BVB-Profi Nico Schulz (r.) im Duell mit Gladbachs Lazaro. © imago images/Team 2
Borussia Dortmund

BVB-Verteidiger Nico Schulz kämpft – das überrascht

Borussia Dortmunds Linksverteidiger Nico Schulz gilt längst als Fehleinkauf. Doch jetzt benötigt ihn der BVB mehr denn je. Kann er sein Phlegma abschütteln?

Der Fehlpass von Gladbachs Florian Neuhaus gehörte zur Kategorie „schwer verzeihlich“. Schwer überraschend war, dass Borussia Dortmunds Nico Schulz ihn auch entsprechend ausnutzte. Ballgewinn, Antritt, kluger Laufweg, Pass auf den empfangsbereiten Erling Haaland: Besser als Schulz in dieser Szene kann man einen Konter nicht einleiten. Zwei Pässe und einen Schuss später zischte der Ball ins Netz und der BVB ins Halbfinale des DFB-Pokals. Die Lorbeeren ernteten Marco Reus für seinen intuitiven Direktpass oder Jadon Sancho für den überlegten Abschluss. Nico Schulz lobte niemand – dabei hatte er diesmal nicht nur nichts falsch, sondern ganz viel richtig gemacht.

Lob für BVB-Profi Nico Schulz fällt eher nüchtern aus

Es spricht für sich und nicht für Borussias Linksverteidiger, dass dessen Beitrag zum Tor des Tages fast unterging. Nach nur fünf Spielminuten wurde er für Raphael Guerreiro (Wadenverletzung) eingewechselt, keine einfache Situation. „Es war nicht leicht für ihn, als er so ins kalte Wasser geworfen wurde“, sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc den Ruhr Nachrichten nüchtern. „Je länger das Spiel dauerte, desto sicherer ist er geworden.“

54 Ballkontakte, eine Passquote von 90 Prozent und Sieger in jedem zweiten direkten Duell – das war kein schlechter Arbeitsnachweis für den intensiven Pokalfight. Den Kampf nahm nicht nur der BVB an, auch Nico Schulz tat das. „Er hat sich reingebissen, wichtige Zweikämpfe gewonnen und seinen Beitrag geleistet, dass wir in die nächste Runde einziehen konnten“, sagte sein Trainer Edin Terzic.

BVB-Profi Nico Schulz fehlt das Selbstvertrauen

Endlich, müsste man ergänzen. Noch vor vier Wochen, beim 3:2 n.V. gegen den SC Paderborn, stand Schulz auch 90 Minuten lang auf dem Rasen. Und spielte so, als wolle er sich lieber verstecken. Ängstlich und zögerlich, gehemmt von der lähmenden Sorge vor dem nächsten Fehler, dem nächsten Ballverlust. Und damit ziemlich genau so, wie man ihn in Dortmund seit seinem Dienstantritt im Sommer 2019 kennt.

Keine zwei Jahre alt ist der folgende Satz, doch die Erwartungen, die in ihm begründet liegen, scheinen eine Ewigkeit alt zu sein. Bei der Präsentation des neuen Linksverteidigers der Dortmunder Borussia sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: „Achraf Hakimi und Nico Schulz – schnellere Außenverteidiger als wir wird niemand haben.“ Nun ist Hakimi beim BVB längst Geschichte, und Nico Schulz (27) ist zwar immer noch flott unterwegs, der Blick auf seine bisherigen Leistungen in Westfalen allerdings ebenso schnell – schnell erledigt.

Der BVB hat viel bezahlt für Nico Schulz – und wenig bekommen

25,5 Millionen Euro Ablöse hatte Borussia Dortmund für den gebürtigen Berliner investiert, und ein einem Nationalspieler (12 Spiele/2 Tore) angemessenes Gehalt draufgepackt. Schmale 534 Einsatzminuten stehen in dieser Saison als Gegenwert in der Statistik, nur zweimal erlebte er An- und Abpfiff auf dem Rasen. Da darf man mehr erwarten von einem gestandenen Bundesliga-Spieler, der in seiner bisherigen Zeit in Dortmund wenig nennenswerte Eindrücke hinterlassen hat.

