Groteske Fehler in der BVB-Defensive - Lucien Favre steckt in einer Zwickmühle

mlzBorussia Dortmund

Mit grotesken Fehlern bringt sich der BVB mal wieder selbst an den Rand einer Niederlage. Die Probleme sind bekannt. Lucien Favre steckt in einer Zwickmühle.

Augsburg/Dortmund

, 20.01.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Lucien Favre verdrehte die Augen und schlug die Hände vors Gesicht. Sagen musste er eigentlich nichts mehr, diese Gesten „meinten alles“. Als Borussia Dortmunds Trainer nach dem wilden 5:3 in Augsburg an den wartenden Journalisten vorbei ging, sah man seine große Erleichterung, aber auch die Spuren der Qualen, die er in den 90 Minuten durchlitten hatte. Immer wieder hatte der Schweizer die Verantwortung aller im Abwehrverhalten thematisiert, die Notwendigkeit zu nicht nachlassender Konzentration ebenso. Nun das. Slapstick-Gegentore kannte der 62-Jährige schon aus der Hinrunde zur Genüge, das Spiel in Augsburg bot eine nahtlose Fortsetzung.

BVB offenbart eine haarsträubende Chancenverwertung

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Dazu, auch das ist nicht neu, gesellte sich eine haarsträubende Chancenverwertung. 4:0 hätte der BVB führen können, „ja müssen“, wie Sportdirektor Michael Zorc bemerkte. In der Summe ergab sich ein Spiel, das Dortmund nur mit einem Kraftakt und dank der Energie, die Erling Haaland aufs Feld brachte, drehen konnte.

Am Ende kam der BVB mit einem blauen Auge davon. Doch das konnte den Fußball-Puristen Favre nur bedingt und nur für den Moment trösten. Auch in der Pressekonferenz beschränkte sich der Dortmunder Trainer auf ein großes Lob für die Comeback-Qualitäten seiner Elf, er lobte die Wucht, die diese Mannschaft entfalten kann (oft allerdings erst dann, wenn sie mit dem Rücken zur Wand steht). Über „das andere“, so Favre, „will ich nicht sprechen.“ Immerhin sagte er noch diesen Satz: „Wir werden nicht immer fünf Tore schießen können, um ein Spiel zu gewinnen.“

Piszczek ist im Laufduell hoffnungslos unterlegen

Für einen Meisterschaftskandidaten sprechen die nackten Zahlen eine alarmierende Sprache. In den bislang 26 Pflichtspielen hat Borussia Dortmund sechs Mal zwei Gegentore bekommen, fünf (!) Mal schon drei. Dazu gab es das 0:4 in München. In beinahe der Hälfte aller Pflichtspiele kassierte der BVB mehr als ein Gegentor, gewonnen hat die Mannschaft von den zwölf Partien nur zwei (5:3 in Augsburg, 3:2 gegen Inter Mailand). Dazu gab es fünf Remis und fünf Niederlagen.

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Auch nach dem Spiel in Augsburg klagte Favre über „halbe Geschenke“ und Gegentore, die „völlig unnötig“ waren. Beim 0:1 spielte Thorgan Hazard einen Katastrophen-Rückpass ins Niemandsland zwischen Achraf Hakimi und Lukasz Piszczek, der im Laufduell gegen den mit Ball startenden Ruben Vargas hoffnungslos unterlegen war. In der Mitte lief Mats Hummels das Loch für den Querpass nicht zu. Beim 0:2 patzte Manuel Akanji zum wiederholten Mal, beim 1:3 lud ein schlampiger Pass von Jadon Sancho den FCA zum Kontern ein, begünstigt auch durch ein schwaches Dortmunder Rückzugsverhalten.

Taktisches Fehlverhalten der BVB-Profis

Es sind immer wieder dieselben Fehler, die dem BVB unterlaufen, sie beginnen oft schon weit vorne, wo auch in Augsburg zwischen Reus, Sancho und Hazard bisweilen Uneinigkeit darüber herrschte, ob und wie stark Dortmund pressen wollte. Die Häufung von taktischem Fehlverhalten und groben individuellen Patzern gibt nicht nur Sportdirektor Michael Zorc Anlass „zu großer Sorge“.

Groteske Fehler in der BVB-Defensive - Lucien Favre steckt in einer Zwickmühle

© Deltatre

Der Ruf nach personellen Veränderungen wird lauter. Piszczek stellt aufgrund seines Tempodefizits in der Kette ebenso ein Risiko dar wie momentan Akanji. Aber Favres Möglichkeiten zur Korrektur sind de facto eingeschränkt. Dan-Axel Zagadou (Muskelfaseriss) wird der Borussia auch gegen Köln (Freitag, 20.30 Uhr) noch fehlen. Der junge Leonardo Balerdi soll näher an die erste Elf heranrücken, doch er kann bislang nur 19 Pflichtspielminuten bei den Profis vorweisen. Für die rechte Seite wäre Mateu Morey eine Möglichkeit, er hat nach langer Verletzungspause in der Hinrunde allerdings noch gar kein Pflichtspiel absolviert.

Rückkehr zur Viererkette ist beim BVB wahrscheinlich

Es geht dabei auch um die notwendige Balance. In der Schlussphase des Spiels in Augsburg standen in Jadon Sancho (19), Erling Haaland (19) und Giovanni Reyna (17) drei Spieler auf dem Feld, die noch keine 20 Jahre alt sind. Hakimi ist auch erst 21. Die Unbekümmertheit und Frische dieser Spieler tut dem Dortmunder Spiel gut, doch leidet die Statik nicht zu stark, wenn in Morey (19) und Balerdi (20) noch zwei weitere „Profis in Ausbildung“ parallel auf dem Platz stünden?

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Favre wird darüber abwägen müssen. So lange Zagadou noch ausfällt, wird auch wohl die Dreierkette erst einmal Geschichte sein. Borussia Dortmund muss den Laden hinten dicht bekommen, möglichst sofort. Und weniger Chancenwucher würde das Leben auch rapide erleichtern.

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