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Christian Pulisic - ein amerikanischer Traum beim BVB geht zu Ende

mlzDie Christian-Pulisic-Story

„Wunderkind“ haben sie ihn in den USA genannt, da war er erst 17. Wo Christian Pulisic herkommt. Wie er der wurde, der er ist. Und wo es ihn hinzieht.

Dortmund

, 26.11.2018 / Lesedauer: 7 min

Familie Pulisic sagte „No“. Sechs Jahre alt war der kleine Christian und noch dazu recht schmächtig für sein Alter, erzählte Vater Mark. Fußball spielen konnte er allerdings sehr gut, auf dem kleinen Sportfeld im mittelenglischen Brackley, wo Mutter Kelley für ein Jahr als Lehrerin arbeitete, und beim ortsansässigen Verein Brackley Town. Christian Pulisic fiel auf. Der Ball und er wirkten wie Freunde, wie Verbündete, und nicht wie so oft in diesem Alter wie ein Spielgerät, das die Kinder vergeblich zu beherrschen versuchen. Bald kamen die Anfragen, auch von renommierten Klubs, ob Familie Pulisic sich nicht vorstellen könne, noch länger in Great Britain zu bleiben, oder ob ein Internatsplatz … Familie Pulisic sagte „No“.

Vater Mark Pulisic versucht es auf der europäischen Fußballbühne - der Traum explodiert

14 Jahre zuvor explodierte Mark Pulisics eigener Traum von einer Karriere als Profifußballer in Europa. Wörtlich. Sein Vater Mate, der mit Mitte 20 von der kroatischen Insel Olib in die USA emigrierte und in Long Island sesshaft geworden war, hatte ihn mit der Liebe zum Sport infiziert. Täglich, stundenlang kickte er den Ball durch die Gegend. Er sei nicht besonders schnell gewesen, aber ein guter Zielspieler, mit herzlichem Eifer und großer Leidenschaft, erzählt Pulisic im Podcast „Soccer unplugged“. Er habe selbst im gegnerischen Strafraum Grätschen angesetzt.

Mit 23 Jahren öffnete sich eine Tür zum alten Kontinent: NK Zagreb wollte ihn verpflichten. Der US-boy ließ in den Staaten alles stehen und liegen, um im europäischen Fußball Wünsche wahr werden zu lassen. Doch er fand zu seinem Entsetzen weniger ein Spielfeld als vielmehr ein Schlachtfeld vor. Der Bürgerkrieg auf dem Balkan tobte 1991. Auch Zivilisten konnten sich an keinem Tag ihres Lebens sicher sein. Fußball als Spiel des Lebens, ja. Das Leben für den Fußball verspielen, nein. Nach zwei Monaten in der kroatischen Hauptstadt kehrte Mark Pulisic in die USA zurück. Er hängte noch einige Jahre als erfolgreicher Torjäger beim Indoor Soccer dran, ehe Verletzungen und die gegründete Familie das Ende der aktiven Karriere einläuteten.

„Wir haben ihm alle möglichen Sportarten gezeigt.“
Mark Pulisic

Der kleine Ort Hershey in Pennsylvania im Nordosten der Vereinigten Staaten trägt den Beinamen „The sweetest place on earth“ - eine Schokoladenfabrik prägt die Stadt seit ihren Anfängen. Christian Pulisic wächst hier behütet auf und ist vernarrt in Bälle. Er fängt und wirft sie besser als seine Alterskollegen, aber am stärksten ist er mit dem Fuß. „Wir haben ihm alle möglichen Sportarten gezeigt“, betont Vater Mark. Ohne müde zu werden spielten sie H-o-r-s-e, ein Kinderspiel, bei dem Christian die Bewegungen von Mark kopieren musste. Gelang das nicht, drohte er zum „Horse“ (Pferd) zu werden. Pulisic Junior wollte immer spielen, immer. Beim Fußball mit dem linken genauso gut wie mit dem stärkeren rechten Fuß. Unbändiger Ehrgeiz von Kindesbeinen an. Selbst gegen seinen Vater konnte er es kaum ertragen zu verlieren. Es steckte einfach in seiner DNA. Nicht nur väterlicherseits, auch Mutter Kelley feierte im als Mädchensport populären Soccer als Defensivspielerin große Erfolge. Und wann immer der Sohn gefragt wurde, was er denn später einmal werden wollte, sagte er: Profifußballer.

