Hans-Joachim Watzke über Krise, Reus und Finanzlage

Das BVB-Interview

Hans-Joachim Watzke (55) hat gelitten aufgrund der aktuellen sportlichen Krise bei Borussia Dortmund. Doch der Chef der Geschäftsführung hat großes Vertrauen - in die sportliche Leitung, die Fans und die Finanzlage. Die Gründe verrät er im Exklusiv-Interview.

DORTMUND

, 21.11.2014, 14:30 Uhr / Lesedauer: 8 min
BVB-Boss Hans-Joachim Watzke stellt fest: "Wir haben keinen Euro Schulden mehr."

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke stellt fest: "Wir haben keinen Euro Schulden mehr."

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Es nimmt mich extrem mit, ich bin ja sehr ehrgeizig. Wir haben es uns nicht leicht gemacht in den vergangenen Wochen. Jürgen Klopp, Michael Zorc und ich sind noch enger zusammengerückt, haben noch mehr diskutiert. Wir haben alles analysiert, was man nur analysieren kann. Die Verletzungen, die Rehabilitation, wir sind alles durchgegangen. Aber am Ende sind wir immer auf das gleiche Ergebnis gekommen.

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Wir waren von dramatisch vielen Langzeitzeitverletzungen betroffen, die anschließend dazu geführt haben, dass die Spieler noch keine Topform hatten. Zugleich hatten wir aber auch keine Zeit dazu, sie langsam an ihr Topniveau heranzuführen. Mittwochs hat das funktioniert, samstags aber nicht. Das war zu viel. Vor allem, weil die Spieler, die für Entlastung hätten sorgen können, auch verletzt waren. Jakub Blaszczykowski, Nuri Sahin, Ilkay Gündogan, Oliver Kirch, um nur einige zu nennen. Es war eine unfassbare Abfolge.

Nein. Natürlich könnte man noch fünf Spieler dazuholen. Aber irgendwann ist jede dramatische Serie zu Ende, dann nützt es dir nicht, wenn du 28 Spieler hast. Dann hast du nur Verwerfungen im Kader. Es geht dann schließlich nicht mehr nur darum, wer spielt, sondern darum, wer es auf die Bank schafft und wer auf die Tribüne muss. Wir sehen es ja jetzt: Es kommen alle wieder, demzufolge haben wir eine extreme Dichte. Ich denke deshalb, dass wir insgesamt betrachtet mit unserer Kaderplanung richtig lagen. Wir haben da keine gravierenden Fehler gemacht. Wenn es so wäre, könnte das Team keine Leistungen wie gegen Arsenal, Istanbul oder Mönchengladbach abrufen. Auch das haben wir auf und ab diskutiert.

Nein, denn es ist ja so: Wir hatten über viele Jahre auch das nötige Glück in unseren Entscheidungen. Es saß alles, passte eins zu eins ineinander. Aber man kann nicht jedes Jahr einen Shinji Kagawa für 350 000 Euro entdecken. So funktioniert es einfach nicht. Es ist insgesamt schwieriger für uns geworden.

Die Spieler kosten höhere Ablösen, dadurch wird gleichzeitig der Druck auf unsere Neuen größer, weil mit den Ablösesummen auch die Erwartungen steigen. Aber das ist das Ergebnis dessen, was wir uns hier erarbeitet haben. Damit müssen wir leben. Und ich habe das Gefühl, dass damit auch unsere zehn Millionen Fans umgehen können. Es wird honoriert, wie wir mit der Krise umgegangen sind. Ich habe ja immer gesagt, dass irgendwann Rückschläge kommen würden. Es kam nur lange nie einer.

… und wir gehen sehr souverän damit um. Natürlich sind wir alle nicht mit dem Tabellenplatz in der Liga einverstanden. Aber dafür gibt es Gründe. Ich hätte gerne mal erlebt, wie die drei, vier anderen größeren Klubs des Landes damit umgegangen wären, wenn sie das durchgemacht hätten, was wir in den vergangenen Wochen erlebt haben. Da läge jetzt so mancher Kopf auf der Straße …

Nein, das nicht. Aber ich hatte die Gewissheit, dass wir ruhig bleiben und nichts ändern würden. Es hilft allerdings sehr stark dabei, was hier im Umfeld und mit den Fans in den vergangenen Wochen entstanden ist. Das spüren auch die Spieler. Man muss zwar aufpassen, dass man nicht zu stark in Komfortzonen lebt, aber Vertrauen zahlt sich meiner Meinung nach immer aus. Das Vertrauen, das die Fans der Mannschaft gegeben haben, wirkt.

