„Es gibt immer ein paar Unbelehrbare, die man nicht abholen wird“, sagt Christian Steffes von den Rainbow-Borussen. © imago / Jan Huebner
Borussia Dortmund

BVB-Trikot gegen Homophobie: Rainbow-Borusse sieht Fußball als letzte Bastion

Der BVB läuft gegen Bayern München in einem Sondertrikot mit Regenbogen-Aufdruck auf. Wir haben mit einem Mitglied der Rainbow-Borussen über die Aktion und Homosexualität im Fußball gesprochen.

Borussia Dortmund wird im Spiel gegen den FC Bayern München (18.30 Uhr, live bei Sky) mit einem Sondertrikot ein Zeichen gegen Homophobie und für eine offene Gesellschaft setzen. Zuletzt hatte sich der BVB bereits an der #ihrkönntaufunszählen-Aktion der „11 Freunde“ beteiligt und seine Unterstützung signalisiert, sollte sich ein homosexueller Spieler outen.

Wir haben mit Christian Steffes über die Aktion und das Thema Homosexualität im Fußball gesprochen. Der 38-Jährige ist seit 2010 Mitglied der „Rainbow-Borussen“, einem Fanclub, in dem sich homosexuelle BVB-Fans zusammengefunden haben. Im Interview spricht er über den Wandel, den die Fanszene beim Thema Homosexualität vollzogen hat und fragwürdige Aussagen von Philipp Lahm.


Borussia Dortmund setzt am Wochenende ein Zeichen gegen Homophobie und Diskriminierung und läuft in einem Sondertrikot auf. Wie bewerten Sie diese Aktion des BVB?

Die Aktion ist super. Es ist das zweite Mal, dass das Thema während eines Spieltags aufgegriffen wird. Ich hätte es allerdings besser gefunden, wenn Teile des Trikots in Regenbogenfarben wären, anstatt nur das Logo des Sponsors. Geschmäcker sind unterschiedlich, aber es ist schließlich auch eine gemeinsame Aktion vom BVB und 1&1. Die Geste ist sehr schön und es ist klasse, dass sich der Verein gerade im Duell gegen die Bayern so positioniert. Aber am Ende zählt der Gedanke dahinter und da ist der Gegner egal.

Vor zwei Wochen haben mehr als 800 Spielerinnen und Spieler auf Initiative der Fußballzeitschrift „11 Freunde“ ihre Unterstützung signalisiert, falls sich ein Fußballprofi outen sollte. Wie finden Sie diese Idee?

Ich finde sie sehr gut. Es ist schon super, wenn Fans sich so positionieren, wenn sich aber Profis für dieses Thema einsetzen – und dann so viele – bekommt es noch mal eine ganz andere Reichweite. Die Signalwirkung ist sehr wichtig. Homophobie im Fußball ist schon seit Jahrzehnten ein Thema, dass aber so eine Masse an Profi-Spielern das Thema auf dem Schirm hat, ist neu. Das wurde so noch nie aufgegriffen. Es ist schön zu sehen, dass es diese Unterstützung geben würde und sie öffentlich kommuniziert wird. Wie es wirklich in den Vereinen aussieht, weiß ich nicht.

Christian Steffes ist BVB-Fan und seit 2010 Mitglied des BVB-Fanclubs „Rainbow-Borussen“. © privat © privat

Hans-Joachim Watzke hat stellvertretend für die Mannschaft von Borussia Dortmund und alle 850 Mitarbeiter unterschrieben. Hätten Sie sich gewünscht, dass ein Profi des BVB ebenfalls mit seinem Gesicht für die Aktion wirbt?

Es wäre sicherlich gut gewesen. Aber dass es nicht so ist, ist kein Weltuntergang. Der BVB hat in den vergangenen Jahren sehr viel für dieses Thema getan. Vielleicht waren die Profis zu dem Zeitpunkt, als die „11 Freunde“ angefragt hat, auch gerade in einer Spielvorbereitung.


Was würde das Outing eines Fußballprofis Ihrer Meinung nach bedeuten?

Anfang der 2000er-Jahre hat man mal darüber gesprochen, dass berühmte Persönlichkeiten als Vorbilder gefehlt haben. Ich glaube, es ist gerade für jüngere Menschen, die sich outen wollen, eine Unterstützung, wenn sie sehen: Den Sportler finde ich cool und der ist auch schwul oder lesbisch. Es wäre schön, wenn es das auch im Fußball geben würde. Klar, es gibt Thomas Hitzlsperger, aber er hat sich erst nach seiner Karriere geoutet. Der nächste Schritt wäre, dass jemand diesen Weg schon während seiner Karriere geht. Die Aktion der „11 Freunde“ hilft, den Weg zu ebnen.

Am 29. Spieltag der Saison 2016/17 hing beim BVB-Spiel gegen Eintracht Frankfurt ein Banner mit dem Schriftzug „Gemeinsam gegen Homophobie“ auf der Westtribüne. Auch die Eckfahnen waren damals in Regenbogenfarben gehalten. © imago / Thomas Bielefeld © imago / Thomas Bielefeld

Haben Sie das Gefühl, dass das Outing von Thomas Hitzlsperger der Thematik einen Schub verpasst hat?

Ja, das Thema ist schließlich auch medial groß aufgegriffen worden. Der Umgang mit ihm war auch danach ganz normal. Er hat einen guten Job bei Stuttgart. Nach dem Outing stand ihm nie etwas im Weg.


