BVB-Trainer Lucien Favre: Zauberer oder Zauderer?

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Zauberhafter Fußball, zaudernder Coach: Zwischen diesen Extremen schwankt die Gemengelage beim BVB immer wieder. Das 1:3 in Berlin ruft die Kritiker von Trainer Lucien Favre auf den Plan.

Dortmund

, 07.09.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es brauchte eine Delegation in halber Mannschaftsstärke, die nach Lausanne an den Genfersee reiste. Bei Hertha BSC genoss diese Personalie höchste Priorität, und zweimal hatte dieser Schweizer Zaubertrainer bereits höflich, aber bestimmt abgesagt. Der Besuch der geballten Abordnung aus Berlin erweichte ihn dann doch. Lucien Favre, mit dem FC Zürich zweimal Landesmeister und selber zweimal zum „Trainer des Jahres“ gewählt, sagte endlich zu. Soweit das Histörchen.

Schweizer Zurückhaltung

2007 tauchte Lucien Favre, heute 61 Jahre alt, erstmals in der Bundesliga auf. Die Episode seines Weges dorthin zeigt, wie kompliziert und zögerlich die Angelegenheiten mit dem Mann aus der Romandie sein können. Einen Karriereplan hatte Favre nie, er war als Trainer schlicht so gut, das er ständig aufstieg und Titel holte. Über die Schweiz hinaus habe er nie gedacht, behauptet er. Herausforderungen geht er eher abwägend und zurückhaltend an.

BVB-Trainer Lucien Favre: Zauberer oder Zauderer?

Von außen machtlos: Lucien Favre konnte die BVB-Niederlage bei Union Berlin nicht verhindern. © imago

So wie manchmal auf dem Platz, wenn er den Zugriff auf das Spiel sucht wie am vergangenen Wochenende. An diesem heißen Spätsommertag im Osten Berlins fühlen sich seine Kritiker erinnert an die vergangene Saison. An die Spiele, in denen Borussia Dortmund in der rückblickenden Analyse den Titel verspielt hatte, weil, das ist der Hauptpunkt der Kritik, es der Schweizer nicht verstanden hatte, von der Seitenlinie korrigierend einzugreifen, neue Impulse zu setzen oder die Spieler emotional zu kitzeln.

Coaching-Pause auf dem Silbertabeltt - Favre nutzt sie nicht

Das Wetter spielt Favre im Stadion an der „Alten Försterei“ eigentlich in die Karten. Schiedsrichter Felix Brych gestattet den 22 Spielern nach 70 Minuten eine letzte Trinkpause. Die Dortmunder trotten verunsichert zur Seitenlinie, der Berliner Führungstreffer zum 2:1 kurz nach Beginn der zweiten Hälfte ist ihnen durch Mark und Bein gefahren. Diesen Verlauf hatten sie so nicht erwartet. Favres Mannschaft bettelt förmlich um eine starke Hand und um Führung, sie hätte mahnende Worte gebraucht und auch ermunternde, taktische Hilfen und vor allem einen laut vernehmbaren Weckruf.

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Favre aber spricht nicht zu den Spielern in dieser Situation. Er steht ein wenig abseits und bereitet die Einwechslung von Raphael Guerreiro vor. Als Sebastian Kehl, der Lizenzspielerchef, das registriert, tritt er zu den Spielern und klatscht beschwörend in die Hände. Doch das Unheil ist nicht mehr abzuwenden und nimmt seinen Lauf - als Guerreiro ins Spiel kommt, hat Union Berlin auf 3:1 erhöht. Davon erholt sich der BVB nicht mehr.

Das sind die Stärken von Lucien Favre

Borussia Dortmund hat gewusst, was man bekommt, als Lucien Favre im Sommer 2018 verpflichtet wird, um den dringend notwendigen Neustart anzuführen. Favre kommt mit einer glänzenden Reputation, ungeachtet der schon aus seinen vorherigen Stationen bekannten Schwächen. Er verzaubert die Mannschaft mit seiner Akribie, mit seinem Fachwissen, dem Beharren auf Kleinigkeiten und dem Pochen auf Details. Wenn es um fußballspezifische Dinge geht, macht ihm niemand etwas vor. Da muss er sich hinter erfolgreichen Vorgängern nicht verstecken. Und so lange sein Plan aufgeht, ist alles gut.

Das ist die positive Seite. Lucien Favre holt in seiner ersten Saison als BVB-Trainer mehr Punkte, als dies Ottmar Hitzfeld in einer gesamten BVB-Zeit schaffte. Selbst Jürgen Klopp gelingt es nur in einem seiner sieben Dortmunder Jahre, Favres Marke von 76 Punkten zu übertreffen. Er hat die Erwartungen übererfüllt. Hängen bleibt von diesem Jahr aber vor allem, dass es Favre nicht gelang, neun Punkte Vorsprung vor den Bayern ins Ziel zu retten.

