Borussia Dortmund gibt kurz vor Weihnachten ein erschreckendes Bild ab. © imago / Kirchner-Media
Meinung

Die Dämonen der Vergangenheit holen den BVB wieder ein

Beim BVB brennt wenige Tage vor dem Fest sinnbildlich gesprochen der Baum. Das 1:2 bei Union lässt die Zweifel an dieser Mannschaft wieder wachsen. Die Fülle an Fehlern ist desillusionierend.

Vielleicht war es naiv zu glauben, dass ein 2:1 in Bremen reichen wird, um über Wochen angewachsene Probleme und über Monate nicht grundlegend behobene Defizite zu den Akten legen zu können. Zumal der Sieg ja im Zustandekommen auch noch glücklich war, weil er von einem eklatanten Torwartfehler begünstigt wurde. In Berlin-Köpenick waren es am Freitagabend mal wieder die Dortmunder, die Geschenke verteilten so kurz vor dem Fest.

Und so stiegen nach der Partie außerhalb des Stadions die Feuerwerks-Raketen in die Luft, das ist für Gäste-Mannschaften kein gutes Zeichen und war es auch für Borussia Dortmund nicht. Im letzten Bundesliga-Spiel des Jahres holten den BVB die Dämonen der Vergangenheit wieder ein. Auch der neue Trainer Edin Terzic weiß jetzt um die große Herausforderung, vor der er steht.

BVB-Abwehrchef Mats Hummels rechnet gnadenlos ab

Diese Mannschaft ist und bleibt eine Wundertüte. Für die Verantwortlichen, für die Fans, aber auch für sich selbst. Kein Fehler ist zu banal, als dass ihn nicht einer dieser doch vermeintlich so hoch talentierten Kicker machen könnte. Mats Hummels, der Abwehrchef, der sich schon in der ersten Hälfte so manches Mal allein gelassen fühlen musste bei der Fülle an haarsträubenden Pässen und Ballverlusten, wählte nach der Partie drastische Worte. „Unbegreiflich“ und „unverzeihlich“ nannte er die dicken Böcke in der Entstehung der beiden Gegentore, die das Thema Verteidigen gegnerischer Standards wieder ganz oben auf die Agenda beförderten. Bei DAZN rechnete Hummels gnadenlos ab mit seinen Kollegen, denen es offensichtlich an Konzentrationsfähigkeit mangelt, sobald die Kurve auch nur ansatzweise wieder nach oben zeigt.

Wer so mit den eigenen Händen einreißt, was er sich gerade mühsam erst wieder aufgebaut hat, der wird seine Ziele verfehlen. Dieser Gedanke schien nach dem zweiten Berliner Tor auch Sportdirektor Michael Zorc durch den Kopf zu schwirren, als man ihn verzweifelt mit starrem Blick nach unten auf der Trainerbank sitzen sah. Hatte der Sieg in Bremen Hoffnung gegeben, dass mit dem Trainerwechsel ein neuer Geist Einzug gehalten hat, so zeigten die 90 Minuten in der Hauptstadt, dass das allein auf Dauer nicht reichen wird. Borussia Dortmund benötigt eigentlich von allem deutlich mehr: Besser verteidigen, schnörkelloser spielen, konsequenter abschließen, vor allem aber mehr Konzentration. Die Fülle an haarsträubend leichten Ballverlusten ist desillusionierend.

Wo war das Aufbäumen der erfahrenen BVB-Spieler?

Auch in Berlin war zwar erkennbar, dass da eine Mannschaft wollte. Gelingt es ihr aber nicht, die auf diesem Niveau bedenklichen einfachen Fehler abzustellen, werden noch mehr Mannschaften wie Union Berlin gegen die Borussia am Ende jubeln dürfen. Geschweige denn die, die sich spielerisch auf einer Linie mit dem BVB bewegen. Die warten übrigens nach der kurzen Weihnachtspause im Januar in Serie, wenn es auswärts nach Leipzig, Leverkusen und Gladbach geht. Keine rosigen Aussichten.

Besonders auffällig – und bedenklich – ist, dass sich jeder, aber auch wirklich jeder, beinahe widerstandslos mit in den Abgrund reißen lässt, wenn es mal nicht läuft. Wo war das Aufbäumen der Erfahrenen, wo waren ihre Führungsqualitäten? Was sagt es aus, wenn ein unerfahrener 16-Jähriger einfach unverdrossen weitermacht und ein absoluter Positiv-Faktor ist, während es vielen seiner deutlich älteren Kollegen nicht gelingt, die Fäden des Spiels in der Hand zu halten.

Wie reagiert BVB-Trainer Edin Terzic auf diesen Rückschlag?

Man darf gespannt sein, wie Terzic auf diesen frühen Rückschlag reagieren wird. Er ist gut damit gefahren, dass er in den Tagen nach dem blamablen 1:5 gegen Stuttgart nicht den Holzhammer herausgeholt hat. Er hat deutlich weniger stark rotiert und damit an die Startspieler ein Zeichen von Vertrauen ausgesandt – gerade an die, die bislang in dieser Saison ihrer Form hinterherlaufen. Er hat sachlich argumentiert statt mit lauten Worten.

Terzic ist am wenigsten ein Vorwurf zu machen. Den Schlamassel haben ausschließlich andere zu verantworten. Dieses schlechte Gefühl müssen diejenigen jetzt aussitzen. Es wird auch das anstehende Weihnachtsfest überdauern. Egal, wie die Pokalpartie in Braunschweig endet.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe

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