BVB-Kapitän Marco Reus (l.) im Zweikampf. © dpa
Borussia Dortmund

Drei Faktoren: So macht der BVB die kleinen Gegner stark

Die Meisterschaft 2019 verspielte der BVB gegen die „Kleinen“, gegen die Außenseiter aus der unteren Tabellenhälfte. Viel am Ball, wenig Ertrag - wie am Samstag gegen Köln. Eine Analyse.

Lucien Favre ist der punktbeste BVB-Trainer, in 82 Prozent der Bundesliga-Spiele hat Borussia Dortmund unter ihm das Feld nicht als Verlierer verlassen. Oder anders ausgedrückt: Es gab nur 14 Niederlagen in 77 Partien. Das Ärgerliche daran: Mehr als die Hälfte der Pleiten kassierte der BVB gegen Kellerkinder, gegen Abstiegskandidaten, gegen die man hoch überlegen sein müsste. Oder es sogar war.

Der BVB lässt Punkte gegen vermeintlich schwache Gegner liegen

Die zwei Belege aus dieser Saison, die passgenau zu Niederlagen in Düsseldorf, Augsburg oder bei Union Berlin passen, lieferte die Dortmunder Elf in Augsburg und am Samstag gegen Köln. 69 Prozent Ballbesitz gegen den Effzeh am Samstag, bei den bayrischen Schwaben Ende September waren es sogar 80 Prozent Spielanteile. Punktausbeute: null. Warum?

Zuvorderst, das gebührt den Siegern, haben diese Außenseiter gegen Borussia Dortmund gut verteidigt. Denn die hochgelobte Offensivabteilung des BVB bekommt fundamentale Produktionsschwierigkeiten, wenn sie keine Tiefe in ihr Spiel bekommt – sei es aus Faulheit der eigenen Spieler oder kompakter Verteidigungsleistung der Gegner. Sie gerät ins Stocken, wenn bereits im Spielaufbau das Tempo dermaßen verschleppt wird, dass die ballführenden Spieler regelmäßig in Unterzahl angreifen müssen. Und für die Wege in die entscheidenden Halbräume vor der Abwehr fehlen die notwendigen Antritte.

Faktor Tiefe: Am Samstag ärgerte sich Favre über Mittelstürmer Erling Haaland. Der erklärte Zielspieler aller Angriffe habe sich „zu wenig bewegt, zu wenig Läufe in die Tiefe gemacht“. Seine Nebenleute Marco Reus und Julian Brandt ließen dieses zentrale Element der Dortmunder Spielweise ebenso sträflich ungenutzt. Ohne Läufe in die Tiefe keine Pässe in die Tiefe. Sei es im Strafraum oder an der Außenlinie.

Statt vertikalem Angriffsfußball blieb es bei Breitwand-Ballgeschiebe. Hohe Spielanteile sind jedoch kein Selbstzweck. Der Ballbesitz muss zielführend genutzt werden. Ohne Anspieloptionen im vorderen Bereich muss das Spiel früher oder später ins Stocken geraten. „Wir haben manchmal überhastet gespielt, unsere Pässe hätten aber mehr Tempo haben müssen“, haderte Favre.

Faktor Tempo: Einen geordneten Spielaufbau mit dem Ziel, den Gegner in ungünstige Situationen zu zwingen, hat Favre zur Grundbedingung des Dortmunder Angriffsspiels erklärt. Bei fehlender Geschwindigkeit in der Weiterleitung – Stichwort: Axel Witsel – lässt sich allerdings keine Bundesliga-Mannschaft mehr destabilisieren. Verschieben, Räume schließen, das gelingt auch Spielern, die aus zehn Metern keinen Möbelwagen treffen.

Aus BVB-Sicht ist die Spielauslösung ein schmaler Grat: Geduldig zu sein bedeutet nicht Langsamkeit. Mal ein Risiko zu nehmen meint nicht, überstürzt in aussichtslose Situationen zu rennen. Favre konstatierte einerseits „wir haben manchmal überhastet gespielt“ und andererseits: „Wir waren zu langsam.“ Wer clever agiert, erkennt die Gelegenheiten. Am Samstag passte bei den Schwarzgelben das eine nicht zum anderen.

Faktor Mut: Es gibt neuralgische Zonen für Ballbesitz. Können die Angreifer zwischen Mittelfeldreihe und Abwehrkette aufdrehen, also mit Ball am Fuß Richtung Tor laufen, eröffnen sich viele Möglichkeiten. Dribbeln, passen, kombinieren, in die Tiefe oder über die Außen weiterspielen – die Verteidiger können ausgeguckt werden. Die Wege in diese Zone müssen sich die Offensivspieler aber erarbeiten (Favre: „Wir haben zu wenige richtige Bewegungen gemacht.“) und sich dorthin trauen, wo es eng wird.

Egal, ob es sich um vorstoßende zentrale Mittelfeldspieler handelt, die den Mut aufbringen und sich in engen Räumen anspielen lassen, oder um die Flügel, die zusätzliche Angebote schaffen und im Rücken Räume aufmachen: Dem BVB fehlten gegen Köln die Zugänge in diesen Bereich, weil sie sich dort a) bereits viel zu lange aufhielten (Reus, Brandt) weil sie b) unvorbereitet auf eine Überzahl zuliefen (Sancho) , weil sie c) erst gar nicht den Versuch unternahmen (Haaland) oder d) nicht den Mut aufbrachten, sich dort anspielen zu lassen (Witsel).

Wenn dem BVB drei wichtige Faktoren fehlen, wird es schwer

Wenn Tempo, Tiefe und Mut fehlen, bleiben die einzelnen Mannschaftsteile unverbunden. Ohne vertikales Passspiel entsteht keine Torgefahr. So ist letzten Endes weniger die gegnerische Abwehrleistung entscheidend gewesen, sondern der BVB hat sich selbst limitiert. Im Spiel, bei der Punktausbeute und damit im Meisterschaftsrennen. Details, nennt der Trainer das Handwerkszeug. Kleine Verbesserungen mit großer Wirkung. Das klingt mühsam und zäh. Dass es nicht anders geht, hat der BVB einmal mehr demonstriert. Zwei Peinlich-Pleiten liegen für diese Spielzeit schon schwer im Magen. Viel mehr dürfen es nicht werden.

Pleiten und Punktverluste gegen die „Kleinen“ 2018/19:

  • Fortuna Düsseldorf – BVB 2:1 (Ballbesitz 73 Prozent)
  • 1. FC Nürnberg – BVB 0:0 (Ballbesitz: 72 Prozent)
  • FC Augsburg – BVB 2:1 (Ballbesitz: 72 Prozent)
  • BVB – FC Schalke 04 2:4 (Ballbesitz: 70 Prozent)


Pleiten und Punktverluste gegen die „Kleinen“ 2019/ 20:

  • Union Berlin – BVB 3:1 (Ballbesitz: 74 Prozent)
  • BVB – SC Paderborn 3:3 (Ballbesitz: 67 Prozent)
  • Werder Bremen – BVB 3:2 (Ballbesitz: 72 Prozent / DFB-Pokal)
  • BVB – Mainz 05 0:2 (Ballbesitz: 70 Prozent)


Pleiten und Punktverluste gegen die „Kleinen“ 2020/21:

  • FC Augsburg – BVB 2:0 (Ballbesitz 80 Prozent)
  • BVB – 1. FC Köln 1:2 (Ballbesitz 69 Prozent)
Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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