Eine Grätsche für die BVB-Geschichtsbücher: Sven Bender beim DFB-Pokalspiel 2017 in München. © imago/Eibner
Borussia Dortmund

Ex-BVB-Spieler Sven Bender verlässt die große Bühne – und blickt dankbar zurück

Mit seinem vorbildlichen Einsatz eroberte Sven Bender die Herzen der BVB-Fans. Nach 15 Jahren im Profigeschäft verlässt „Manni“ am Samstag die große Bühne - und blickt dankbar zurück.

Es gibt unzählige Szenen, an die man sich erinnert, wenn man über Sven Bender spricht. Zwei aber dürften wohl allen im Gedächtnis bleiben. Zwei, die viel darüber aussagen, wie dieser Spieler getickt hat, wie viel er auch bereit war zu geben. In jedem Spiel, in jeder Minute.

Als Jürgen Klopp im November 2011 seinem Spieler, der auf einer Trage vom Platz gebracht werden muss, alles Gute für den Weg ins Krankenhaus wünschen will, wendet sich Borussia Dortmunds damaliger Trainer mit Grausen ab. Blutüberströmt ist das Gesicht von Sven Bender, der unglücklich mit Thomas Vermaelen vom FC Arsenal zusammengeprallt ist. Der BVB verliert das Gruppenspiel in der Champions League mit 1:2, doch das tritt in den Hintergrund angesichts der schrecklichen Bilder. Noch in der Nacht muss der Dortmunder notoperiert werden. Doppelter Kieferbruch lautet die Diagnose, Bender muss für einige Zeit mit Flüssignahrung vorliebnehmen.

Sven Bender in München: Grätsche für die BVB-Geschichtsbücher

Benders vorbildlicher Einsatz ist sein Markenzeichen. Er schont weder die Gegenspieler noch sich selbst. Oft genug bezahlt er mit Blessuren, die er wegsteckt, nur um sich nach seiner Genesung mit ebenso großem Elan gleich wieder in den nächsten Zweikampf zu werfen. Das macht ihn zu einem Spieler, der perfekt zu Borussia Dortmund passt. Und der mit dieser Art die Herzen der Fans erobert. Er habe mal, sagt Bender in einem seiner Interviews mit den Ruhr Nachrichten, „darüber nachgedacht, vielleicht mal nicht so ungestüm in jedes Duell zu gehen.“ Dann aber, so Sven Bender, sei er nicht mehr der Spieler, der er sein wollte. Einer, der alles gibt für seine Mannschaft.

In seiner letzten BVB-Saison gewann Sven Bender (Mitte, links) mit den Schwarzgelben den DFB-Pokal. © imago / MIS © imago / MIS

Die zweite Szene, die allen BVB-Fans von Sven Bender auf jeden Fall in Erinnerung bleiben wird, endet nicht mit einer Verletzung, sondern mit überschäumendem Jubel. Pokal-Halbfinale in München, es ist der 26. April 2017. Der BVB liegt mit 1:2 hinten, als Arjen Robben aus gut elf Metern freie Schussbahn hat. Nur Sven Bender steht dem 3:1 und der Vorentscheidung in diesem Spiel im Weg.

Das BVB-Kapitel endet für Sven Bender im Sommer 2017

Seine beherzte Grätsche ist eine aus purer Verzweiflung. Erst die Zeitlupe zeigt, dass der Niederländer nicht zu schlecht gezielt hat. Erst Benders Fußspitze befördert den Ball an den Pfosten, Robben rauft sich die nicht vorhandenen Haare. Und danach dreht Dortmund das Spiel, gewinnt in München und später im Mai zum vierten Mal den DFB-Pokal. Bis vor einigen Tagen der vorerst letzte Titelgewinn für den BVB.

Unter Thomas Tuchel war Sven Bender (l.) nicht mehr unumstrittener Stammspieler beim BVB. © imago / Thomas Frey © imago / Thomas Frey

Es ist auch der letzte für Sven Bender, der danach im Sommer 2017 den BVB verlässt. Eine Entscheidung, die ihm nicht leichtgefallen sei, wie er erklärt. Bender war unter Thomas Tuchel nicht mehr unumstrittener Stammspieler. Er habe das Gefühl gehabt, der Zeitpunkt sei der richtige, sagt der damals 28-Jährige. Nach acht Jahren mit zwei Meistertiteln und zwei Pokalsiegen endet das Kapitel BVB. Und es gibt kaum einen Fan, der nicht traurig ist. Die Wiedervereinigung mit Zwillingsbruder Lars bei Bayer Leverkusen macht die Entscheidung leichter.

Das Verletzungspech ist ein ständiger Begleiter der Bender-Zwillinge

Sven Bender stößt 2009 zur Borussia, er ist einer aus der großen Talentschmiede des TSV 1860 München. Auch sein Zwillingsbruder Lars ist dort fußballerisch groß geworden und wechselt im gleichen Jahr quasi in die Dortmunder Nachbarschaft zu Bayer Leverkusen. Das war den Brüdern wichtig, der Kontakt bleibt eng, auch wenn sie sich auf dem Rasen in Zukunft beharken und gegenseitig nicht schonen.

