Daniel Farke bastelt als Trainer von Norwich City am Aufstieg in die Premier League. Im Interview spricht der ehemalige Trainer des BVB II über ein Fußballmärchen auf der Insel.

Dortmund

, 27.03.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

SV Lippstadt 08, Borussia Dortmund II, Norwich City: Daniel Farke (42) kommt gerade ganz groß raus, obwohl er sagt, dass er „nie einen Karriereplan“ hatte. Tobias Jöhren hat mit ihm gesprochen.

Sie haben mittlerweile einen eigenen Wikipedia-Eintrag, es gibt Fan-Schals und T-Shirts, auf denen Ihr Konterfei gedruckt ist. Können Sie in Norwich noch entspannt Brötchen kaufen gehen?

Anzeige


(lacht) Mittlerweile gibt es sogar einen Song darüber, wie ich auf einem Pferd sitze. Hier ist schon viel los. Die Fans sind ein bisschen verrückt. Positiv verrückt natürlich.



Also keine Brötchen?

Wir trainieren morgens ja immer. Deswegen frühstücke ich meistens am Trainingsgelände und muss keine Brötchen holen (lacht). Ich versuche aber, mein Leben trotzdem so normal wie möglich zu gestalten und mich nicht total abzuschotten. Ich glaube, dass es wichtig ist, zumindest ein bisschen mitzubekommen, was in der Stadt passiert. Aber zur Stoßzeit gehe ich nicht unbedingt einkaufen, eher fünf Minuten vor Ladenschluss. Die Bedeutung des Fußballs ist hier vergleichbar mit der in Dortmund oder in Gelsenkirchen – und entsprechend viel Aufmerksamkeit bekommt man auch in der Öffentlichkeit.

„Wir sind in einer traumhaften Position, das löst bei einem so emotionalen Verein wie Norwich City natürlich große Euphorie aus und zieht auch viel Aufmerksamkeit auf sich.“

„Wir sind in einer traumhaften Position, das löst bei einem so emotionalen Verein wie Norwich City natürlich große Euphorie aus und zieht auch viel Aufmerksamkeit auf sich.“ © imago

In der Vorsaison wurde Norwich City 14. in der englischen Championship, jetzt, acht Spieltage vor Saisonende, rangieren Sie mit den Canaries mit fünf Punkten Vorsprung auf Platz drei am Platz an der Sonne. Der direkte Aufstieg ist greifbar, mindestens die Playoffs sind gesichert. Was passiert da gerade in Norwich?

Die Euphorie ist natürlich riesengroß, weil der Erfolg in dieser Saison schon extrem unerwartet kommt. Norwich City hat als Verein schwierige Jahre hinter sich. Auf dem Klub lastet ein hoher finanzieller Druck. Die vergangene Saison war solide. Im vergangenen Sommer waren wir trotzdem gezwungen, einen hohen Transferüberschuss zu erzielen und unsere besten Spieler zu verkaufen. Die Erwartungshaltung vor der Saison war ein Tabellenplatz im gesicherten Mittelfeld. Nun haben wir nach 38 Spielen schon 18 Punkte mehr auf dem Konto als nach dem letzten Spieltag der Vorsaison. Wir sind in einer traumhaften Position, das löst bei einem so emotionalen Verein wie Norwich City natürlich große Euphorie aus und zieht auch viel Aufmerksamkeit auf sich. Trotzdem wissen wir, wo wir herkommen und können das realistisch einschätzen.



Kommt der Erfolg für Sie als verantwortlicher Trainer auch unerwartet?

Ich weiß, dass viele Faktoren zusammenkommen müssen, um eine solche Saison zu spielen, wie wir sie spielen. Aber natürlich sind wir auch sehr überzeugt von dem Weg, den wir hier gehen. Ansonsten würden wir es ja anders machen. Und natürlich hat man immer die Hoffnung, den maximalen Erfolg mit diesem Weg erzielen zu können. Am Ende ist es so: Wir haben in den vergangenen anderthalb Jahren einen Transferüberschuss von 60 Millionen Euro erzielt. Und wenn du lange genug im Geschäft bist, dann weißt du, dass die Chance auf Erfolg größer ist, wenn du deine besten Spieler nicht verkaufen musst, sondern behalten kannst. Wir hatten viel Fantasie auf dem Transfermarkt im vergangenen Sommer, aber wir konnten nicht erwarten, dass es so gut klappt.

Plötzlich im Rampenlicht: Daniel Farke schaffte den Sprung aus der Oberliga in die Regionalliga und in den englischen Profifußball.

Plötzlich im Rampenlicht: Daniel Farke schaffte den Sprung aus der Oberliga in die Regionalliga und in den englischen Profifußball. © imago

Euphorie, Erfolg, Aufmerksamkeit: Verändern all diese Umstände Ihre Arbeit als Trainer?

