BVB-Coach Edin Terzic (l.) und Julian Brandt. © imago images/Joachim Sielski
Borussia Dortmund

Chronologie eines Absturzes: Brandt durchlebt beim BVB ein Dauertief

Es ist eine der größten Herausforderungen für den neuen BVB-Trainer Edin Terzic: Julian Brandt zurück in die Spur bringen. Doch sein Auftreten und seine Werte sind erschreckend.

Um 21.21 Uhr fand das Fußballjahr von Julian Brandt am vergangenen Dienstag ein Ende. Endlich mag man sagen, und es war ein erwartbares Ende. Brandt verließ nach 63 Spielminuten den zerfurchten und tiefen Rasen im Braunschweiger Stadion, Edin Terzic brachte den Kapitän, Marco Reus. Mal wieder beendete Julian Brandt eine Partie vorzeitig.

BVB-Profi Julian Brandt ist immer dabei – selten aber mittendrin

In seinen 21 Pflichtspielen dieser Saison stand er nur zwei Mal über die volle Distanz auf dem Feld, das war bei den Siegen in Bielefeld (2:0) und bei Hertha BSC (5:2). Zwei Mal 90 Minuten in 21 Partien, das relativiert auch die Tatsache, dass Brandt neben Giovanni Reyna der einzige BVB-Spieler ist, der in allen bisherigen Pflichtspielen Einsatzzeiten bekam.

„Wir wissen alle, dass er es besser kann.“ Michael Zorc hat diesen Satz nach dem Sieg in St. Petersburg Anfang Dezember gesagt, er hat Brandt damals auch alle Unterstützung zugesichert, weil Borussia Dortmund natürlich von einem Spieler seines Formats in guter Form enorm profitieren würde. So wie in der Rückrunde der vergangenen Saison, in der er vor allem als Vorlagengeber auffällig war. Acht Assists waren ein guter Wert, auch angesichts der plötzlich stark veränderten Rahmenbedingungen mit einer Pandemie, die alles auf den Kopf stellte.

BVB-Profi Julian Brandt und die Suche nach der Position im System

Vorausgegangen war allerdings damals schon eine Hinrunde mit starken Schwankungen. Und vorausgegangen waren Diskussionen, ob und wenn ja wie Brandt überhaupt in das Dortmunder System passt. Die Rückrunde der vergangenen Saison hat Hoffnung gemacht in dieser Beziehung, auch ihm persönlich. Doch mit der Vorbereitung auf die aktuelle Spielzeit ergab sich das alte Bild.

Rückblickend ist unstrittig, dass der Blondschopf in seinen nun 18 Monaten BVB zu selten sein immenses Potenzial ausgeschöpft hat. Es gibt dabei das Lager derer, die den kürzlich freigestellten Trainer Lucien Favre in die Verantwortung nehmen. Favre hat Brandt wie auf einem Schachbrett hin- und hergeschoben, nur selten aber da eingesetzt, wo der ehemalige Leverkusener seine Fähigkeiten am liebsten (und am besten) ausschöpft. Auch wenn er ihn oft einsetzte, musste der 24-Jährige das Gefühl entwickeln, dass da ein Trainer die Verantwortung hatte, für den er nicht unbedingt ein Wunschspieler war. Und in der Tat griff der BVB bei Brandt zu, weil das Gesamtpaket perfekt war und man so eine Gelegenheit nicht verstreichen lassen durfte. Nicht, weil der damalige Trainer diesen Spieler unbedingt haben wollte.

Julian Brandt ist Opfer der starken BVB-Offensive

Die Mittelfeldzentrale, wo er sich am wohlsten fühlt, war daher in Dortmund oft eine Tabuzone für Julian Brandt. Erst häufig besetzt durch Reus, in dieser Saison häufiger auch durch Gio Reyna. Favre hatte andere im Blick, die dort aus seiner Sicht der Mannschaft am besten helfen konnten. Und daran änderten auch einige Highlight-Spiele des ehemaligen Leverkuseners nichts.

Zulauf findet durch die konstant stagnierenden Leistungen von Brandt in den vergangenen Wochen aber auch das Lager derer, denen es zu einfach gedacht ist, alle Schuld auf Favre abzuladen. Brandt hatte lange den Großteil der Anhänger hinter sich. Doch nach einer Hinrunde, in der er kaum wiederzuerkennen war, hat sich der Wind gedreht.

