Der gläserne Profi - Ein Geheimnis der BVB-Erfolge

Technik zur Spieleranalyse

Borussia Dortmund steht vor dem Gewinn der siebten Deutschen Meisterschaft. Ein kleines Geheimnis des Erfolges liegt in einem auf dem Dach des Signal Iduna Parks installierten High-Tech-System, das aus den Spielern von Trainer Jürgen Klopp gläserne Profis macht. Was Sie auf dem Rasen auch tun, der Computer erfasst es. Immer.

DORTMUND

von Von Andrea Wellerdiek

, 20.04.2011, 17:16 Uhr / Lesedauer: 2 min
Blick in die »Vis Track«-Technologie: Der gläserne Profi ist die Gegenwart.

Blick in die »Vis Track«-Technologie: Der gläserne Profi ist die Gegenwart.

Zwei auf Höhe der Mittellinie am Tribünendach installierte Kameras analysieren die zurückgelegte Kilometerzahl aller Spieler im langsamen, mittleren und schnellen Bereich. Wie viele Ausflüge Flügelflitzer Marcel Schmelzer in Richtung gegnerischer Strafraum gemacht hat, kann Klopp genau sehen, wenn er denn will: „Vis Track zeigt, wo sich ein Spieler auf dem Spielfeld am häufigsten aufgehalten hat, und ob er positionstreu war“, sagt Holzer, der früher Profi war und für 1860 München gespielt hat. Auch das taktische Verhalten einer Mannschaft kann die Technik visuell auflösen, etwa Laufwege und Abstände der Spieler zueinander. „Wir können erkennen, wie weit die Spieler in der Abwehrkette auseinander stehen. Gelingt ein Pass des Gegners in die Sturmspitze, kann man direkt messen, ob die Abstände der Verteidiger wirklich korrekt waren“, sagt Holzer. Offenbar hat die Technik, die neben Dortmund auch ausgewählte andere Klubs seit dieser Saison nutzen, schon gefruchtet.

Das Abwehrbollwerk um Marcel Schmelzer, Mats Hummels, Neven Subotic und Lukasz Piszczek ließ erst 18 Tore zu. Ligaspitze! Vier Spieltage vor Saisonschluss ist sogar der Allzeitrekord des FC Bayern (21 Gegentore) knackbar. „Ich zittere in jedem Spiel“, sagt Ex-Bayern-Keeper Oliver Kahn. Dass Dortmund am Denkmal Kahn kratzt – auch ein Verdienst der Analyse. „Auf Basis unserer Erfahrungen weisen offensive Spieler kurze, dafür aber in der Anzahl mehr Sprints und defensiv ausgerichtete Akteure lange, aber in der Anzahl weniger Sprints auf“, sagt Christian Holzer – positionsbedingte Eigenheiten. Alle von „Vis Track“ erfassten Werte können mit der aktuellsten Leistungsdiagnostik jedes Spielers abgeglichen werden. „Es wird in Echtzeit gemessen, wie viele Kilometer ein Spieler in welchem Tempo wo läuft, wie schnell er beschleunigt und wie lang er sich oberhalb oder unterhalb seiner aerob-anaeroben Schwelle bewegt“, sagt BVB-Chefscout Sven Mislintat.

Heißt im Klartext: Wird vor der Saison festgestellt, dass Spieler X ab einer Geschwindigkeit von beispielsweise 12 km/h in den anaeroben (also sauren) Bereich läuft, kann Mislintat während der Partien sehen, wie lange sich dieser Akteur oberhalb besagter Schwelle aufhält, ohne an Dynamik zu verlieren. Konditionelle Defizite oder Überlastungserscheinungen, möglicherweise auch bedingt durch Krankheiten, würden auffallen. Und Klopp könnte direkt Hinweise erhalten, die es ihm ermöglichen würden, bestimmte Akteure zum richtigen Zeitpunkt auszuwechseln – weil bei ihnen schon das Notstromaggregat läuft. „Wir stellen die Informationen zur Verfügung, das Trainerteam muss diese dann aber selbst interpretieren“, sagt Holzer. Die Anschaffungskosten für „Vis Track“ belaufen sich auf eine hohe fünfstellige Summe und jährliche Folgezahlungen. Die Investition macht sich in Dortmund bezahlt. 

Lesen Sie jetzt