„Er muss sich weiter aus seiner schwierigen Phase rauskämpfen, rausarbeiten und auch rausspielen“, sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc Anfang Dezember, als sich Schulz mit einem 90-minütigen Einsatz beim begrenzt bedeutsamen Champions-League-Spiel in St. Petersburg wieder in Erinnerung gerufen hatte. Es folgten weitere Gelegenheiten zur Profilierung, mal kürzer, mal länger, und viele Trainingseinheiten. Dass sich auch abgeschriebene Kandidaten im Kader wieder nach vorne kicken können, zeigt nicht zuletzt das Beispiel Mahmoud Dahoud. Ob Schulz Ähnliches zuzutrauen ist?

Ein Schulz-Problem beim BVB: Raphael Guerreiro

Sein Dilemma hat viele Gründe, manche sind auf ihn zurückzuführen, andere nicht. Schulz‘ Reservistendasein liegt unter anderem an seinem überragenden Konkurrenten Raphael Guerreiro, den „Spielmacher auf dem linken Flügel“ (O-Ton Terzic). Den Portugiesen hatte der BVB vor knapp zwei Jahren gedanklich bereits verkauft, als ballsichere Anspielstation, Spielbeschleuniger und Torvorbereiter gilt er heute längst als unumstößlich gesetzt. An einem gesunden Guerreiro kommt Schulz nicht vorbei.

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In seiner Dortmunder Zeit blieb dem Halb-Italiener außerdem das Pech treu. Eine Reihe von Verletzungen, meist muskulärer Art, warfen ihn aus der Bahn. Mehr als 20 Spiele verpasste er mit Krankenschein. Zweimal erwischte es ihm zum Start in die Saison, er fand hernach leistungsmäßig nicht mehr den Anschluss und sich zwischen Tribüne und Ersatzbank wieder.

Schulz hinkt den BVB-Erwartungen hinterher

Gleichzeitig muss sich aber auch Schulz hinterfragen, warum er weit hinter den Erwartungen und schon gezeigten Leistungen hinterherhinkt. Mit Mitte 20 gelang ihm bei der TSG Hoffenheim unter Trainer Julian Nagelsmann so etwas wie ein Durchbruch, doch nach einer herausragenden Serie dort befand er sich bereits auf dem absteigenden Ast, als der BVB ihn für viel Geld verpflichtete. Mit der Einschätzung, in Schulz einen Spieler „mit Kampfgeist und Erfolgsgier“ verpflichtet zu haben, lag Sportdirektor Zorc offenkundig daneben.

Schulz verfügt in der Tat über eine gute Dynamik und ein hohes Tempo. Sein Spielverständnis und seine Ballfertigkeit sind hingegen weniger ausgeprägt. Für Kopfschütteln sorgt das Phlegma der Nummer 14, in Sachen Ausstrahlung rangiert er auf der Skala am entgegengesetzten Ende von einem Typen wie Erling Haaland. Belegen lässt sich das unter anderem durch die Szene im Champions-League-Spiel gegen Lazio, wo in der Schlussphase ein unberechtigter Strafstoß gegen ihn gepfiffen wurde – Schulz beschwerte sich nicht einmal, sondern nahm sein Schicksal fast teilnahmslos hin.

Schulz könnte für Borussia Dortmund doch noch wichtig werden

Je nach Verlauf der Blessur von Raphael Guerreiro wird Schulz beim BVB nichtsdestotrotz gebraucht. In den Kracherspielen bei Bayern München und gegen den FC Sevilla kämen viel Arbeit und Verantwortung auf ihn zu. Weil unverhoffte Wendungen, siehe Dahoud, im Fußball niemals ausgeschlossen sind, bekommt er viel Zuspruch und Aufmunterungen mit auf den Weg. Es wäre für Schulz an der Zeit, sich zu häuten. Auch, um im Sommer vielleicht an einem anderen Ort fußballerisch glücklicher zu werden.

Einige forsche Auftritte vorausgesetzt ist ja nicht einmal ausgeschlossen, dass er sich während der Europameisterschaft im Trikot der Nationalmannschaft wird präsentieren können. Bundestrainer Joachim Löw hat ja schon vor Jahren betont, er könne sich keine Linksverteidiger schnitzen.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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