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Belächelten ihn Gegenspieler, weil er so klein und zierlich war, schlug er mit seinen Waffen zurück. Tempo, Dribbelstärke, Selbstvertrauen. Kelley und Mark Pulisic, der hauptberuflich als Trainer arbeitete, widerlegen mit Nachdruck den Anschein, sie hätten ihren Sohn überbordend angetrieben. Das wäre beim zielstrebigen Christian auch nicht nötig gewesen. Doch wenn sich die Eltern verständigten, sich nach einem weiteren Tor von Christian einen Blick zuwarfen, keimte in ihnen die Ahnung, dass ihr kleiner Junge aus Hershey, Pennsylvania, eine große Fußballkarriere starten könnte. Dann meldet sich 2013 der US-Verband.

Ein Abend im Dezember 2013 - Scouts aus aller Welt reiben sich die Augen

Der Name Lakewood Ranch in Florida steht bislang nicht für einschneidende Momente im Fußball. Das ändert sich bei einem internationalen Turnier im Dezember 2013. Die U17 der USA steht im Finale eines Einladungsturniers Brasilien gegenüber. Flutlicht, volles Haus. Das Ergebnis ist deutlich, 4:1. Und zwar nicht für Brasilien. Pulisic, seit drei Monaten 15, steuert einen Treffer bei und die Scouts aus aller Welt reiben sich die Augen: Wer ist dieser Junge, der zum MVP gewählt wird, zum besten Spieler des Turniers? Borussia Dortmund weiß es längst.

Bereits zuvor, bei Spielen der Amerikaner in Italien und Slowenien, erfassten die Späher des BVB den kleinen Pulisic. Als sich die Angebote europäischer Klubs überschlagen, aus England, Spanien und Deutschland, da beginnt eine schwierige Debatte bei Familie Pulisic, nächtelang, wochenlang, monatelang. „Das war eine schwere Zeit“, erinnert sich Mutter Kelley im Magazin „Vice Sports“. „Wir haben gespürt, dass sich ab jetzt unser ganzes Leben ändern wird.“ Familie und Freunde, das großartige Leben hinter sich lassen und dem Traum vom Profifußball hinterherjagen wie einem Steilpass, bei dem man nicht weiß, ob man ihn erreicht? Das sei, sagt Christian, die schwierigste Entscheidung seines Lebens gewesen.

Im Herzen überwog wohl die Sehnsucht, und bald darauf fiel auch im Kopf die Entscheidung, nach Europa zu gehen. Familie Pulisic sagte „Yes“ zum BVB, der 2013 in aller Munde war und sich auf dem Höhepunkt der Klopp-Jahre befand, mit seinem bestens beleumundeten Nachwuchsleistungszentrum punktete und dem Attribut, aus Talenten Stars machen zu können. Im Juli 2014 zogen Vater und Sohn Pulisic nach Dortmund. Doch noch gab es Hindernisse zu überwinden. Es fehlte die Arbeitserlaubnis für Angehörige von Nicht-EU-Staaten. Dazu der Kulturschock, die Sprachbarriere und eben keine Spielgenehmigung. Tränen flossen.

