Favre muss sich vor Tuchel und Klopp nicht verstecken - im Gegenteil

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BVB-Coach Lucien Favre musste schon viel Kritik aushalten. Doch im Vergleich mit Thomas Tuchel und Jürgen Klopp war die nicht immer gerechtfertigt.

Dortmund

, 31.03.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ob Borussia Dortmund das Arbeitspapier mit Cheftrainer Lucien Favre vorzeitig über das Saisonende 2021 hinaus ausdehnt, hängt maßgeblich vom Ergebnis der laufenden Spielzeit ab. Aber wie ist es eigentlich um Favres Zwischenbilanz nach fast zwei Jahren im Amt im Vergleich zu seinen Vorgängern Thomas Tuchel und Jürgen Klopp bestellt? Ein Check.

BVB-Coach Lucien Favre knackt die Tuchel-Bestmarke

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In die schwarzgelben Geschichtsbücher trug sich Lucien Favre im Rekordtempo ein. Die ersten 15 Spiele nach dem Amtsantritt in Dortmund ungeschlagen zu bleiben, das hatte noch kein Cheftrainer des BVB vor ihm geschafft. Favre knackte die Bestmarke, die Thomas Tuchel mit 14 unbesiegten Partien drei Jahre zuvor aufgestellt hatte, im Herbst 2018.

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Der Super-Start des BVB mündete in der souveränen Herbstmeisterschaft. Die sportliche Krise im Frühjahr 2019 kostete zwar letztlich den Titel, in der Bilanz von Favres Debütsaison beim BVB standen dennoch satte 76 Punkte. Nur Tuchel hatte in seiner ersten Spielzeit bei der Borussia zwei Punkte mehr geholt. Während die Favre-Borussen dem Meister Bayern jedoch bis zum Ende im Nacken saßen und als Vize nur zwei Zähler Rückstand aufwiesen, lagen die Tuchel-Borussen zehn Punkte hinter den erstplatzierten Münchnern zurück.

Die Erwartungen an den BVB sind gestiegen

Jürgen Klopp musste sich in seiner Debütsaison auf der Dortmunder Trainerbank vor elf Jahren mit 59 Punkten begnügen. Im zweiten Jahr waren es gar nur 57 Punkte. Allerdings konnte der damalige Kader aufgrund der Auswirkungen der Dortmunder Finanzkrise längst nicht so üppig ausgestattet und bezahlt werden wie der heutige. Klopp und Sportdirektor Michael Zorc holten statt teurer Stars einige junge Spieler an Bord, die dann über drei Jahre zu einer Meistermannschaft zusammenwuchsen.

Die beiden 19-jährigen Mats Hummels und Neven Subotic erhielten das Vertrauen in der Innenverteidigung, auch die eigenen Nachwuchskräfte Nuri Sahin (19) und Marcel Schmelzer (20) waren gefragt. 2009 stieß dann noch der 18-jährige Mario Götze aus der U19 des BVB zu den Profis und der Ur-Dortmunder Kevin Großkreutz (21) wechselte aus Ahlen zu seinem Herzensklub. All diese Youngster avancierten zu Stützpfeilern des Titelgewinns 2011 und des Doubletriumphs 2012. Auch, weil sie damals noch in Ruhe reifen durften, die Erwartungshaltung an die Borussia, Erfolge einzufahren, nicht so hoch war wie heute.

BVB formte Talente wie Pulisic und Weigl

Auch unter Thomas Tuchel schafften einige Youngster den Durchbruch. Als Tuchel im Sommer 2015 den Trainerposten übernahm, holte der BVB ein Talent aus München. Vom Zweitligisten TSV 1860 kam Julian Weigl, der 19-Jährige überzeugte auf Anhieb und schnappte sich einen Stammplatz im defensiven Mittelfeld und absolvierte im ersten Jahr 51 Pflichtspiele für Schwarzgelb. Christian Pulisic durfte als 16-Jähriger Bundesliga-Luft schnuppern. In der zweiten Tuchel-Saison, die im Pokalsieg mündete, mutierte der US-Amerikaner zur Stammkraft auf der Außenbahn.

