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Meinung

Favre-Unmut verständlich – doch der BVB-Gesamteindruck ist entscheidend

Der BVB steht vorzeitig im Achtelfinale der Champions League, die Debatten gehen weiter. Der Favre-Unmut ist verständlich - doch der Gesamteindruck ist entscheidend.

Es hatte ein bisschen den Anschein, als diskutierten da zwei erwachsene Männer darüber, ob das Glas bei Borussia Dortmund nun halbvoll oder halbleer sei nach diesem 1:1-Unentschieden gegen Lazio. Auf der einen Seite Sky-Reporter Patrick Wasserziehr, der es wohl eher als halbleer einstufte, auf der anderen Seite BVB-Trainer Lucien Favre, der es für halbvoll hielt. Am Ende hatte zumindest Favre keine Lust mehr auf diese Debatte. Der Schweizer beendete sein Interview ziemlich abrupt und sichtlich verärgert.

BVB-Trainer Lucien Favre: „Da war es das Ende der Welt“

Später am Abend verwies Favre auf der Pressekonferenz dann noch einmal mit Nachdruck darauf, dass Borussia Dortmund vorzeitig den Einzug ins Achtelfinale der Champions League gesichert hatte. Seine Mannschaft habe sich für die K.o.-Phase qualifiziert, der Rest interessiere ihn nicht sonderlich, erklärte der 63-Jährige und erinnerte daran, dass die Stimmung vor sechs Wochen nach der 1:3-Auftaktniederlage des BVB in Rom noch eine ganz andere gewesen sei. „Da war es das Ende der Welt“, sagte Favre.

Der Schweizer hatte damals bereits mit einer Mischung aus Trotz und Optimismus verlauten lassen, dass er sich nicht um das Weiterkommen seiner Mannschaft in der Königsklasse sorge. Nun, nach dem 5. Spieltag in Gruppe F, darf Favre mit Zufriedenheit registrieren, dass er Wort gehalten hat. Borussia Dortmund steht auch im dritten Jahr unter Favre in der Runde der besten 16 Teams in Fußball-Europa. Das darf nicht nur Favre als Erfolg werten, darauf darf und sollte der gesamte BVB erst einmal stolz sein, zumindest für den Moment.

Favres Unmut nach dem 1:1 gegen Lazio ist nicht unbegründet

Denn das Minimalziel in der Königsklasse ist frühzeitig erreicht. Nicht mehr freilich, aber eben auch nicht weniger. Zehn Punkte aus fünf Spielen und aktuell Platz eins in der Gruppe sind eine gute Ausbeute, am letzten Gruppenspieltag in einer Woche hat Borussia Dortmund den Gruppensieg, dem Favre laut eigener Aussage keine gehobene Bedeutung beimisst, in der eigenen Hand. Das ist eine Konstellation von der, bei allem Losglück, der eine oder andere namhafte Klub derzeit nur träumen darf – und die beim BVB vor der Gruppenphase wohl jeder ohne zu zögern unterschrieben hätte.

Insofern war Favres Unmut am späten Mittwochabend nicht unbegründet. Er wirkte ein bisschen so, als hätte auch er gerne mal eine Frage gestellt, anstatt nur Antworten liefern zu müssen. Was wollt ihr denn noch von mir? So oder so ähnlich hätte sie wahrscheinlich gelautet.

Der Gesamteindruck des BVB in dieser Saison ist durchwachsen

Das ist auf der einen Seite verständlich, wenn man nur die Faktenlage in der Champions League betrachtet. In der Königsklasse ist das Glas aus Dortmunder Sicht mehr als nur halbvoll. Die Bewertung beim Blick auf den schwarzgelben Gesamteindruck fällt allerdings schwerer. Im DFB-Pokal stehen die Reifeprüfungen noch bevor, in der Bundesliga hallt der Rückschlag gegen den 1. FC Köln vom vergangenen Samstag gut hörbar nach.

Favre und der BVB, so wirkt es, sind immer nur ein schlechtes Spiel von einer Krise entfernt. Die Zweifel und Zweifler stehen regelmäßig schneller vor der Tür, als Erling Haaland, wenn er wieder fit ist, laufen und schießen kann. Und die Beweise, dass die Mannschaft einen Schritt weiter ist als in den vergangenen zwei Spielzeiten, gilt es noch zu erbringen. Das gilt auch für die Königsklasse. Mal sehen, worüber Favre nach den Achtelfinalspielen der Champions League im neuen Jahr mit Patrick Wasserziehr so diskutieren muss.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Tobias Jöhren, Jahrgang 1986, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Seit 2013 ist er Mitglied der Sportredaktion von Lensing Media – und findet trotz seines Berufes, dass Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist.
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Tobias Jöhren

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