Philipp Lahm schreibt in seinem noch unveröffentlichten Buch: „Gegenwärtig scheint die Chance gering, in der Bundesliga ein Coming-Out zu wagen und nur halbwegs unbeschadet davonzukommen.“ Glauben Sie, er hat recht?

Ich würde nein sagen, aber natürlich hat Phillip Lahm ganz andere Einblicke in den Profifußball als ich. Da muss ja irgendetwas dahinter stecken. Ich weiß nicht, ob Nike oder Adidas noch Sponsorenverträge mit dem Spieler haben wollen, weil das eventuell nach sich zöge, dass sie nicht mehr so viel Bekleidung in Russland oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten verkaufen. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass ein Verein einen Spieler daran hindert oder dass der BVB sagen würde, wir kaufen einen Spieler nicht, weil er schwul ist.

Wie bewerten Sie die Aussage von Phillip Lahm? Er verstärkt damit ja vielleicht auch Ängste und macht es für einen Spieler nicht unbedingt einfacher, sich zu outen.

Das stimmt. Wenn man es so betrachtet, ist die Aussage von Philipp Lahm natürlich schwierig.


Ist der Fußball schon reifer und aufgeklärter als in der Öffentlichkeit angenommen wird? Es wird ja immer das Szenario aufgemacht, dass homosexuelle Spieler im Stadion ausgepfiffen und beleidigt würden. Glauben Sie, das würde passieren?

Ich gehe jetzt seit 20 Jahren zum Fußball. Wenn ich die Jahre um die Jahrtausendwende mit der Situation heute vergleiche, ist es schon ein riesiger Unterschied. Natürlich hört man auch heute noch homophobe Sprüche auf der Tribüne, aber das ist von Klub zu Klub unterschiedlich. In Dortmund hört man homophobe Rufe oder Gesänge fast gar nicht. Da gab es definitiv einen Wandel. Wahrscheinlich wird es einzelne Leute geben, die pfeifen, aber dass eine ganze Tribüne einen homosexuellen Spieler auspfeift, wird nicht passieren. Wenn es vorkäme, wäre es wohl sehr selten. Der Druck kommt eher aus einer anderen Richtung.

Also eher durch Strukturen im Profifußball und nicht unbedingt aus der Fanszene?

Ja, das ist meine Wahrnehmung. Die Affenlaute, mit denen schwarze Spieler früher diskriminiert worden sind, sind zum Glück fast vollständig verschwunden – auch wenn es sie leider vereinzelt auch heute noch gibt. Ich weiß nicht, ob man es unbedingt vergleichen kann, aber dadurch, dass diese Laute verschwunden sind, denke ich, dass es auch keine Pfiffe gegen homosexuelle Spieler geben würde. Aktionsspieltage, die nicht nur der BVB veranstaltet, sondern teilweise auch gemeinsam initiiert sind, tragen beispielsweise zur Aufklärung bei. Es gibt aber natürlich noch Diskriminierungsformen wie Sexismus und Antiziganismus, die man weiterhin im Stadion vorfindet.


Die Rainbow-Borussen gibt es seit 17 Jahren. Was haben Sie in der Zeit an Solidarität, vielleicht aber auch an Anfeindungen erfahren?

Direkte Anfeindungen gab es eigentlich sehr wenig. Wir sind relativ schnell Teil des Blocks geworden. Es gab außerhalb des Stadions mal jemanden, der während des Christopher-Street-Days in Dortmund uns gegenüber seinen ganzen Hass und Frust abgeladen hat. Ansonsten wurden wir aber immer gut integriert – etwa im Zuge der Initiative „ballspiel.vereint“. Auch der Kontakt zu den Fanbetreuern war immer gut. Wir sind ein Teil der Fanszene, wie viele andere Fanclubs auch.

Woran liegt es, dass man im Männerfußball noch so weit hinterherhängt, was das Thema Homosexualität angeht?

Vielleicht, weil sich der Fußball als die letzte Bastion der Männlichkeit profiliert. Es gibt viele Trainer, die sagen: „Wir haben heute Männerfußball gespielt“ – wobei sich natürlich die Frage stellt, was das bedeuten soll? Schwule Fußballer können schließlich auch Männerfußball spielen. Vielleicht liegt es an dieser strotzenden Männlichkeit. Überall wurden die Ängste abgelegt. Es gab Prominente, auch Sportler, die sich geoutet haben. In den großen Profiligen im Fußball kenne ich keinen Spieler, in unteren Ligen mal hier und da. Vielleicht wird diese letzte Bastion auch irgendwann fallen.


Es gab nach der „11 Freunde“-Aktion auch viele Amateurklubs und -Fußballer, die unter dem Hashtag #ihrkönntaufunszählen, ihre Solidarität bekundet haben. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Es ist sehr schön, dass sich so viele dahinter gestellt haben. Da sieht man, dass die Aktion angekommen ist. Das hat mich sehr gefreut.

Was würden Sie sich bezogen auf das Thema Homosexualität im Fußball noch wünschen?

Ich finde, die Fanszene ist, was das angeht, schon sehr weit. Es gibt immer ein paar Unbelehrbare, die man nicht abholen wird. Aber die bewusste Diskriminierung ist größtenteils verschwunden. Ich wünsche mir, dass kein Spieler, der sich von sich aus outen möchte, davon abgehalten wird und den Spielern die Ängste von den Vereinen genommen werden. Aktionsspieltage und die Beteiligung an der Aktion der „11 Freunde“ ist gut. Es müssen am Ende aber mehr als Lippenbekenntnisse sein. Wenn es so weit ist, müssen die Vereine es auch leben.

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland

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