Genau wie ein Überflieger, der im Sommer 2016 neu hinzukam: Ousmane Dembele. Der flinke Franzose, damals 19 Jahre jung, dribbelte sich schnell ins Notizbuch der ganz großen Klubs und verließ die Borussia letztlich für die Rekordsumme von weit über 100 Millionen Euro. Dembele spielt nun (wenn er denn nicht verletzt ausfällt) für den FC Barcelona, Pulisic für den FC Chelsea, Weigl seit dem Winter für Benfica Lissabon. Die Transfers haben sich für den BVB allesamt gelohnt.

Auch BVB-Trainer Lucien Favre formt Youngster

Aber Lucien Favre hat längst neue Youngster geformt und gefördert. Zuallererst natürlich Jadon Sancho. Der Engländer startete als 18-Jähriger unter Favre direkt durch und stand in allen 34 Bundesligaspielen auf dem Platz. Auch in sieben von acht Champions-League-Partien wirkte er mit. In dieser Saison steigerte sich Sancho noch weiter, schwang sich zum wertvollsten Profi der Liga auf, buchte in 25 Spielen bereits 30 Torbeteiligungen auf sein Konto.

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Auch auf Achraf Hakimi setzt Lucien Favre. Unter dem Schweizer agierte der schnellste Profi der Liga bislang in 46 von 59 möglichen Ligaspielen und in 13 von 16 möglichen Duellen in der Königsklasse. Hakimi etablierte sich im Gegensatz zu Jacob Bruun Larsen. Der offensive Däne, 18 Jahre jung als Favre in Dortmund loslegte, bestritt eine verheißungsvolle erste Saison mit 24 Einsätzen, in der laufenden Saison spielte er aber keine Rolle mehr und heuerte in der Winterpause bei der TSG Hoffenheim an.

Borussia Dortmund setzt auch unter Favre auf junge Spieler

Ganz anders der Werdegang Dan-Axel Zagadous. Er musste als 19-Jähriger lange um das Vertrauen Favres kämpfen, leistete sich zudem im ersten Favre-Jahr entscheidende Patzer in den Partien gegen München und Augsburg – doch mittlerweile ist der große Franzose mit der Bärenruhe am Ball nicht mehr aus der Verteidigung des BVB wegzudenken. Einer, den Lucien Favre ebenfalls fördert, ist Giovanni Reyna. Der 17-jährige Mittelfeldspieler empfahl sich mit ersten Einsätzen bei den Profis bereits für das US-Nationalteam.

Und da wäre ja auch noch Erling Braut Haaland. Die norwegische Naturgewalt hat seit seinem Wechsel nach Dortmund Ende Dezember die Herzen der Fans im Sturm erobert. Zwölf Tore in elf Pflichtspielen des 19-jährigen Stürmers nähren die Hoffnungen, dass die Borussen den Bayern nach der Coronavirus-Zwangspause das Leben noch einmal richtig schwer machen können.

Haaland kann Favre zur Vertragsverlängerung schießen

Auch Haalands Tore werden Einfluss darauf haben, ob der BVB mit Lucien Favre womöglich vorzeitig verlängert. Und ob Favre wie einst Klopp die Zeit bekommt, seine Auswahl im dritten Amtsjahr reifen zu lassen – und dann womöglich Titel zu ernten, die über die Wertigkeit und Strahlkraft des 2019 geholten Supercups weit hinausgehen.

Nach der reinen Punkteausbeute muss sich Lucien Favre vor seinen Vorgängern nicht verstecken. Der 62-Jährige verbuchte mit der Borussia in der Liga im Schnitt bislang 2,15 Punkte pro Partie. Hält er diese Quote bis zum Saisonende, läge er vor seinen Vorgängern: Tuchels Punkteschnitt in Dortmund lag nach zwei Jahren bei 2,09, Klopp brachte es in seinen ersten beiden Saisons auf 1,71 Zähler im Schnitt.

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