Lucien Favre musste beim BVB vor einem Monat sein Amt abgeben, sein Co-Trainer Edin Terzic steht jetzt in der Verantwortung. © Foto Imago
Borussia Dortmund

Das Favre-Aus beim BVB und die Folgen: Ein Rück- und Ausblick

Vor einem Monat hat Borussia Dortmund Cheftrainer Lucien Favre entlassen. Zeit für eine erste Bewertung der Lage: Die Entscheidung im Rückblick, die aktuelle Situation im Ausblick.

Vor genau einem Monat, nach einer 1:5-Niederlage gegen den VfB Stuttgart, entband der BVB Cheftrainer Lucien Favre von seinen Aufgaben. Ein Rück- und Ausblick inmitten des hektischen Fußball-Tagesgeschäfts.

BVB entlässt den Coach: Das Favre-Aus nach dem 1:5 gegen Stuttgart

Das Favre-Aus: Zwei schnörkellose Sätze beendeten schließlich offiziell zweieinhalb Jahre intensive Zusammenarbeit. Am Nachmittag des 13. Dezember, vor genau einem Monat, bestätigte Borussia Dortmund, was sich in den Stunden zuvor abgezeichnet hatte. „Lucien Favre ist nicht mehr Trainer von Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund. Die Entscheidungsträger des BVB haben sich nach der 1:5-Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart einmütig darauf verständigt, Favre und seinen Co-Trainer Manfred Stefes mit sofortiger Wirkung freizustellen.“

So schlicht, so unausweichlich: Der 63-jährige Favre stand bei den Westfalen mehrfach vor dem Aus, immer wieder entschieden sich die Verantwortlichen, den Trainer im Amt zu belassen, möglichst bis zu seinem Vertragsende im Juni dieses Jahres. Immerhin wurde er zweimal Vizemeister, während er in den Cup-Wettbewerben zweimal (zu) früh scheiterte. Doch was sich im Laufe der Zeit an Problemen aufgestaut hatte und im Dezember, beim x-ten Leistungstief der Mannschaft, wieder offen zutage trat, duldete keinen Aufschub mehr, um die sportlichen Ziele nicht zu gefährden. Favre musste gehen, für Borussia Dortmund ist er Geschichte. Seitdem ist es still um den wortkargen Schweizer, er verschwand bemerkenswert schnell im Hintergrund. Öffentlich äußern will er sich derzeit nicht.

Nach dem Favre-Aus: Eindeutige Reaktionen der BVB-Fans

Die Reaktionen der BVB-Fans: Favres Entlassung war keine Überraschung mehr. Der Tenor in den Medien und in den sozialen Netzwerken: Ein guter Trainer, aber in Dortmund passte es einfach nicht. Während Favre als Fußball-Fachmann höchste Wertschätzung erfuhr, bemängelten viele Fans vor allem die fehlende Emotionalität und die nervende Kommunikation des Schweizers. Manche Spieler hätten sich mit ihren schwachen Leistungen hinter einem öffentlich angezählten Trainer versteckt, hieß es. In einer Umfrage der Ruhr Nachrichten, bei der mehr als 6.000 Nutzer teilnahmen, stimmten spontan 88 Prozent der BVB-Entscheidung zu.

Der Trainer-Verschleiß beim BVB: Der BVB hat nach der Erfolgsära unter Jürgen Klopp (2008 bis 2015) einen weiteren Trainer verschlissen, den insgesamt vierten in fünfeinhalb Jahren. Thomas Tuchel (2015 bis 2017) musste nach zwei Spielzeiten und als amtierender DFB-Pokalsieger wegen unüberbrückbarer Differenzen den Stuhl räumen, sein Nachfolger Peter Bosz ebenfalls mitten in der Saison ersetzt werden. Nach Übergangstrainer Peter Stöger sollte Favre ab Sommer 2018 das fragile Gebilde Borussia Dortmund stabilisieren, ehe er selbst zum fragilen Gebilde wurde. Unterschiedliche Cheftrainer-Typen mit zum Teil grundlegend verschiedenen Ansichten haben fußballerisch eine mittelschwere Identitätskrise ausgelöst. Was bleibt aus dieser Zeit?

