Schwieriger BVB-Spagat! Das sind die Erkenntnisse der USA-Reise

mlzBorussia Dortmund

Hinter dem BVB liegen sechs intensive Tage in den USA. Mats Hummels übernimmt direkt eine Führungsrolle, bei der Stürmerfrage gibt es eine klare Tendenz. Das sind die Erkenntnisse.

Chicago/Frankfurt

, 21.07.2019, 09:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ausgerechnet ganz am Ende, als alle nur noch nach Hause wollten, da ging der Plan zum ersten Mal nicht auf. Mitten auf dem Rollfeld vom Chicago O’Hare International Airport wurde Borussia Dortmund ausgebremst. Eine Unwetterfront sorgte beim Abflug gen Heimat für rund anderthalb Stunden Verspätung. Die eigentliche Arbeit war da bereits getan, es ging nur noch darum, heile zurück nach Dortmund zu kommen. Und es war das Ende einer Reise, die in Seattle im Bundesstaat Washington ganz im Nordwesten der USA ihren Anfang genommen und an der University of Notre Dame in der Nähe von South Bend, Indiana ihren Abschluss gefunden hatte.

BVB freut sich über fünf Millionen Euro

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Sechs Tage USA-Reise, sechs Tage voller Eindrücke, die auch für Bundesliga-Profis nicht alltäglich sind, wie beispielsweise dem Besuch des Trainingsgeländes der Seattle Seahawks, dem Super-Bowl-Champion aus dem Jahr 2013. Das Programm war straff, aber der Spagat zwischen PR-Verpflichtungen und sportlicher Saisonvorbereitung, er ist gelungen. Und so durfte sich der BVB nicht nur über rund fünf Millionen Euro mehr auf dem Konto freuen, die durch die USA-Tour in die Vereinskasse gespült wurden, sondern auch über reichlich sportlichen Erkenntnisgewinn.


  • Die Kadergröße:

Aktuell ist der Kader mit 34 Spielern noch deutlich zu groß, er soll sukzessive verkleinert werden. Michael Zorc arbeitet im Hintergrund fleißig an möglichen Transfererlösen. Laut Trainer Lucien Favre sind „22 Feldspieler plus drei Torhüter plus ein paar Nachwuchsspieler“ die ideale Größe für die tägliche Arbeit auf dem Trainingsplatz. Die Kandidaten, die den BVB verlassen sollen und dürfen, sind längst bekannt. Andre Schürrle, Shinji Kagawa und Sebastian Rode, der ab Montag nicht mehr krankgeschrieben ist, besitzen keine sportliche Zukunft bei Borussia Dortmund. Auch Maximilian Philipp, der als einziger BVB-Profi keine einzige Testspiel-Minute während der USA-Reise sammelte, soll möglichst schnell zum VfL Wolfsburg transferiert werden. Ömer Toprak und Raphael Guerreiro könnten den Klub ebenfalls noch verlassen, Leonardo Balerdi könnte ein Kandidat für eine Leihe werden. Am Wochenende stehen noch einmal Gespräche mit allen Kandidaten an.


  • Die Neuzugänge:

Die Integration der Neuzugänge schreitet schnell voran. Mats Hummels übernimmt von Beginn an eine Führungsrolle, das sieht man in jedem Training. Jürgen Klopp nennt ihn einen „natürlichen Führungsspieler“, auch wenn in den Testspielen verständlicherweise noch nicht alles klappte. Und auch Mateu Morey, Thorgan Hazard, Julian Brandt und Nico Schulz scheinen schnell Fuß zu fassen, da hilft eine USA-Reise schon mal. Schulz sagt mit einem Lachen: „Ich konnte den Jungs ja gar nicht aus dem Weg gehen, weil wir uns zwangsläufig die ganze Zeit sehen. Ich wurde wirklich sehr gut aufgenommen. Auf dem Platz, aber auch außerhalb.“


  • Die Taktik:

Lucien Favre wechselte in den beiden Testspielen gegen die Seattle Sounders (3:1) und den FC Liverpool (3:2) zwischen einem 4-1-4-1-System und einem 4-2-3-1-System. Auffällig dabei war, dass er Neuzugang Thorgan Hazard, über den der BVB-Trainer sagt, dass er vorne „überall“ spielen kann, nicht auf dem Flügel, sondern in der Sturmspitze testete. Insgesamt strebt Favre nach mehr Flexibilität, um im Laufe der Saison, aber auch im Laufe eines Spiels besser reagieren zu können. An der Viererkette hat er dabei bislang nicht gerüttelt, obwohl er sagt, dass er auch eine Dreierkette „studieren“ lassen möchte.