Favre gönnte Witsel und Sancho keine Pausen

„Zauderer“ wird er hinter vorgehaltener Hand genannt, weil Favre sich schwer damit tut, Veränderungen vorzunehmen. Er verzichtet in dieser anstrengenden Spielzeit ungern auf Axel Witsel und Jadon Sancho. Für die fehlenden Ruhepausen bekommen beide in der finalen Phase die Quittung. Witsel und Sancho sind überspielt, als sie der BVB in Bestform gebraucht hätte.

Auch taktisch fühlt sich Favre in bewährten Abläufen am wohlsten. In Berlin hätten viele gern mehr Mut von ihm gesehen. Eine Woche zuvor in Köln hatte seine taktische Umstellung gefruchtet, als dem BVB die Partie aus den Händen zu gleiten drohte. Doch gegen den zweiten Aufsteiger, der taktisch ähnlich agierte wie Köln, kehrte der Schweizer zu Altbewährtem zurück. Favre, so scheint es, konnte nicht anders. Er konnte einfach nicht aus seiner Haut.

Manchmal braucht es Methoden wie die von Jürgen Klopp

Dass diesmal die Qualität allein nicht die Wende zum Guten brachte, legte die große Schwachstelle des Trainers Lucien Favre offen. Die Spieler hätten im übertragenen Sinn einen Tritt in den Allerwertesten gebraucht, um sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Favre machte stattdessen als Ursache des Scheiterns aus, „dass wir nicht geduldig geblieben sind“. Eine Mannschaft mit Worten mitzureißen, wie dies sein größter Vorgänger Jürgen Klopp nach Belieben konnte, das gehört nicht zu seinem Repertoire.

Favre lernte erst im fortgeschrittenen Alter Deutsch, manchmal versteckt er sich allzu gerne hinter dieser sprachlichen Barriere. Das schafft eher Distanz als Nähe, die vergangene Spielzeit hat die Zweifler bestätigt, die gemutmaßt hatten, dass man nicht eine komplette Spielzeit ohne diese emotionale Qualität hinter sich bringen kann. In den Spielen in Augsburg und Düsseldorf, in Nürnberg und in Bremen hätte es dem BVB auf jeden Fall gut getan. Die Niederlage in Berlin hat die Diskussion neu aufflammen lassen.

Favre lässt offensiven, sehenswerten Fußball spielen

Grundsätzlich leistet Favre viel in Dortmund, sein Training zum Beispiel wirkt. Der BVB steht für offensiven, begeisternden, sehenswerten Fußball. Wenn es läuft, ist der schwarzgelbe Express kaum aufzuhalten. Der Trainer selber sagt, dass er natürlich noch längst nicht damit fertig sei, seine Vorstellungen umzusetzen. Diesen fußballerischen Idealzustand, nach dem dieser Romantiker strebt.

Wichtiger ist aktuell, die Probleme in den Griff zu bekommen, die sich wiederholt einstellen. Auf dem Rasen wäre da die permanente Gegentorgefahr bei gegnerischen Standards. In diesem Bereich liegt der BVB in den Statistiken in der Nähe von Abstiegskandidaten. Auch mit dem Spielaufbau gegen Mannschaften, die sehr hoch pressen und teilweise in Manndeckung auf dem ganzen Feld übergehen, tut sich Dortmund schwer.

Warum tut sich der BVB gegen schwächere Gegner schwer?

Hinzu kommt der augenscheinliche Mangel bei der Motivation vor allem gegen eklatant schwächer besetzte Gegner. Favre redet sie stark, seine Spieler folgen ihm da nicht und legen prompt nicht die gewohnte Arbeitsbereitschaft an den Tag.

Die sich wiederholenden Muster der Auswärtsspiele in Düsseldorf, Augsburg, Nürnberg, Köln oder Union Berlin sind frappierend. „Mentalität ist auch eine Qualität“, sagt Lizenzspieler-Chef Sebastian Kehl. Ihm und Favre gelingt es ganz offensichtlich manchmal nicht, diese geistige Grundkomponente zu stimulieren. Weniger laufen, kaum Zweikämpfe führen - da reicht die unbestritten höhere Qualität nicht zwangsläufig aus, wenn die Basis nicht vorhanden ist.

Viele Unwägbarkeiten auf dem Weg zum Titel

Das ausgegebene Ziel, um die Deutsche Meisterschaft mitzuspielen, erklärt der Trainer erst auf Nachfrage auch zu seinem Wunsch. Es ist ja kompliziert, von so vielen Faktoren abhängig, nicht kontrollierbar, da soll die Erwartungshaltung nicht zusätzlich erdrücken. Einem nüchternen Analysten liegen schlicht zu viele Unwägbarkeiten im Weg, um sich festzulegen. Doch mit Zaudern wird der Titel nicht greifbarer. Auch Favre sagt: Nur Titel zählen für die Ewigkeit.

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