Die Folgen des Trainerwechsels: So viel Favre steckt noch im BVB

Was von Favre übrigbleibt: Favre hat, wie erhofft und angekündigt, viele Spieler beim BVB besser gemacht. Zu nennen wären Raphael Guerreiro, Jadon Sancho, Gio Reyna oder der inzwischen abgewanderte Achraf Hakimi. Was die individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten mit und ohne Ball betrifft, gibt es wohl wenige bessere Lehrmeister. Vom kultivierten, hochwertigen Passspiel kann die Mannschaft noch länger zehren. Alleine mit Ballbesitz Dominanz auszuüben, diese alte Fußballschule wird jedoch nicht mehr reichen.

Der Terzic-Effekt bei Borussia Dortmund: Nur einem Sieg aus den fünf Pflichtspielen vor dem Trainerwechsel stehen vier Siege aus fünf Pflichtspielen seit dem Trainerwechsel gegenüber, das ist die nüchternste Art der Bilanz. Dem BVB scheint bei den Ergebnissen die Trendwende zu gelingen, in den Spielen gegen Wolfsburg und in Leipzig im neuen Jahr überzeugten die Borussen, jeweils nach Startproblemen. Es wird eine Weile dauern, bis die Gedanken von Trainer Edin Terzic, der bis zum Saisonende die Führung übernehmen soll, noch mehr auf dem Rasen widergespiegelt werden. Doch es gibt vielversprechende Ansätze.

Borussia Dortmund stellt Grundtugenden in den Vordergrund

Vor allem stellt Borussia Dortmund die Grundtugenden – Einsatzbereitschaft, Intensität, Siegeswille – wieder über die rein technisch-taktische Herangehensweise alter Schule. Neben dem soliden Verteidigen aller (!) Feldspieler sollen die Angriffe schneller, vertikaler, unkomplizierter angelegt werden. Mit dem immensen Potenzial, das in der BVB-Mannschaft steckt, sollten die Anpassungen vergleichsweise zügig gelingen, zumal Terzic einen guten Draht zu den Spielern hat und die ersten Erfolgserlebnisse ihn in seiner Arbeit bestätigten. „Edin Terzic macht bis jetzt einen sehr guten Job“, bestätigte Sportdirektor Michael Zorc den Ruhr Nachrichten und ergänzte: „Wir wissen alle, dass wir noch einen sehr langen Weg zu gehen haben.“

Die Trainer-Nachfolge: Wie lang der Weg mit Terzic weitergeht, ist noch offen. Zorc, Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Lizenzspieler-Leiter Sebastian Kehl hatten auch vor der Favre-Entlassung bereits ihre Fühler nach anderen Trainern ausgestreckt. Während Julian Nagelsmann (RB Leipzig) längst abgewunken hat, gerät Marco Rose (Borussia Mönchengladbach) in den Fokus der Dortmunder Bemühungen. Er wäre gegen Zahlung einer Ablöse zu bekommen, der gebürtige Leipziger kann sich die Aufgabe beim BVB sehr gut vorstellen und traut sie sich auch zu. Mit seinem favorisierten Spielstil und als Typ würde er nach Dortmund passen.

BVB muss sich mit Gerüchten auseinandersetzen

Die Diskussionen und Gerüchte bleiben. Derzeit wäre es auch fahrlässig, wenn Borussias Bosse nicht Alternativen zu Terzic ausloten würden. Doch je besser und erfolgreicher der Cheftrainer-Novize aus dem eigenen Stall die Mannschaft führt, desto größer sind seine Chancen auf ein verlängertes Mandat. Dass den 38-Jährigen Zukunftsmusik derzeit nicht umtreiben muss, sagt er selber. „Das ist nicht mein Thema. Ich bin mir sicher, dass ich nächste Woche noch Cheftrainer bei Borussia Dortmund bin. Aktuell geht es darum, dass ich versuche, der Mannschaft bestmöglich zu helfen.“ Er würde auch klaglos wieder in die zweite Reihe rücken.


Das Fazit zum BVB-Trainerwechsel: Vor einem Monat Lucien Favre freizustellen, stellt sich im ersten Rückblick als (über-) fällige und richtige Entscheidung dar. Es war ein Einschnitt, der viel freilegt. Dank der positiven Ergebnisse unter Edin Terzic kann der BVB wieder zuversichtlich nach vorne und in der Tabelle nach oben schauen. Diese Beruhigung muss die Klubführung nutzen, um nachhaltig das fußballerische Profil von Borussia Dortmund wieder zu schärfen.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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