Nein. Man muss authentisch bleiben – und man darf sich auch nicht zu sehr davon beeinflussen lassen. Das gilt in Zeiten des Erfolgs genauso wie in Zeiten des Misserfolgs. Das versuchen wir als Trainerteam unseren vielen jungen Spielern vorzuleben. Es ist wichtig, dass man sich treu bleibt.



Wie schwierig ist das für Sie selbst? Vom SV Lippstadt 08 über Borussia Dortmund II in den Fokus der Öffentlichkeit bei Norwich City. Wie viel Einfluss nimmt das auf den Job eines Trainers?

Gar keinen, ganz ehrlich. Man wächst mit den Aufgaben. Ich habe das Glück gehabt, sehr zeitnah nach meiner Spielerkarriere als Trainer arbeiten zu können. Ich habe mit Anfang 30 als Cheftrainer und Sportdirektor in Lippstadt gearbeitet. Diese Erfahrungen helfen einfach. Ich habe Meisterschaftskämpfe und Abstiegskämpfe miterlebt, ich bin mal Meister und mal Zweiter geworden. Das ist alles nicht ganz neu für mich. Und an den Fokus der Öffentlichkeit gewöhnt man sich. In Lippstadt hat sich alles in einem regionalen Rahmen abgespielt, in Dortmund war das Interesse schon größer und mittlerweile habe ich fast 100 Pflichtspiele als Trainer eines englischen Zweitligisten auf dem Buckel.

Das heißt, Sie unterscheiden nicht zwischen dem Aufstiegskampf in der Oberliga und dem Aufstiegskampf im Profibereich?

Natürlich gibt es Unterschiede in der Bedeutung und in der öffentlichen Wahrnehmung, aber inhaltlich unterscheidet es sich eigentlich nicht. Fußball in der vierten Liga unterscheidet sich nicht so stark von Fußball in der ersten Liga, weil die Effekte, die Erfolg oder Misserfolg auf eine Mannschaft haben, dieselben sind. Auch die Chancen und Gefahren sind dieselben. Das Drumherum unterscheidet sich, die Charaktere unterscheiden sich, aber die Prozesse sind sehr ähnlich. Mir hilft es, dass ich das auf niedrigerem Niveau schon erlebt habe – und dass ich weiß, was nötig ist, um eine Meisterschaft zu gewinnen. Ich war darauf vorbereitet, auf Top-Niveau zu arbeiten, das wollte ich unbedingt, und mit der Zeit fühlt es sich ziemlich normal an.



Ihre Mannschaft hat in der Championship die meisten Tore geschossen. Hinter Norwich tummeln sich Teams wie Leeds United, Aston Villa, der FC Middlesbrough sowie die Premier-League-Absteiger West Bromwich-Albion, Swansea City und Stoke City – obwohl Norwich City seit Ihrem Amtsantritt im Sommer 2017 einen Transferüberschuss von 60 Millionen Euro erwirtschaftet hat und auch erwirtschaften musste. Was ist das Geheimnis hinter dem Erfolg der Canaries?

Harte Arbeit, auch wenn es plump klingen mag. Arbeit ist immer der Schlüssel. Es bringt halt nichts, auf dem Sofa zu sitzen und zu hoffen, dass der Erfolg vorbeikommt. Das machen die anderen natürlich auch nicht, aber wir können ja nur auf uns schauen – und da müssen wir uns auf die Inhalte konzentrieren. Im Fußball müssen viele Faktoren zusammenkommen, um am Ende erfolgreich zu sein: Kaderplanung, Spielidee, Zusammenhalt, Einstellung, auch Zufall und das nötige Glück gehören dazu. Zumindest die ersten vier Punkte der Aufzählung können wir aktiv beeinflussen, die übrigen beiden können wir uns vielleicht ein bisschen verdienen.

Daniel Farke setzt bei Norwich CIty vermehrt auf deutsche Spieler - nicht selten mit BVB-Vergangenheit. Moritz Leitner ist nur ein Beispiel.

Daniel Farke setzt bei Norwich CIty vermehrt auf deutsche Spieler - nicht selten mit BVB-Vergangenheit. Moritz Leitner ist nur ein Beispiel. © imago

Und wie?

Ich bin überzeugter Methodiker. Ich glaube, dass die Wahrscheinlich auf Erfolg viel, viel größer ist, wenn du eine klare Idee hast und einen konsequenten Weg gehst. Ständig den Plan zu ändern, bringt nichts. Man darf sich nicht zu sehr von den Ergebnissen blenden lassen. Fußball kann manchmal der unfairste Sport der Welt sein, weil auch die schlechtere Mannschaft gewinnen kann. Umso entscheidender ist es dann, sich darauf zu konzentrieren, was wichtig ist – und das sind immer die Inhalte. Man darf sich nicht zu abhängig vom nackten Ergebnis machen, Ergebnissport hin, Ergebnissport her.



