Ex-BVB-Coach Ottmar Hitzfeld: „Favre macht einen überragenden Job“

mlzBorussia Dortmund

Ottmar Hitzfeld hat den BVB und Bayern trainiert. Im Interview erklärt er, warum er den FCB im Topspiel im Vorteil sieht – und wieso Borussia Dortmund mehr als nur drei Punkte gewinnen kann.

Dortmund

, 06.11.2020, 14:15 Uhr / Lesedauer: 6 min

Trainerlegende Ottmar Hitzfeld lobt den BVB-Coach überschwänglich und ist begeistert von den jungen Dortmunder Toptalenten. Der 71-Jährige, der mit dem BVB und dem FC Bayern München siebenmal Deutscher Meister wurde, bezieht im Interview klar Stellung zu BVB-Personalien.


Herr Hitzfeld, da Sie fast alles über Fußball wissen, habe ich eine Schätzfrage herausgesucht: Dortmund und Bayern haben in den vergangenen zehn Jahren 35 Mal gegeneinander gespielt. Was glauben Sie, wie oft der BVB gewonnen hat?

Ich tippe auf zehn Mal.


Fast richtig. Zwölf Siege sind es seit Oktober 2010. Die ersten sechs davon fallen aber noch in Jürgen Klopps Zeiten, das ist also länger her.

Der FC Bayern ist in den vergangenen Jahren sehr dominant geworden und hat vor allem zu Hause oft hoch gewonnen gegen Dortmund.

Auch deswegen geht die Meisterschale seit 2013 immer nach München. Was müsste dem BVB gelingen, um die Bayern zu stoppen?

Ich finde, die Dortmunder machen ihre Sache bereits sehr gut, vor allem in dieser Saison. Sie spielen attraktiven Fußball. Und man sieht auch klar, dass sie sich weiterentwickeln unter ihrem Trainer Lucien Favre. Aktuell legen sie mehr Wert auf defensive Stabilität. Das funktioniert gut, und diese Herangehensweise halte ich für sehr vernünftig. Offensiv hat der BVB tolle Spieler, die jetzt schon internationale Klasse besitzen. Der Unterschied zum FC Bayern ist vor allem, dass diese jungen Spieler noch nicht die Reife und Erfahrung der Bayern-Spieler haben.


Also steckt noch sehr viel Fantasie im Dortmunder Kader?

Diese jungen Spieler reifen und können zur Weltklasse vorstoßen, das sieht man jetzt schon. Erling Haaland zum Beispiel legt eine unwahrscheinliche Coolness an den Tag, wenn er vor dem Tor steht. Diese Dynamik und Schnelligkeit sind überragend, dazu besitzt er die richtige Mentalität, was enorm wichtig ist. Ähnliches gilt für Jadon Sancho, der unglaubliche Klasse besitzt, mit Technik, Tempo, Übersicht. Gio Reyna halte ich für ein Jahrhunderttalent: Er spielt jetzt schon sehr überlegt, ruhig, ausgeglichen. Er hat eine gute Übersicht und eine perfekte Technik, bei seinen eleganten Bewegungen sieht man gar nicht mehr die Schnelligkeit, die darin steckt. Das sieht alles so leicht aus bei ihm, das ist schon beeindruckend. Dortmund verfügt über große Qualität. Aber die Erfahrung macht den Unterschied zu den Bayern aus.


Dortmunds Bosse glauben, dass die Mischung aus jungen und etablierten Spielern stimmt. Es gibt ja auch Hummels, Witsel, Reus, in Thomas Meunier ist ein gestandener Spieler dazugekommen.

Das ist wichtig, um Stabilität und Konstanz in die Leistungen zu bekommen. Der BVB hat in den vergangenen Jahren immer sehr ansprechend nach vorne gespielt, war aber defensiv zu anfällig. Das hat sich gebessert in dieser Saison.

Jetzt lesen

Ist das der richtige Weg?

Ja, natürlich. Einzelne Spiele kann man mit einer spektakulären Offensive gewinnen. Aber ohne stabile Defensive kann eine Mannschaft keine Titel gewinnen. Es muss beides im Einklang sein. Sonst wäre es ja zu einfach (lacht). Ich denke, die Dortmunder haben die fehlende Balance als ein Problem richtig erkannt und darauf jetzt einen Schwerpunkt gelegt.