Schwieriger BVB-Spagat! Das sind die Erkenntnisse der USA-Reise

Lucien Favre will den BVB in der kommenden Saison flexibler aufstellen. © BVB/Alexandre Simoes

  • Die Testspiele:

Die Weste des BVB in dieser Vorbereitung ist blütenweiß. Nach dem lockeren Aufgalopp beim 10:0 gegen den Kreisligisten aus Schweinberg, warteten in den USA mit den Seattle Sounders und dem FC Liverpool zwei ganz andere Kaliber. Beide Aufgaben löste der BVB mit Bravour und spielte vor allem gegen Liverpool phasenweise richtig ansehnlich Fußball. Dafür gab es ein Lob von Kapitän Marco Reus: „Das war ein Härtetest aufgrund des Gegners, der Zeitverschiebung und der Flüge, die wir hatten - das ist eine Charaktersache, da gehört Willensstärke dazu. Die Aufgabe haben wir bestanden.“ Er habe viele gute Dinge gesehen, auch wenn natürlich noch Verbesserungsbedarf gebe. „Zum Beispiel, dass wir uns - wie in der Schlussphase gegen Liverpool - nicht so tief fallen lassen dürfen.“


  • Die Stürmersuche:

Der BVB hält die Augen offen auf dem Transfermarkt, das ist längst kein Geheimnis mehr. Allerdings hat der Glaube, dass der BVB mit dem aktuellen Personal auch in vorderster Reihe gut genug aufgestellt ist, in den USA auch intern neue Nahrung erhalten. Paco Alcacer, der 18-Tore-Mann aus der Vorsaison, wirkt deutlich fitter und belastbarer als vor einem Jahr. Zwei Tore in zwei Testspielen waren kein Zufall. Neben Alcacer wird auch Thorgan Hazard die Position ganz vorne zugetraut, genauso wie Mario Götze und Jacob Bruun Larsen. Dennoch ist die Verpflichtung eines weiteren Stürmers noch nicht vom Tisch. Entscheidend ist, dass er wirklich hilft. Es besteht keine Eile.

Schwieriger BVB-Spagat! Das sind die Erkenntnisse der USA-Reise

Paco Alcacer wirkt deutlich fitter und belastbarer als vor einem Jahr. © BVB/Alexandre Simoes

  • Die Standards:

Noch ist es freilich zu früh für Warnmeldungen, aber das Thema Standards bleibt präsent beim BVB. Gegen die Seattle Sounders fiel das Gegentor nach einer Ecke, gegen Liverpool gewährte die Dortmunder Hintermannschaft Joel Matip früh im Spiel eine große Kopfballchance, ebenfalls nach einer Ecke. Torhüter Roman Bürki, der in der vergangenen Saison mehrfach Alarm wegen der Anfälligkeit nach ruhenden Bällen geschlagen hat, versucht bis auf Weiteres gelassen zu bleiben: „Ich habe gesagt, dass ich mich da nicht mehr drüber aufrege. Wir sind noch in der Vorbereitung.“ Noch ist also genügend Zeit, um das Problem zu beheben, aber die Bereitschaft der BVB-Profis, gegnerische Standards zu verteidigen, wird sich entscheidend verbessern müssen, um zu einfache Gegentore zu verhindern.


  • Die Gesundheit:

Es gab keine Hiobsbotschaften jenseits des großen Teichs. Bis auf ein paar kleinere Wehwehchen gab es keine Verletzungen zu beklagen. Dan-Axel Zagdou fehlte bei zweiten Test gegen den FC Liverpool, weil er sich den Fuß leicht vertreten hatte, er soll aber bereits am Dienstag, wenn die Mannschaft in Deutschland die Trainingsarbeit wieder aufnimmt, ins Mannschaftstraining zurückkehren. Und auch Tobias Raschl, der aus der eigenen U19 zum Team gestoßen ist und über leichte Knieprobleme klagt, soll noch vor der Abfahrt ins Trainingslager nach Bad Ragaz am kommenden Samstag (27. Juli) wieder auf dem Platz stehen.


  • Die Nachwuchsspieler:

Die jungen Wilden, die in den USA Profiluft schnuppern durften, haben einen guten Eindruck hinterlassen, allen voran der erst 16 Jahre alte Giovanni Reyna, der in seinem Heimatland als riesiges Talent gilt und während der Amerika-Reise viel Interesse auf sich zog. Reyna wirkt sehr weit für sein junges Alter - und bereitete gegen Liverpool sogar das 1:0 durch Paco Alcacer vor. Favre ist voll des Lobes: „Es bereitet ihm keine Probleme, bei uns mitzutrainieren. Der erste Eindruck ist sehr gut.“

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Hinterließ einen guten Eindruck bei den BVB-Profis: Giovanni Reyna. © BVB/Alexandre Simoes

Und Torhüter Bürki sagt: „Sie waren sehr engagiert, haben keine Faxen im Kopf. Sie wissen, um was es geht. Tobi Raschl ist schon sehr weit, spielt das sehr souverän und gut - und die anderen auch. Giovanni Reyna ist körperlich schon sehr weit, man merkt nicht, dass er erst 16 ist. Er spielt sehr robust und weiß, worum es geht. Alle geben Vollgas.“ Das gilt auch für Immanuel Pherai, der sich in beiden Testspielen zeigen durfte und in der einen oder anderen Szene durchblicken ließ, dass der BVB ihn nicht umsonst als großes Offensivtalent einstuft.

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