So veränderte sich Christian Pulisic beim BVB:

„Christian ist im Training nicht negativ aufgefallen.“
Jürgen Klopp

Ein Hintertürchen brachte Pulisic zurück ins Spiel: Durch seinen kroatischen Großvater konnte er die Staatsbürgerschaft des Balkanlandes beantragen. Das sei der „game changer“ in seiner Karriere gewesen, erklärte er später, die Eintrittskarte ins Profigeschäft. Als US-Bürger hätte er noch weitere eineinhalb Jahre warten müssen. Als Kroate durfte er nach Monaten des Wartens Anfang 2016 endlich durchstarten, sich mit den Besten messen. Schnell sprach sich sein außergewöhnliches Talent herum, Jürgen Klopp ließ ihn bei den Profis mittrainieren und gehörte zu seinen ersten Fans. „Pulisic kann richtig kicken“, fand der Cheftrainer lobende Worte. „Christian ist im intensiven Training auf engen Räumen nicht negativ aufgefallen.“ Der so Gelobte wurde Deutscher Meister mit der U17 (2015) und der U19 (2016).

Christian Pulisic - ein amerikanischer Traum beim BVB geht zu Ende

Mit der BVB-U17 wird Christian Pulisic (2.v.r.) 2015 Deutscher Meister. Ein Jahr später folgt auch der Titel mit der U19. © imago

Längst stand er da regelmäßig mit Stars wie Marco Reus und Pierre-Emerick Aubameyang auf dem Rasen. Pulisic hatte den Rat bekommen, nicht als Fan nur zuzuschauen und dabei zu sein, sondern sein Spiel zu spielen. Mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein kein Problem. Im Nu gehört er zum Stamm der Lizenzspieler-Mannschaft und reiht Rekorde und Bestmarken aneinander. Ein paar Beispiele:

  • Mit 17 Jahren und 133 Tage war er der achtjüngster Spieler der Bundesliga-Geschichte.
  • Mit 17 Jahren und 212 Tagen war er vierjüngster Torschütze der Liga.
  • Mit 17 Jahren feierte er sein Debüt in der Nationalelf, später wurde er jüngster Torschütze aller Zeiten für US Soccer.

Christian Pulisic - ein amerikanischer Traum beim BVB geht zu Ende

Seit November 2018 ist Christian Pulisic jüngster Kapitän der US-amerikanischen Fußballnationalelf: Mit 20 Jahren, 2 Monaten und 2 Tagen. © imago

Bei seinem ersten Bundesliga-Tor schreit sich 6.262 km Luftlinie entfernt in der Schokoladen-Stadt Hershey Kelley Pulisic vor Freude heiser. In den USA beginnt in den nächsten Monaten ein Hype um ihren Sohn. Er gilt als größte Hoffnung, die der amerikanische Fußball je hervorgebracht habe, als „Pulisic, the prodigy“ (Wunder). Die Entwicklung geht schnell, rasend schnell, viel zu schnell eigentlich, als dass sie ein Teenager, sei er auch noch so gut begleitet, problemlos meistern könne.

Eine ganze Sportnation schaut auf zu Christian Pulisic

Ein großer Teil der ganzen Last an Hoffnungen, Wünschen und Versprechungen ruht auf Pulisic. Die stolze Sportnation möchte auch im Fußball eine große Nummer werden. Im letzten Qualifikationsspiel für die WM 2018 darf die USA in Trinidad & Tobago nicht verlieren, liegt aber bald mit 0:2 zurück. Pulisic gelingt der Anschlusstreffer. Mehr nicht. Eine Blamage. Erstmals seit 1986 fehlt Team America beim World Cup. Ein tiefer Schlag, von dessen schmerzhafter Wirkung Pulisic in einem Gastbeitrag für die „Players Tribune“ mit niedergeschlagenen Worten berichtet.

Christian Pulisic - ein amerikanischer Traum beim BVB geht zu Ende

10. Oktober 2017: Mehr als der Anschlusstreffer war nicht drin für Christian Pulisic. Die USA verpasst die Qualifikation für die WM 2018. © imago

Auf die nächste WM muss Pulisic warten. Den großen Fußball darf er im Sommer 2018 trotzdem präsentieren. Borussia Dortmund reist für eine Woche auf PR-Tour in die USA, ein Heimspiel für Pulisic, der unzählige Medien- und Marketingtermine abhandelt. Ein paar Schläge mit der Baseball-Kelle bei den Chicago Cubs, ein Besuch bei den Chicago Bulls und Pose vor der Statue von Michael „Air“ Jordan. Dessen Strahlkraft haben Pulisic und der Fußball in den Staaten bei Weitem nicht. Aber als Aushängeschild des BVB, der sich und den Sport in Übersee populärer machen will, aber auch als Köder für viele US-Teenager, denen er Mut machen will, sich mit den Füßen am Ball auszuprobieren, taugt er allemal. Der perfekte Werbeträger.

