Die BVB-Chronik: Neue Kapitel in der Klubgeschichte und veränderte Blicke auf alte Stars

mlzBorussia Dortmund

„BVB 09. Die Chronik“ heißt das neue Standardwerk zur schwarzgelben Geschichte. Autor Dietrich Schulze-Marmeling spricht im Interview über neue Bilder und neue Erkenntnisse.

Dortmund

, 27.11.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Herr Schulze-Marmeling, für die aktualisierte Chronik haben Sie und Gregor Schnittker sich erneut intensiv mit dem BVB beschäftigt. Gibt es denn überhaupt noch neue Erkenntnisse über einen Verein, den man komplett zu kennen glaubt?
Zunächst einmal wollten wir nach der ersten Chronik, die 2009 zum 100-jährigen Bestehen erschienen ist, einiges ergänzen. Damals begann gerade erst die Klopp-Ära. Zwei Deutsche Meistertitel und zwei DFB-Pokalsiege hat der BVB seitdem errungen, er stand im Endspiel um die Champions League. Das ergibt spannende Kapitel in der Klubhistorie. Und zum älteren Teil: Wir wissen heute mehr als früher, wir können viel bessere Darstellungsformen nutzen. Die optische Gestaltung erweist sich als eine große Bereicherung. Und wir müssen uns nicht mehr so strikt an das Protokoll halten wie beim Jubiläumsbuch 2009. Das Jubiläumsbuch war damals top - dieses Buch ist noch schöner, finde ich.

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Wie haben Sie dieses 500 Seiten starke Werk bewältigt?

Das hat gut funktioniert, weil zum Beispiel Gregor Schnittker eher einen journalistischen Zugang hat, meine Arbeitsweise ist eher analytisch veranlagt. Und wir haben starke Gastautoren für Einwürfe gewinnen können. Die Historiker Patrick Bormann und Nina Schnutz fassen den Stand ihrer Forschung zum BVB im Nationalsozialismus zusammen, das ist die die bisher seriöseste Aufarbeitung dieses Themas überhaupt. Frank Fligge schreibt über die Finanzkrise, Wilfried Harthan über die Widerstandskämpfer bei der Borussia. Das gibt Tiefe und Vielschichtigkeit.

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Was hat Sie bei der Zusammenstellung überrascht?

Es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Insgesamt muss man konstatieren: Borussia Dortmund ist ein spannender Verein. Bayern oder Schalke weisen eine ziemlich stringente Geschichte auf. Beim BVB ist das historisch zweigeteilt: Bis 1945 war die Borussia nicht sonderlich bedeutend. Es gab damals auch noch gar keine Rivalität mit Schalke 04, das damals der Repräsentant des Ruhrgebiets-Fußballs war. Die waren um Klassen besser. Schalke hat sich ja als erster Deutscher Meister ins Goldene Buch der Stadt Dortmund eingetragen. Die Borussia hatte Mühe, sich überhaupt als Nummer eins in dieser Stadt zu behaupten.


Das änderte sich kolossal nach dem Zweiten Weltkrieg.

Da erfolgte ein krasser Bruch, ein völliger Wechsel. Vorher ist der BVB eine familiäre Angelegenheit, ein kleiner Kreis der Menschen vom Borsigplatz. Und dann gab es 1949 das heute legendäre Finale um die Deutsche Meisterschaft, die Hitzeschlacht von Stuttgart gegen den VfR Mannheim (2:3 n.V., Anm. d. Red.). Plötzlich war der BVB eine große Nummer.

Die BVB-Chronik: Neue Kapitel in der Klubgeschichte und veränderte Blicke auf alte Stars

Autor Dietrich Schulze-Marmeling hat bereits an der Chronik anlässlich des 100-jährgen Jubiläums von Borussia Dortmund, die 2009 erschien, mitgewirkt. © imago/Pacific Press Agency

Wie steht es um das Kapitel zwischen diesen Zeitaltern, also die NS-Zeit?