Jürgen hat es so empfunden wie Michael Zorc und ich. Wir waren alle extrem angefasst. Michael hatte es nur auch schon extremer erlebt, deshalb konnte er nach außen etwas cooler damit umgehen. Ich fand es sehr ehrlich, dass Jürgen den Leuten den Eindruck vermittelt hat, dass ihn die Situation sehr angreift. Ich mag es nicht, wenn sich Trainer nach solchen Niederlagen in der Pressekonferenz hinstellen und so tun, als hätten sie schon den Masterplan in der Tasche – nur um dadurch ihren Kopf zu retten. Dieses Gefühl ist bei Jürgen auch sehr schnell wieder einer großen Kampfbereitschaft gewichen. Er macht auf mich einen hervorragenden Eindruck.

(überlegt lange) Ich hatte diese Befürchtung nicht, nein! Aber so etwas kann immer mal aus einer Stimmung heraus in den Raum geworfen werden. Wenn es so gewesen wäre, wäre es aber nicht so schwierig gewesen, Jürgen zu überzeugen, dass er noch nicht fertig ist in Dortmund. Aber wie gesagt: Ich hatte diese Befürchtung nicht.

Nein, das nicht. Wir haben jetzt allerdings ein großes Problem – und das darf sich nicht in den Köpfen der Spieler festsetzen, denn nur sie können die Situation lösen.

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Bilder des BVB-Trainings in Brackel am 20. November.
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BVB-Training in Brackel am 20. November.© Foto: DeFodi
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Egal, wo ich momentan hinkomme, es sagt mir niemand: „Das wird aber eine schwere Saison.“ Im Gegenteil: Uns erzählen Außenstehende permanent, dass es schon wieder werde, dass wir viel zu stark seien, um dauerhaft unten drin zu stehen. Das ist die Gefahr, vor der ich warne. Das muss aus den Köpfen raus. Wir müssen uns jetzt in jedem Spiel richtig beweisen.

Ja. Nehmen wir Augsburg, Freiburg, Paderborn, dazu Mainz, die eigentlich schon einen Schritt weiter sind: Diese Klubs leisten alle auch in der Jugend hervorragende Arbeit und sind in sich geschlossene Systeme. Früher musste man doch regelmäßig Angst haben, wenn es im Europapokal für deutsche Klubs gegen Teams aus Rumänien oder Bulgarien ging. Diese Zeiten sind vorbei. Jetzt gewinnen und gewinnen wir, nicht nur bei der WM. Das ist kein Zufall. Die Qualität der Bundesliga hat sich signifikant erhöht. Das führt natürlich dazu, dass man in der Bundesliga immer ans Limit gehen muss.

Das wäre als Ansatz völlig falsch. Damit erreicht man doch nichts. Wir müssen in Zwischenetappen denken. Bis Weihnachten – das ist ein überschaubarer Zeitraum – müssen wir möglichst viele Punkte holen. Wir müssen sehen, dass wir eine Punktzahl erreichen, die uns aus der Abstiegsregion rausholt und eine Perspektive für die Rückrunde bietet. Das an Plätzen festzumachen, wäre der falsche Weg.

Das ist nicht unser Thema. Wenn wir nächstes Jahr nicht international spielen sollten, war das kein gutes Jahr für uns. Aber das wird den Verein – und das ist der entscheidende Unterschied zu früher – nicht zurückwerfen. Das haben wir uns in den vergangenen Jahren aufgebaut. Wir sind wirtschaftlich so stark, wie Borussia Dortmund nie zuvor war. Nicht einmal im Ansatz. Das ist ein Faustpfand.

Die Folgen einer Nicht-Qualifikation wären nicht dramatisch. Die Vertragssituation der Spieler ist so, dass es keinen großen Aderlass geben würde, wenn wir das nicht wollen würden.

Ja, da haben wir bewiesen, dass wir es durchziehen, wenn wir einen Spieler nicht abgeben wollen. Und man sieht ja im Rückblick, dass wir damit richtig lagen. Denn das, was wir uns im vergangenen Jahr mit Lewandowski erarbeitet haben, war zig mal mehr wert als die Ablöse, die wir für ihn ein Jahr vor Vertragsende bekommen hätten. Die Kapitalerhöhung etwa wäre in diesen Maßen nicht durchführbar gewesen, wenn wir eine schlechte Saison gespielt hätten. Wir wissen, was wir tun. Im Übrigen kennt ja fast jeder große Klub Europas die Situation, auch mal nicht international vertreten zu sein.

Hätten Sie mir das vor drei Jahren erzählt, hätte ich das nicht glauben können. Damals war Manchester United das Nonplusultra. Momentan haben sie extreme Probleme, doch sie werden dadurch ihre Strahlkraft nicht verlieren. Aber nochmal: Die Saison ist für uns noch nicht beendet.

