"Das ärgert mich sehr"

DORTMUND Mit einem 2:1 im DFB-Pokal gegen Bremen ist Borussia Dortmund am Dienstag ins Jahr 2008 gestartet. Vor dem Rückrunden-Beginn am Samstag beim MSV Duisburg sprachen wir mit KGaA-Boss Hans-Joachim Watzke (48) über Börsenkurse, wirtschaftliche Perspektiven und den Kampf um Sebastian Kehl.

von Gespräch: Sascha Fligge

, 30.01.2008, 19:52 Uhr / Lesedauer: 4 min
Hans-Joachim Watzke: "Alle haben Fehler eingestanden."

Hans-Joachim Watzke: "Alle haben Fehler eingestanden."

Hat das Erreichen des Pokal-Viertelfinals Ihre schlechte Laune vertrieben? Watzke: Die Verärgerung war ein Resultat der Berichterstattung. Uns vorzuwerfen, dass wir uns um Lehmann und Hinkel bemüht haben und am Ende als Transfer-Deppen zu bezeichnen, das ärgert mich sehr.

Pardon, aber über die Vertragslaufzeit acht bis zehn Mio. Euro in einen Spieler wie Hinkel zu investieren, der ein schwaches letztes Halbjahr in Stuttgart hatte, schwer verletzt war und in Sevilla zwei Jahre kein Bein auf den Boden gebracht hat, das erschließt sich uns nach wie vor nicht. Watzke: Das mag so sein. Aber für Hinkel sprach, dass er Deutsch spricht. Und wir sind davon ausgegangen, dass er alles in die Waagschale werfen wird, um noch zur EM zu fahren. Die Tatsache, dass er nun nach Schottland gewechselt ist, hat uns in dieser Hinsicht widerlegt.

Statt Hinkel kam Antonio Rukavina. Ein klares Zeichen an Philipp Degen, dass der BVB nicht bereit sein wird, sich für einen neuen Vertrag finanziell zu strecken? Watzke: Es geht nicht ums Strecken. Unser Trainer Thomas Doll und Sportdirektor Michael Zorc sind der Meinung, dass Degen bleiben soll. Wir brauchen Konkurrenzkampf auf jeder Position.

Es heißt, die Verhandlungen mit Degens Beratern gestalteten sich ausgesprochen schwierig und seien mittlerweile sogar ein Ärgernis. Watzke: Degen hat klare Vorstellungen von seinem Vertrag, wir haben sie ebenfalls. Wir sind weiter im Gespräch, werden aber keine verrückten Sachen machen.

Rukavina hat mit einer soliden Vorstellung beim 2:1 gegen Bremen zum Erreichen des Viertelfinals beigetragen. Mit was für einer Einnahme aus dem Pokal hatten Sie für das Geschäftsjahr kalkuliert? Watzke: 200 000 Euro.

Und wie hoch sind die Einnahmen inzwischen? Watzke: 2 Millionen. Netto.

Die Aktionäre profitieren leider nicht vom sportlichen Erfolg. Sie mussten erneut 30 Prozent Verlust binnen zwölf Monaten hinnehmen. Watzke: Was zum einen daran liegt, dass unser größter Aktionär (Florian Homm, d. Red.) seinen prozentualen Anteil von knapp 20 Prozent auf Null zurückgefahren und all seine Wertpapiere über den freien Börsenhandel verkauft hat. Hinzu kam die allgemeine Baisse. Vor diesem Hintergrund bin ich eigentlich sogar erstaunt, wie gut sich die Aktie gehalten hat.

Sprechen wir über Perspektiven. 2009 läuft der Ausrüstervertrag aus. Mit welchen Mehreinnahmen rechnen Sie aus einem neuen Kontrakt? Watzke: Wir kalkulieren in den Bereichen Ausrüstervertrag und TV-Vertrag insgesamt mit 10 Millionen Euro mehr pro Jahr. Ab 2009.

2010 läuft der Vertrag mit Vermarkter Sportfive aus. Wie viel frisches Geld würde eine mögliche Eigenvermarktung oder ein neuer Vermarkter-Deal einbringen? Watzke: 8 bis 10 Millionen Euro. Sprich: Ab 2010 sind es 18-20 Millionen mehr. Pro Jahr. Das ist keine Prophezeiung. Das ist Fakt.