Hätten Sie lieber einen rohen Diamanten wie Erling Haaland oder einen arrivierten Strategen wie Axel Witsel trainiert?

Witsel ist ein hervorragender Spieler, der alles kann. Er behält die Übersicht und hat eine Art Radarsystem im Kopf, das ihm anzeigt, wohin er laufen muss. Aber Haaland? Das ist eine Granate - ich denke, das ist der richtige Ausdruck! Diese Dynamik, diese Kaltschnäuzigkeit! Wenn er weiter an sich arbeitet, und das scheint ja der Fall zu sein, wird er ein Weltklasse-Stürmer.


Ihr Kollege Lucien Favre hat den besten Punkteschnitt aller BVB-Trainer vorzuweisen und steht dennoch immer wieder in der Kritik. Können Sie das nachvollziehen?

Überhaupt nicht! Lucien Favre macht in Dortmund einen überragenden Job. Man muss doch auch die Voraussetzungen betrachten: Die Bayern haben finanziell ganz andere Möglichkeiten als der BVB. Favre muss in Dortmund einen anderen Weg gehen, mit jungen Spielern arbeiten und sie ausbilden. Der FC Bayern kauft diese Topspieler einfach ein.

Münchens Umsatz liegt um 250 Millionen Euro über dem des BVB, der Kader kostet geschätzt 150 bis 200 Millionen Euro mehr. Die Lücke ist nirgendwo größer als zwischen der Nummer eins und der Nummer zwei.

Das ist doch eine einfache Rechnung: Die Bayern können viel mehr investieren, die besseren Spieler verpflichten oder sie halten. Und wenn sie keine großen Fehler begehen, stehen sie oben.


Lucien Favre steht trotz der fehlenden Rückendeckung im dritten Jahr beim BVB an der Seitenlinie. Wird er auch unterschätzt, weil er nicht die große Außenwirkung hat?

Ich würde nicht sagen, dass er unterschätzt wird, sondern ich würde sagen, man kann gar nicht hoch genug einschätzen, was er leistet. Wir haben gerade über die finanziellen Möglichkeiten gesprochen. Demnach müssen die Bayern immer Meister werden. Wenn man Zweiter wird, hat man also einen super Job gemacht. Mit dem BVB Vizemeister zu werden ist eine genauso große Leistung, wie mit den Bayern auf Platz eins zu landen. Nur in der Öffentlichkeit zählt das nicht so viel, leider, muss ich ergänzen. Aber wenn Sie mich fragen ist das, was Favre in Dortmund macht, eine überragende Leistung.


Wie bewerten Sie denn diese unglaubliche Erfolgsgeschichte von Hansi Flick als Bayern-Trainer?

Hansi Flick ist ein Glücksfall für den FC Bayern. Zu dem Zeitpunkt, als sie in der Krise steckten, hat er sofort die Mannschaft stabilisiert, die Spieler vereint, und einen märchenhaften Einstieg hingelegt.

Ist es so einfach, dass manchmal die richtige Ansprache, die richtige Chemie den Ausschlag gibt? Oder steckt da fußballerisch mehr dahinter?

Es muss alles gepaart sein. Der Zeitpunkt muss passen. Der Trainer muss das Spielerpotenzial haben. Flick hat an den richtigen Schrauben gedreht, die Mannschaft wieder zu einer Einheit gemacht und den Verein beruhigt. Wenn die Bayern nicht Erster sind, dann brennt’s da!


Sie wissen das allzu gut!

Das ist halt so. Das ist der FC Bayern, das weiß man als Trainer. Dafür tritt man dort an, das ist die größte Herausforderung: Man sollte, man muss Deutscher Meister werden.


Unter Flick spielen die Bayern auch aggressiver, gehen häufiger ins Gegenpressing. Ist das der richtige Trend zur richtigen Zeit?

