BVB-Trainer Lucien Favre: Zuhause in der Schusslinie

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Bei jedem Negativerlebnis gerät BVB-Coach Lucien Favre unmittelbar ins Zentrum der Kritik. Das Saisonfinale bekommt durch die nie abmoderierte Trainerdiskussion zusätzliche Brisanz.

Dortmund

, 19.06.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Einer der vielen TV-Experten ließ sich dann auch noch zu einer überspitzt dargestellten Meinung hinreißen. Beim BVB, spitzzüngelte Dietmar Hamann am Mittwoch, dürfte es nach dem 0:2 gegen den FSV Mainz 05 einmal mehr hoch hergehen, meinte der Ex-Nationalspieler. „Sobald ein Spieler einen Fehlpass spielt, steht Trainer Lucien Favre wieder auf der Kippe.“

Nun bleiben nach gründlicher Filtration bei diesen Experten-Gesprächen oft nicht viele Sätze übrig, die über das Ende der Sendezeit hinaus Bestand haben, und selbstredend übertrieb Hamann maßlos. Doch der Kern seiner Aussage traf diesmal ins Mark.

Bei jedem Negativerlebnis geht es BVB-Coach Favre an den Kragen

Sobald sich ein einziges Negativerlebnis oder -ergebnis bei Borussia Dortmund einstellt, geht es in der Öffentlichkeit Lucien Favre an den Kragen. Er ist quasi zuhause in der Schusslinie. Und das entwickelt sich auf Dauer für den BVB zu einem größeren Problem als zugespitzte Polemiken von außen.

Sebastian Kehl, als Chef der Lizenzspieler ein wichtiger Verbindungsmann für den Trainer, nahm unter der Woche die Kritik an und auf. Nach einer Nicht-Leistung wie gegen Mainz „müssen sich alle hinterfragen“, sagte der 40-Jährige und dürfte damit vor allem Team und Trainer gemeint haben. Ausufernde Diskussionen versuchte er im Keim zu ersticken: „Wir sollten aber nicht aufgrund dieses einen Ergebnisses alles in Frage stellen.“

So fahrlässig wird beim BVB fraglos niemand mit wurzeltiefen Problemen wie der nie abmoderierten Trainerfrage umgehen. Zwölf Siege in 15 Rückrundenspielen sind nicht wegzudiskutieren, auch das leidige Thema Stabilität schien bereits abgehakt. Doch binnen weniger Tage reichten zwei Gegnern, den schmeichelhaft bezwungenen Düsseldorfern und den zu Recht siegreichen Mainzern, ein paar Prozent mehr Leidenschaft und Charakter, um die Borussia mehr oder weniger bloßzustellen. Trotz der unmissverständlichen Forderung von Sportdirektor Michael Zorc, vehement um Platz zwei zu kämpfen und den Fokus nicht zu verlieren, rauschte Borussia Dortmunds Leistung in den Keller wie ein Raubvogel beim Sturzflug.

BVB-Sportdirektor Michael Zorc sucht Einzelgespräche

Da dürfen sich die Spieler nicht beschweren, dass sie nach einem halben Jahr Ruhepause mit der Charakterfrage nach der Mainz-Partie wieder jene Vorwürfe einholen, die sie als Mentalitätsdebatte Leid waren. In Einzelgesprächen hat Zorc seit Mittwoch Einfluss auf die Mannschaft genommen. Es geht gegen RB um das Prestige der Vizemeisterschaft, einige Millionen mehr aus TV-Verträgen und Sponsoringerlösen und vor allem um den Eindruck, dass sich der BVB in dieser Konstellation – mit Favre als Cheftrainer – zuversichtlich in die Sommerpause begeben kann.

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Der Schweizer führt die Mannschaft wie gewohnt weiter beschränkt auf fußball-technische und taktische Einflussnahme. Am Mittwoch übte er Kritik, man habe den Gegner unterschätzt. Am Freitag fand er die Einstellung in den ersten 30 Minuten wieder okay. Dass Favre laut wird, seine Mannschaft bei der Ehre packt und die letzten schwindenden Kräfte über den Ansatz der Motivation herauskitzelt, das wünschen sie sich intern bei Borussia Dortmund. Doch diese Tasten der Trainer-Klaviatur bedient der 62-Jährige nicht.

Favres Kritiker stehen immer bereit

„Bis jetzt war die Rückrunde gut, weil wir bereit waren, alle zusammen zu verteidigen“, erläutert Favre. Das ist indirekt auch ein Eingeständnis, dass das in Düsseldorf und vor allem gegen Mainz nicht mehr der Fall war. Ob die Heimpleite gegen die 05er „ein Einzelfall bleibt“, wie es Sportdirektor Zorc erbittet, wird am Samstag in Leipzig entschieden. Ein Fehlpass im Spitzenspiel wird die Sachlage nicht ändern, ein weiterer gleichgültig wirkender Auftritt hingegen schon. Favres Kritiker stehen immer bereit.

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