Man muss sich nichts vormachen: Auch beim BVB gab es Funktionsträger, die überzeugte Nazis waren. Die Arbeiterschaft hat ja, gerade im Bereich von Kohle und Stahl, als kriegswichtige Industrie auch direkt vom NS-Regime profitiert. Es gab aktive Widerständler im BVB, wie zum Beispiel Heinrich Czerkus. Auf der anderen Seite finden sich Nationalsozialisten wie der frühere Präsident August Busse. Im Sport und im Vereinsmilieu ging zeitweise zusammen, was gesellschaftlich nicht zusammenpasste. Das war eine Art stillschweigendes Arrangement - solange die Anti-Nazis nicht aufmuckten, blieb es ruhig.


Welche Rolle spielte August Lenz, dessen Name als BVB-Idol hochgehalten wird?

Der war wohl auch ein überzeugter Nazi, soweit man heute weiß. Daher hat wohl auch der BVB ein gespaltenes Verhältnis zu ihm. Er war Dortmunds erster Nationalspieler. Der Status der Nationalmannschaft wurde erheblich aufgewertet im Nationalsozialismus. Und Lenz als einen Arbeiter aus der Dortmunder Nordstadt konnten die Nazis für ihre Propaganda sehr gut verwerten. Lenz war zugleich ein Ausnahmespieler, vielleicht der erste Dortmunder Fußballstar. Hätte er nicht beim BVB sein Zuhause gefunden, wäre vielleicht ein anderer Verein wie der Dortmunder SC 95 mit ihm aufgestiegen, so dominant spielte er auf dem Platz.


Borussia hat ein Haus nach Lenz benannt, die Ultra-Gruppe „The Unity“ führt sein Konterfei im Wappen. Ist es Zeit für eine Umschreibung der Geschichte?

Soweit ich weiß, hat der BVB zugesagt, seine Geschichte im Nationalsozialismus untersuchen zu lassen. Die Aufarbeitung läuft. Das Erlebnis kann selbstverständlich sein, dass man sich distanzieren muss von diesem Namen. Aber noch ist das Ergebnis offen. 2002 hat Gerd Kolbe in einer Pionierarbeit die Rolle des BVB im Nationalsozialismus aufgearbeitet. Inzwischen stehen uns ganz andere, tiefergehende Quellen zur Verfügung. Es darf da auch keine Scheu geben. Was damals passiert ist, trifft ja keine Aussagen über den Klub und die heutige Zeit. Der BVB von damals ist ein anderer als der BVB heute. Es wäre nur fragwürdig, wenn eine lückenlose Aufarbeitung unerwünscht wäre.

Die BVB-Chronik: Neue Kapitel in der Klubgeschichte und veränderte Blicke auf alte Stars

August Lenz ist im Logo der BVB-Ultragruppe „The Unity“ zu sehen. © imago/Thomas Bielefeld

Ist die Geschichte des BVB jetzt auserzählt?

Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem vor allem die alte Zeit ziemlich ausgeforscht ist. Es gab lange Zeit Nachholbedarf in der Historie, so langsam ist der Prozess aber abgeschlossen. Was in den letzten 20 Jahren allein auf dem Büchermarkt zur Fußballgeschichte erschienen ist, da dürfte nicht mehr viel unbetrachtet geblieben sein. Da sind wir in Deutschland in Europa führend. Es gibt keine sensationellen Neuigkeiten mehr.


Wie herausfordernd ist es, die aktuellen Entwicklungen ohne die zeitliche Distanz aufzuarbeiten?

Es kann sein, dass wir auf die Zeit seit 2009 in 20 Jahren anders zurückschauen als heute. Ich will nicht ausschließen, dass sich die Einschätzung im Rückblick nochmal ändert. Wir haben ja auch eine bewegte Zeit erlebt. 2009 haben wir gedacht, nach der Beinahe-Insolvenz stabilisiert sich der BVB - und gut ist es. Doch es kam völlig anders. Wer hat denn bei der Jubiläumsfeier 2009 daran gedacht, dass der BVB schon zwei Jahre später Deutscher Meister wird? Keiner!