Sportlich stagnieren die Leistungen von Christian Pulisic

Sportlich stagniert ab der – für den ganze Klub wankelmütigen – Saison 2017/18 die Leistung von Pulisic. Vier Tore, sieben Vorlagen, eine ordentliche Bilanz für einen damals 19-Jährigen, der den Sprung zum Stammspieler geschafft hat. Doch von den Sitzen reißen seine Vorstellungen niemanden. Das risikoreiche Spiel inkludiert regelmäßig Ballverluste, Überraschungsmomente bleiben immer öfter aus.

Die Partien, in denen Pulisic den Unterschied macht, werden seltener. In der aktuellen Vorrunde half er seiner Mannschaft mit Toren in Hoffenheim (1:1), in Brügge (1:0) und beim DFB-Pokalspiel gegen Union Berlin (3:2) mit besonderen Momenten weiter. Ansonsten hat ihm auf Rechtsaußen in Jadon Sancho (18) der nächste, noch jüngere Flügelflitzer etwas den Rang abgelaufen. Ob das auch an den wiederkehrenden Wechselgerüchten liegt? Pulisic verneint das, er kennt die ständig aufkommenden möglichen Interessenten, die irren Ablösesummen bis zu 80 Millionen Euro. „Damit beschäftige ich mich nicht, meine Konzentration gilt allein Borussia Dortmund“, sagt er.

Anfragen aus England flattern tatsächlich seit seinem sechsten Lebensjahr immer wieder ins Haus. Zusammen mit seinem Vater, der in der gemeinsamen Zeit in Dortmund weitere Trainer-Erfahrungen sammelte und eine Uefa-A-Lizenz innehat, sondiert er schlau den Markt. Im Januar 2017 unterzeichneten Spieler und Verein einen gemeinsamen Vertrag bis 2020. Die Bindung zwischen Pulisic und dem BVB ist trotz der gemeinsamen Erfolgsgeschichte brüchig geworden.

Der BVB hat den Zugriff auf Pulisic verloren

Bei der Borussia sieht man ihn als einen Spieler, auf den man den Zugriff verloren hat, wie es intern heißt. Pulisic gilt als schwieriger Typ, er lässt sich nicht so leicht einbinden zum Beispiel für Sponsorentermine. Obwohl er doch als ein Paradebeispiel für die phänomenale Scouting- und Ausbildungsarbeit der Westfalen steht. Eine weitere Zusammenarbeit über 2020 hinaus konnte sich der US-Amerikaner offensichtlich nicht vorstellen, die Gespräche wurden in diesem Jahr zu einem frühen Zeitpunkt abgebrochen.

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Der BVB lässt Pulisic im Sommer ziehen - und kassiert 64 Millionen Euro. Die richtige Entscheidung?

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„Die Premier League ist eine Liga, in der er immer bestrebt war, mitzuspielen“, ließ sich Papa Pulisic bereits zitieren, und befeuerte damit die Spekulationen um einen Abschied im Sommer 2019. „So wenige Spieler bleiben heutzutage ihre ganze Karriere bei einem Verein, deswegen sind die Chancen, dass er zu anderen Klubs in andere Ligen wechselt, sehr wahrscheinlich.“

Im Sommer 2019 wird es nun so weit sein. Wie der BVB mitteilte, wechselt Pulisic in die Premier Legaue zum FC Chelsea. Bis dahin wird er aber weiter für den BVB auflaufen.


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