Dann können Sie ja die Zahlung einer Dividende in Betracht ziehen. Watzke: Ich habe für mich selbst Überlegungen in dieser Frage angestellt. Die Geschäftsführung hat sich mit dem Thema befasst. Aber ich werde den Teufel tun und das jetzt öffentlich machen. Ich sage nur so viel: Wir werden auch in diesem Jahr wieder eine schwarze Zahl schreiben. Voraussichtlich eine kleine, weil uns Effekte – wie der Verkauf von David Odonkor im Vorjahr – fehlen.

Kennt Sebastian Kehl die finanziellen Perspektiven? Watzke: Ja, wir haben sie ihm verdeutlicht.

Glauben Sie daran, dass er seinen Vertrag verlängert? Watzke: Ich bin kein Hellseher. Wir haben ihm ein exzellentes Angebot gemacht.

Mit normalen Maßstäben ist das alles – unabhängig von der Person Kehl – ja gar nicht mehr zu fassen, oder? Watzke: Warum?

Weil Kehl nach seiner letzten Vertragsverlängerung eine sportlich enttäuschende Zeit hatte, sich anschließend verletzte, mehr als 14 Monate ausfiel – und Sie jetzt dennoch um ihn kämpfen, als wäre er der Heilsbringer. Watzke: Kehl ist ein Leader. Eine Führungsfigur.

Aber ganz neutral eine, die sich sportlich erst wieder unter Beweis stellen muss. Watzke: Natürlich. Ich kenne aber keinen Spieler, der beim Trainer, beim Sportdirektor und in der Mannschaft gleichermaßen so hohes Ansehen genießt.

Doll hat bis 2010 verlängert, Zorc nur bis 2009. War es erstrebenswert, die Laufzeiten voneinander zu trennen? Watzke: Grundsätzlich bin ich bestrebt, kurzfristige Laufzeiten zu erreichen, weil sie das Risiko minimieren. Michael Zorc hatte aber weder ein Problem mit seiner einjährigen Laufzeit noch mit Dolls zweijähriger. Es war eben Dolls Wunsch, für zwei Jahre zu unterschreiben. Wenn ihm das mehr Sicherheit gibt, gerne.

An so viel Harmonie glauben wir nicht. Watzke: Ganz ehrlich: Wir haben über andere Themen heiß diskutiert. Und glauben Sie mir: Die drei Gespräche, die wir hatten, waren so offen und erschöpfend, dass ich heute sagen kann: So geschlossen wie zurzeit war der Klub in sich noch nie. Alle haben Fehler eingestanden.

Welche? Watzke: Das bleibt intern.

War es schwierig, Zorcs Vertragsverlängerung in den Gremien durchzuboxen? Watzke: Nein. Ich habe zwar mit Gremiumsmitgliedern darüber gesprochen und mir Meinungen eingeholt, aber am Ende ist das die Sache der Geschäftsführung. Im Übrigen hat auch niemand Einwände gehabt, weil alle wussten: Ein Mann wie Michael Zorc, der das Gehaltsniveau des Kaders zwischen 2004 und 2007 von 57 Millionen Euro auf 25 Millionen Euro zurückfahren musste und in diesem Zeitraum dennoch nur drei Tabellenplätze verloren hat, der würde in einem anderen Klub viele Schulterklopfer ernten.

Welche Perspektive haben Sie Doll und Zorc aufgezeigt? Watzke: Die, die ich Ihnen soeben auch angedeutet habe. Vor einem Jahr haben wir 25 Millionen Euro für die Mannschaft ausgegeben. In diesem Jahr werden es 30 Millionen Euro sein. Und im kommenden sicher nicht weniger. Zurzeit sind wir, was das Mannschaftsbudget angeht, die Nummer 8 in der Liga. 2011 werden wir wieder deutlich weiter oben stehen.

Am Samstag beginnt für den Tabellenzehnten Dortmund die Rückrunde in Duisburg. Ist die Saison noch zu retten? Watzke: Natürlich. Es geht jetzt nicht um die Goldene Ananas. Unter Umständen reicht auch Platz 7 für das Erreichen des internationalen Geschäfts aus. In der vergangenen Saison haben uns lediglich 90 Minuten von der Qualifikation getrennt. Die 90 Minuten des letzten Spieltags in Leverkusen (1:2-Niederlage, d. Red.). Falls es in diesem Jahr anders ausgeht, das kann ich versichern, werden wir den Löwenanteil der zusätzlichen Einnahmen wieder in das Team investieren. Dort kommt es allen zugute. Am Ende auch den Aktionären.

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