisch der Trainer in den Blickpunkt. Das ist in Dortmund schon seit einigen Wochen der Fall. Lucien Favre, deutet man die Zeichen richtig, muss trotz aller gegenteiligen Beteuerungen um seinen Job fürchten.

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Das torlose Remis war zwar nicht das ultimative Schicksalsspiel für den 61-Jährigen, es lieferte am Ende aber eher seinen Gegnern Futter als seinen weniger werdenden Befürwortern. Auch auf Schalke gelang es der Borussia nicht, aus der Spirale von Mutlosigkeit, fehlender Durchschlagskraft und fehlender Leichtigkeit auszubrechen, die Diskussionen werden den Dortmunder Trainer bis auf Weiteres begleiten.

Favres Analyse ist richtig wie selbstkritisch

Gleich in mehrfacher Hinsicht hatte Favre im Derby seine Taktik geändert. Auf dem Platz, wo er zur Viererkette zurückkehrte und fünf - zum Teil überfällige - Personalwechsel vornahm. Aber eben auch in der Analyse nach dem Spiel. Noch am Mittwoch in Mailand hatte Favre sich in einer irritierenden Interpretation des 0:2 bedingungslos vor seine Spieler gestellt. „Ganz okay“ war die Leistung für Favre gewesen, wie überhaupt deutliche Kritik im Sprachschatz des Schweizers kaum vorkommt.

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Die RN-Analyse zum 0:0 des BVB im Revierderby

Die Verwandlung erfolgte in den Katakomben des Schalker Stadions. Favre monierte die fehlende Durchschlagskraft, und er sagte: „Unter Druck haben wir Probleme, den Ball zu halten. Sie erobern die Bälle zu leicht, wir brauchen mehr Läufe in die Tiefe.“ Die Analyse war richtig wie selbstkritisch. Doch Favre beschrieb einen Zustand, der seit Wochen anhält. Und es fällt in seinen Aufgabenbereich, daran etwas zu ändern.

Gelingt Favre beim BVB eine nachhaltige Wende?

Am Freitag hatte sich Favres Trainerkollege vom größten nationalen Konkurrenten in einer bemerkenswerten Aktion hinter den Schweizer gestellt. Nico Kovac hatte in München den Umgang mit Favre angeprangert, dass Trainer nach nur wenigen nicht erfolgreichen Spielen gleich zur Disposition gestellt würden, ginge ihm viel zu schnell, erklärte der Bayern-Trainer. Es war ehrenwert, vielleicht war es aber auch ein bisschen der Versuch, die eigene Haut zu retten. Rund läuft es schließlich ja auch beim Rekordmeister nicht.

Kovacs Rückendeckung wird Favre nicht einen Tag länger oder kürzer im Amt halten, der 61-Jährige braucht eine nachhaltige Wende, einen neuen Geist in der Mannschaft. Die Frage, die sich viele stellen, sie lautet: Hat er dafür in der Mannschaft den Rückhalt?

Ein permanenter Ritt auf der Rasierklinge

Eine Profimannschaft zu leiten, ist ein permanenter Ritt auf der Rasierklinge. Wer in internationalen Wettbewerben beschäftigt ist, leistet sich für die Dreifachbelastung aus Pokal, Liga und Wochenspielen in der Europa- oder Champions League einen üppigen Kader. 25 Feldspieler sind keine Ausnahme, spielen können aber immer nur zehn, plus maximal drei Auswechslungen. Bedeutet auch, dass potenziell zehn weitere Spieler unzufrieden sind.

Die findet man auch im Dortmunder Kader. Favre hat beim Umgang mit einigen Spielern Fingerspitzengefühl vermissen lassen, nachzufragen bei Dan-Axel Zagadou, Jacob Bruun Larsen, die kaum Berücksichtigung finden. Oder aber bei Julian Brandt, dessen Pendeln zwischen Bank und Rasen seiner Form nicht zuträglich war. Vor allem aber bei Mario Götze.

Favre und Götze würdigen sich keines Blickes

Ein Abgang mit Stil war es nicht, als Favre Götze in der 57. Minute zur Seitenlinie bat. Götze war frustriert bei der Auswechslung, er hatte starke Schmerzen, weil ihm der Schalker Harit unabsichtlich auf die linke Hand gestiegen war. Und er hätte gern weitergespielt, weil Favre ihm diese Gelegenheit nicht allzu oft gibt. Doch als er vom Feld ging, würdigten sich Trainer und Spieler keines Blickes. Perfekter Stoff für den Boulevard, und es mutete vor allem merkwürdig an, dass Favre für den unglücklich verletzten Götze nicht zumindest einige tröstende Worte übrig hatte.

BVB-Trainer Lucien Favre verschärft den Ton - und muss um seinen Job kämpfen

Lucien Favre (r.) und Mario Götze würdigten sich keines Blickes. © imago

Szenen wie diese sollte man vielleicht nicht überinterpretieren. Aber sie passen ins Bild eines Trainers, der um seinen Job kämpfen muss. Favre hat nun den Ton verschärft. In jeglicher Hinsicht.

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