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Sind die 2010er-Jahre die beste Ära des BVB oder die 1990er-Jahre?

Das kann man nur schwer vergleichen. Der Triumph in der Champions League 1997 sticht natürlich heraus. Aber es war damals womöglich auch noch einfacher, diesen Titel zu gewinnen. In diesem Jahrzehnt ist der BVB kontinuierlich in der Spitze dabei. Die erste Meisterschaft 1995, nach langer Dürre, hatte natürlich etwas sehr Emotionales an sich. Jürgen Klopps junge Mannschaft bot sehr großes Identifikationspotenzial. Darüber gibt es viel zu lesen in der neuen Chronik des BVB.


Hat sich bei Borussia Dortmund durch den Börsengang etwas Grundlegendes verändert?

Nicht durch den Börsengang, das kann man nicht sagen. Aber der Fußball an sich. Wer in Dortmund die Rote Erde und den Signal Iduna Park so dicht nebeneinander sieht, kann sich das vor Augen führen. Das eine war die Bundesliga 1963, das andere ist heute. Damals gab es in der Nordkurve eine einzige Bratwurst-Bude. Heute hauen sich nur 100 Meter weiter die VIPs im Signal Iduna Park den Bauch mit edlen Speisen voll. Entscheidend für den BVB erscheint mir, dass der Fußball emotional in dieser Region seine Basis hat und behält. Diese Basis muss mit den kommerziellen Interessen in der Balance bleiben.


Hat der BVB rückwirkend betrachtet das Glück gehabt, in genau den Jahren erfolgreich gewesen zu sein, in denen der Fußball in Deutschland vor allem ökonomisch große Sprünge gemacht hat?

Ja, das kann man so sehen. Der eine Boom startete nach dem WM-Sieg 1990. Borussia Dortmund profitierte davon mit seinem genialen Stadion und der Masse an emotionalen Fans. Und dann kam nach dem Sommermärchen 2006 und der überstandenen Krise der nächste große Boom, in dem der BVB gut am Start war. Der BVB war tatsächlich zum richtigen Zeitpunkt immer gut aufgestellt und hat sehr von diesen Entwicklungsschüben des Fußballs insgesamt profitiert.

Die BVB-Chronik: Neue Kapitel in der Klubgeschichte und veränderte Blicke auf alte Stars

„Borussias Pfand ist das fast immer ausverkaufte Stadion“, sagt Dietrich Schulze-Marmeling. © imago images/Kirchner-Media

Bleibt Borussia Dortmund ein Leuchtturm im deutschen Fußball?

Ja, ich denke schon. Borussias Pfand ist das fast immer ausverkaufte Stadion. Wenn keine allzu großen Fehler gemacht werden - was bei nur elf Spielern auf dem Platz vorkommen kann - wird der BVB stabil unter den ersten vier, fünf Vereinen in Deutschland und mit Bayern München ein Leuchtturm im deutschen Fußball bleiben. Ich habe als Kind 1972 noch den Abstieg in die zweite Liga miterlebt. Danach folgten Auswärtsspielen in Lünen, Solingen oder Mülheim. Wer hätte damals gedacht, dass der BVB noch zu einem internationalen Topverein wird? Ältere Fans wie ich haben mit dem BVB viel gelitten und viel gefeiert, vom Lüner SV bis hin zu Real Madrid alles mitgemacht. Besser geht’s doch nicht!

Die Autoren Dietrich Schulze-Marmeling und Gregor Schnittker stellen ihr Werk am Donnerstag, 28. November, ab 19.09 Uhr im „Hansaplatz“ im Signal Iduna Park im Beisein von BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball vor. Der Eintritt ist frei, Anmeldungen gehen an: Achim.Woydowski@werkstatt-auslieferung.de
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