Die Bayern sind derzeit das Maß der Dinge, weltweit. Die Konkurrenz orientiert sich daran. Ihr Spiel haben die Münchner weiterentwickelt, auch durch Hansi Flick als Lehrmeister. Aber wissen Sie, was das Entscheidende ist? Das sind die Siege. Jeder Sieg bringt einen weiter, stärkt das Selbstbewusstsein, jeder Sieg macht die Mannschaft sicherer. Das schafft kein Training mit dem Schwerpunkt Passspiel. Wenn ich verliere, kann ich das tausendmal exerzieren, und ich werde nicht sicherer, weil mir das Selbstvertrauen fehlt. Die Bayern haben sich durch die Siege in einen Rausch gespielt und immer weiter gesteigert. Jeder Sieg ist wichtiger als tausend Worte vom Trainer.

Jetzt lesen

Dann muss man nur die richtigen Weichen für Siege stellen. Der BVB versucht es unter Favre mit abwartenderem Fußball, mit Balance. Ist das die richtige Gangart für diese Mannschaft?

Ja, ganz klar. Sie haben die Lehren aus den Vorjahren gezogen. Sie müssen sich die verlorene Stellung wieder Stück für Stück erarbeiten. Für die Dortmunder wäre es sehr wichtig, dass sie diesmal gegen die Bayern nicht verlieren. Ein Punkt wäre schon bedeutend für die Weiterentwicklung. Wenn man gewinnen würde, gäbe das der Mannschaft noch mehr Sicherheit. Das würde die Dortmunder bestärken, Euphorie entfachen im Team und in der Bevölkerung. Ein Sieg gegen die Bayern wäre mehr wert als drei Punkte.


Wie schwer wiegt der Nachteil, dass keine Fans ins Stadion dürfen?

Leider ist das so, das ist ein großer Nachteil. Das kann sogar Punkte kosten. Ohne den Druck, den die Zuschauer erzeugen auf den Schiedsrichter und auf den Gegner, wird es für die eigene Mannschaft schwieriger. Wer mehr Erfahrung hat, wie die Bayern, der hat dadurch einen Vorteil. Die Favoriten haben es auswärts leichter, sich durchzusetzen.


Die Corona-Pandemie beschert uns Geisterspiele, bei den Mannschaften fallen wichtige Leute aus wie Emre Can beim BVB oder jetzt Niklas Süle beim FC Bayern. In der Champions League fehlen halbe Mannschaften. Ist es trotzdem richtig und fair, weiterzuspielen?

Ich antworte als Fußballfan, seitdem ich keine Funktion mehr ausübe, und ich kann sagen: Ich bin froh, dass weitergespielt wird. Ich halte das auch für wichtig für die gesamte Bevölkerung, für die ganzen Zuschauer. Ich bin kein Fan von Geisterspielen, bestimmt nicht, da fehlen auch mir die Emotionen, die den Fußball ausmachen. Aber wir müssen dankbar sein, dass in Deutschland gespielt werden kann. Die DFL um Christian Seifert hat da einen großartigen Job gemacht. Was die Bundesliga auf die Beine gestellt hat, war ja nicht ohne Grund maßgeblich für ganz Europa.

Wie hätten Sie denn als Trainer reagiert, wenn Sie und Ihre Spieler für die Champions League oder Länderspiele quer durch Europa reisen müssten?

Man muss sich der Situation anpassen und nicht so viel diskutieren. Es werden alle möglichen Sicherheits- und Hygienevorkehrungen getroffen. Jammern bringt nichts, wir können froh sein, wenn der Spielbetrieb aufrechterhalten wird. Sonst müssten viele Klubs dichtmachen, viele Angestellte würden arbeitslos. Der Fußball ist ja eine kleine Industrie in Deutschland, ein relevanter Wirtschaftszweig.


Wie wird der Fußball aus der Krise herauskommen?

Vielleicht bewirkt Corona ein Umdenken bei manchen Vereinen, dass sie besser wirtschaften. Das betrifft vor allem Klubs im Ausland. Deutschland war mit dem Lizenzierungsverfahren immer vorbildlich aufgestellt. Aber andere Vereine haben auch gespürt, dass man diese riesengroßen Transfers nicht mehr machen kann. Der Neymar-Wechsel hat in meinen Augen der gesamten Fußballszene geschadet. Da hat die Krise vielleicht etwas Gutes. Ich finde es auch gut, dass die Bayern die Verhandlungen mit der Alaba-Seite abgebrochen hat, um ein Zeichen zu setzen, dass nicht mehr alles möglich ist.

Lesen Sie jetzt