Diese Frage kann letztlich nur Marco beantworten. Fakt ist, dass er eine sehr hohe Identifikation mit der Stadt, vor allem aber mit dem BVB hat. Es ist eine ganze Menge, was wir in die Waagschale werfen können. Dass er sich leichter tun würde, hier zu bleiben, wenn wir dauerhaft international vertreten wären, ist aber nicht zu leugnen.

Ich habe mir abgewöhnt, in diesem Geschäft Gefühle zu haben. Ich weiß, dass Marco ein fantastischer Bursche ist. Er weiß, was er an uns hat.

Marco ist wie immer auch jetzt ein sehr angenehmer Mensch. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass er sich gedanklich auch nur einen Zentimeter vom BVB wegbewegt hat. Er geht sehr ruhig und konzentriert mit der Situation um. Außerdem ist er ein Spieler, der sich sehr stark über den Spaß am Fußball definiert. Man merkt, wie viel Freude er hat und wie er sich auch in solch kritischen Situationen wie derzeit voll einbringt.

Natürlich gibt es einen Zeitpunkt, an dem wir Klarheit haben wollen. Aber der wird in den kommenden Wochen nicht kommen. Wir haben derzeit andere Sorgen. Wir müssen gemeinsam aus den unteren Rängen weg, dann wird sich irgendwann auch zeigen, was die Saison noch bringt. Wir reden ja auch nur über eine Position, die zugegeben von einem sehr wichtigen Spieler besetzt ist. Aber davon hängt nicht das Konstrukt Borussia Dortmund ab.

Tönnies hat Recht – solange man auch den Umsatz nachhaltig steigert. Das ist der entscheidende Faktor. Wir haben jetzt den Status, dass wir bei keiner Bank dieser Welt und bei keinem Privatgönner mehr einen Euro Finanzschulden haben! Das hätte ich niemals im Leben für möglich gehalten, als ich hier angefangen habe. Diesen komfortablen Status werden wir auch nicht mehr aufgeben.

Wir müssen keine Zinsen mehr zahlen, keine Tilgungen mehr leisten. Nullkommanull! Das wird dazu führen, dass wir den Etat anheben können. Aber bei aller Liebe, der FC Bayern tendiert Richtung 200 Millionen Euro Gehaltsvolumen. Da werden wir nicht hinkommen. Die Wahrscheinlichkeit auf große Erfolge wird bei uns immer kleiner sein als in München, Madrid oder Barcelona.

Auf jeden Fall. Der Wachstumskurs des BVB ist weiter eingeschlagen. 80 Prozent unserer Sponsoring-Einnahmen sind mit entsprechenden Steigerungsraten versehen. Wir werden in den kommenden Jahren weiter solide wachsen. Sollten wir die Champions League verpassen, wird das Wachstum natürlich ein wenig abgebremst. Aber nur vorübergehend. Und die Saison ist ja auch noch nicht beendet.

Wenn man nicht in der Champions League spielt, wird es schwer. Das muss man nicht kleinreden, das ist Fakt. Aber bis 2017 ist es ja noch ein bisschen. Ich hoffe schon, dass wir bis dahin noch einige Runden Champions League spielen werden. Nicht nur in dieser Saison.

Das größte Potenzial liegt in der TV-Vermarktung. Die Engländer beispielsweise kassieren demnächst drei Milliarden Euro, wir sind dagegen noch ganz weit entfernt von einer Milliarde. Da ist also noch Luft nach oben. Auch das Thema Ausland bietet Chancen. Dazu muss man aber dauerhaft Champions League spielen. Im Inlandsmarkt dagegen ist nicht mehr viel drin für uns.

Wir werden im kommenden Jahr eine Asientour einlegen. Außerdem haben wir Karl-Heinz Riedle als BVB-Botschafter verpflichtet, auch Lars Ricken engagiert sich in diesem Bereich. Beide sind in Asien durch ihre Tore im Champions-League-Finale 1997 auch heute noch enorm beliebt. Es gibt ein ganzes Bündel an Aktionen. Es gefällt den Menschen dort, dass wir uns in ihre Richtung bewegen. Die ersten Reaktionen zeigen uns das. Es war der richtige Schritt, das lässt sich jetzt schon sagen. Auch wirtschaftlich.

Definitiv, die Weltmeisterschaft hat ihren Teil dazu beigetragen. Der WM-Triumph war unbezahlbar. Es zählt schließlich schon etwas, in der Liga des Weltmeisters zu spielen. Aber das größte Lob gebührt dem FC Bayern. Sie haben – auch mit unserer Mithilfe – in den vergangenen Jahren viel für das Ansehen des deutschen Fußballs getan. Man denke nur an das Champions-League-Finale in London. Da sind der FC Bayern und wir für die ganze Bundesliga in Vorleistung getreten.

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