BVB-Profi Brandt sorgt für erschreckende Werte

Die statistischen Daten sind nur ein Teil der Wahrheit, aber sie vermitteln ein eindeutiges Bild. In Leverkusen gelangen ihm 0,43 Torbeteiligungen pro Spiel, der Wert ist im Dortmunder Trikot auf 0,34 gesunken. Dramatisch ist der Wert in der aktuellen Saison: 0,04. Ob ihm die zusätzliche Konkurrenz durch Reyna mental zugesetzt hat – oder er einfach zu viel von sich verlangt: Brandt erreichte kaum einmal das Niveau, das ihn in Leverkusen ausgezeichnet hat. In seiner schon achten Bundesliga-Saison durchlebt er ein Dauertief.

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Dabei bieten viele Systeme der Borussia ihm auch Chancen, wenn er außen eingesetzt wird. Im 4-2-3-1 zum Beispiel rochiert die offensive Dreierreihe hinter der Sturmspitze nach eigenem Ermessen und meistens in großem Umfang. Das sollte ihm hinreichend Entfaltungsmöglichkeiten durch die Mitte bringen. Auch das von Terzic zuletzt gewählte System mit zwei Achtern vor einem Sechser müsste ihm eigentlich entgegenkommen. Eigentlich.

Julian Brandt liefert seinen Kritikern beim BVB Munition

Die Kritik an Brandt flamme aus seiner Sicht „viel zu schnell“ auf. Noch ein Satz von Sportdirektor Zorc, er ist mittlerweile ein Jahr alt. Das zeigt, dass sich in der medialen Öffentlichkeit, aber auch unter den Fans schon länger kritisch mit den Leistungen des 24-Jährigen auseinandergesetzt wird. Und die aktuelle Hinrunde lieferte für diese Kritiker erst recht einige Munition.

Terzic, der neue starke Mann an der Seitenlinie, hat erklärt, er wolle alle Spieler mitnehmen, aus jedem individuell das Bestmögliche herausholen. Bei diesem Satz hat er wohl vor allem an Julian Brandt gedacht, ihn wieder in die Spur zu bekommen, könnte für Terzic zu einer Herkulesaufgabe werden. Die Verkrampfung in Brandts Spiel hat sich immer stärker bemerkbar gemacht und ist beinahe in jeder Aktion erkennbar. Er will mit Gewalt, so scheint es, raus aus diesem tiefen Tal. Nur lässt sich die Leichtigkeit, die sein Spiel sonst so unberechenbar und oft spektakulär macht, kaum erzwingen. Jeder Fehler, jeder verlorene Ball wird zu einem erneuten Rückschlag.

BVB-Profi Brandt kann den Druck eigentlich aushalten

Es könnte ein mühsamer, lange Weg werden. In einer Folge der DAZN-Doku über den BVB hat Julian Brandt über den mentalen Druck in seiner Branche gesprochen. Geliebt wird, wer Leistung bringt. Wer das über einen längeren Zeitraum nicht schafft, wird fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Eigentlich, hat er gesagt, komme er mit diesem Druck gut klar. 211 Bundesliga-Spiele, 48 in den internationalen Vereinswettbewerben, 35 A-Länderspiele – der gebürtige Bremer hat in seinen noch jungen Jahren schon einiges erlebt, auch persönliche Krisen. Er bleibe ruhig, sagt Brandt in der Doku, das helfe ihm dadurch.

Diese Durststrecke aber ist eine neue Erfahrung. Weil sie so lange dauert. Weil kein Ende, keine durchschlagende Besserung in Sicht ist. Auch in Braunschweig bestätigte sich dieser Eindruck, nicht nur wegen der großen Chance für Julian Brandt, als er den Ball zentral nicht im leeren Tor unterbrachte. Ein Tor in dieser Szene hätte zu einem Wendepunkt getaugt, danach hätte alles besser werden können. Aber der Ball flog weit über den Kasten auf die menschenleere Tribüne. Das mag Julian Brandt gezeigt haben, dass der Weg zurück zu einer konstant besseren Form und zu einem deutlich besseren Wohlbefinden auf dem Rasen beschwerlich bleiben wird.

Julian Brandt muss nach der kurzen Pause beim BVB wieder angreifen

Als er in Braunschweig um 21.21 Uhr den Platz verließ, dürfte er froh gewesen sein, einen Strich unter dieses in allen Belangen ungewöhnliche Fußballjahr machen zu dürfen. „Uns allen“, hat Zorc am Mittwoch vor Weihnachten im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten gesagt, „werden ein paar freie Tage guttun, um den Kopf freizubekommen.“ Aber bei kaum einem Spieler ist das offenkundig so nötig wie bei Julian Brandt.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe

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