Beim Champions-League-Spiel gegen den FC Arsenal zog sich Sven Bender 2011 einen doppelten Kieferbruch zu. © dpa © dpa

Im Januar haben die Benders ihr Karriere-Ende bekanntgegeben, es ist keine Überraschung, dass sie gemeinsam Schluss machen, weil sie in ihren Karrieren ähnliche Verläufe hatten. Sie haben auch das Verletzungspech geteilt, das ein ständiger Begleiter war, auch wenn Sven Bender oft betont hat, dass es ihm missfällt, in diese Schublade gesteckt zu werden.

Sven Bender: „Klopp hat mich in einem Telefonat sofort gepackt“

Tatsächlich wäre es zu einfach, seine großartige Karriere darauf zu reduzieren, wie oft Sven Bender verletzt war. Er erlebt großartige Jahre in Dortmund, ist Teil der 88er-Generation, die den Fußball in Deutschland revolutioniert. Oft ein „unsung hero“, weil er in einer Gruppe aus filigranen Fußball-Ästheten die Drecksarbeit verrichtet.

Erlebten beim BVB eine Erfolgsgeschichte: Sven Bender (l.) und Jürgen Klopp. © imago / Simon © imago / Simon

Als ihn Jürgen Klopp im Frühjahr 2009 anrief, habe er nicht lange überlegen müssen, hat Bender nun verraten, als er gemeinsam mit Zwillingsbruder Lars noch einmal den Medien Rede und Antwort stand. „Klopp hat mich in einem Telefonat sofort gepackt. Ich wusste, das will ich machen.“ Daraus wird eine absolute Erfolgsgeschichte. 224 Mal schnürt er in Pflichtspielen für die Borussia die Stiefel, 132 sind für Bayer Leverkusen noch hinzugekommen. 65 Zweitliga-Spiele für 1860 runden die Karriere ab. 15 Jahre, die wie im Flug vergangen sind, aber ihre Spuren hinterlassen haben.

Beruf und Privatleben hat Sven Bender immer strikt getrennt

Deshalb zieht Sven Bender jetzt einen Schlussstrich, bevor die Knochen gar nicht mehr mitspielen. Lars bleibt am Samstag der Abschied auf dem Rasen verwehrt, für Sven wird sich der Kreis schließen, denn der Spielplan hätte es nicht besser regeln können, als dass sein letzter Auftritt als Profi im Signal Iduna Park stattfinden wird.

Sven Bender mit Frau Simone. Sein Privatleben hält der 32-Jährige komplett aus der Öffentlichkeit heraus. © imago / Reichwein © imago / Reichwein

Sven Bender hat immer über den Tellerrand hinausgeschaut. Nicht alles im Fußball-Business habe ihm gefallen, „trotz alledem haben wir auch davon profitiert und sind privilegiert gewesen, in dem Geschäft zu arbeiten. Dafür sind wir einfach nur dankbar.“ Beruf und Privatleben hat Sven Bender immer strikt getrennt, er war nie ein Spieler, der das Rampenlicht gesucht hat, er war keiner für Skandale. Auch das hat ihn abgehoben in einem Geschäft, das sich naturgemäß deutlich verändert hat.

Ex-BVB-Spieler Sven Bender: „Haben super Menschen kennengelernt“

Wie es nach der Karriere weitergeht? „Erst einmal geht es in Richtung Heimat“, sagt der jetzt 32-Jährige. „Wir haben schon neben dem Fußball etwas aufgebaut. Darüber werden wir aber nicht reden, weil wir unser Privatleben immer für uns behalten haben. Das werden wir auch weiter so tun.“ Kaum vorstellbar aber, dass man die Benders weiter im Fußball-Geschäft sehen wird. Sie brauchen den Glamour und die Öffentlichkeit nicht.

In den vergangenen vier Jahren spielten die Bender-Zwillinge gemeinsam für Bayer Leverkusen. © dpa © dpa

Sven Bender ist mit sich im Reinen, mit seiner Karriere sowieso. In Leverkusen ist trotz einiger Möglichkeiten kein weiterer Titel hinzugekommen, ohnehin dürfe man den Wert einer Karriere nicht an Titeln messen. „Der Gewinn, den wir für uns mitnehmen, sind 15 Jahre mit tollen Erlebnissen. Wir haben super Menschen kennengelernt. Das sind auch die Menschen, die uns zu denen gemacht haben, die wir heute sind.“

Ausgerechnet in Dortmund: Sven Bender verlässt die große Bühne

Schade sei es, sagt er, dass das letzte Spiel ohne Zuschauer stattfinden wird. „Wir hätten uns das anders vorgestellt. Viele Menschen hätten sich gerne von uns im Stadion verabschiedet, genauso auch andersrum. Aber wir müssen es so akzeptieren, wie es ist.“ Die Entscheidung, die Karriere zu beenden, sollte nicht davon abhängig gemacht werden, wie man verabschiedet wird, sagt Sven Bender. Er wird also leise „Servus“ sagen. So, wie er damals auch leise die große Bühne betreten hat.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe

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