Ein Teil von Norwichs Plan ist es, auf deutsche Spieler zu setzen. Viele von ihnen haben eine BVB-Vergangenheit. Moritz Leitner, Christoph Zimmermann, Marco Stiepermann, Mario Vrancic oder Felix Passlack. Ist das bloß Zufall?

Zufall ist es ganz sicher nicht. Wir sind immer auf der Suche nach Spielern, die qualitativ und charakterlich passen. Und da ist der BVB eine absolute Top-Adresse. Es ist aber nicht unsere Strategie, möglichst viele Spieler von Borussia Dortmund oder aus Deutschland zu holen. Der Reisepass spielt überhaupt keine Rolle. Die Spieler müssen zu uns passen und von der Aufgabe hier total überzeugt sein, sich komplett mit unserem besonderen Klub identifizieren. Der BVB ist auch ein besonderer Klub – und bildet sehr viele gute Spieler aus. Deswegen ist es kein Zufall, dass wir ein paar Jungs haben, die schon in Dortmund gekickt haben. Wir gucken aber trotzdem auch woanders nach guten Fußballern (lacht).

Für Felix Passlack läuft es bei Norwich City gar nicht - in der Liga kommt er kaum zum Einsatz.

Für Felix Passlack läuft es bei Norwich City gar nicht - in der Liga kommt er kaum zum Einsatz. © imago

Einer der deutschen Spieler mit BVB-Vergangenheit ist Felix Passlack, den Sie im vergangenen Sommer von Borussia Dortmund ausgeliehen haben. Bislang ist das keine Erfolgsgeschichte, Passlack stand in der Liga nur sechs Minuten auf dem Feld. Warum passt es nicht?

Ich bin total zufrieden mit dem, was Felix im Training anbietet und wie er sich reinhaut, aber die Konkurrenz in unserem Kader ist eben auch extrem groß. Das gilt für die Rechtsverteidiger-Position ganz besonders. Maximilian Aarons ist einer der Shootingstars der Liga, ist in die Mannschaft der Saison gewählt worden und steht bei ganz vielen großen Klubs auf dem Zettel. Felix geht damit sehr professionell um, verhält sich einwandfrei, aber sportlich ist es derzeit natürlich schwierig für ihn.



Sie selbst haben jüngst Ihren Vertrag bis 2022 verlängert. Ist die Reise mit Norwich City noch nicht zu Ende?

So ist es. Der Vertrag wäre im Sommer ausgelaufen und ich habe hier ganz bewusst für drei weitere Jahre unterschrieben. Ich glaube, dass unser Projekt hier noch nicht abgeschlossen ist. Ich habe noch nie einen Karriereplan gehabt. Ich habe immer nur das gemacht, worauf ich Spaß hatte und wovon ich wirklich überzeugt war. Es ist eine große Aufgabe, diesen Klub auf lange Sicht hoffentlich zu einem Dauergast in der Premier League zu formen. Die Entscheidung fühlt sich komplett richtig an – und das ist das Wichtigste für mich.

Als Sie noch Trainer beim BVB II waren, haben Sie mal gesagt, dass Ihr persönliches Glück nicht davon abhängt, irgendwann Bundesliga-Trainer zu werden. Wie viel Freude und Stolz bereitet es Ihnen dennoch, dass nun die Premier League winkt?

So richtig reflektiert habe ich das noch gar nicht. Und noch sind wir ja auch nicht am Ziel. Ich laufe deswegen auch nicht die ganze Zeit total aufgeregt von links nach rechts. Ich genieße gerade einfach die Zeit, die ich hier habe. Und natürlich gibt es für einen Trainer nur wenig, was größer ist, als in der Premier League zu trainieren und sich mit den besten Trainern der Welt zu messen. Trotzdem hängt mein Lebensglück nicht davon ab. Und ich glaube auch, dass Verbissenheit nicht weiterhilft. Ein bisschen Lockerheit ist immer ein guter Ratgeber in diesem Geschäft.



Zum Abschluss: Was ist denn wahrscheinlicher? Dass Norwich City nächstes Jahr in der Premier League spielt oder dass der BVB Deutscher Meister wird?

(lacht) Ich könnte mit beiden Szenarien sehr gut leben. Ich glaube, dass der BVB eine gute Chance hat. Wenn Borussia Dortmund Deutscher Meister wird, wäre das für mich jedenfalls keine Sensation. Wenn wir es wirklich schaffen, in die Premier League aufzusteigen, wäre das schon eine. Hoffentlich geht beides gut aus.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt