Harry Kane im Porträt: Tottenham-Star war Pochettino erst „zu dick“

mlzBVB-Gegner

Seine Torquote ist beängstigend für die Gegner. Tottenhams Mittelstürmer Harry Kane gehört zu den besten Stürmern der Welt. Seit er das richtige Kampfgewicht hat.

Dortmund

, 04.03.2019, 13:13 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Satzbrocken nach dem anderen verlässt den Mund von Harry Kane. Zustimmendes Nicken der englischen Kollegen. Die Kontinental-Europäer runzeln die Stirn, kneifen die Augen zusammen. Schwer verständliches Zeug, was der da redet. Wer mit Mühe bei den Interviews von Borussia Dortmunds Jadon Sancho nach bekannten oder geläufig klingenden Wörtern sucht, die sich aus dem Mund des Londoners mit seinem Cockney-Akzent so anders anhören als das, was man als Deutscher so in der Schule gelernt hat, der wird auch an Harry Kane seine Freude haben. Breiter Akzent, tief nasale Stimme, beim ersten Lauschen bleibt nur ein „pleasent evening“ hängen.

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Der Torjäger der Tottenham Hotspur hatte also einen vergnüglichen Abend erlebt damals beim 3:1 gegen Borussia Dortmund. Das folgende Rückspiel (2:1) eingerechnet, sammelte er im Herbst 2017 drei Tore und eine Vorlage in den beiden Gruppenspielen gegen den BVB. Kane, Mittelstürmer der Spurs und der Three Lions, war für die Schwarzgelben nicht zu stoppen. Im Stile eines Spielführers ergänzte er nach dem Hinspiel in den Katakomben von Wembley noch, das sei „a good team effort“ gewesen, also eine starke Mannschaftsleistung. Wenig aufregend, was der Kane da sagt. Er beeindruckt lieber auf dem Fußballplatz.

Drei Tore und eine Vorlage gelangen Harry Kane in den beiden Gruppenspielen gegen den BVB in der Saison 2017/2018. Von Dan-Axel Zagadou war er nicht zu stoppen.

Drei Tore und eine Vorlage gelangen Harry Kane in den beiden Gruppenspielen gegen den BVB in der Saison 2017/2018. Von Dan-Axel Zagadou war er nicht zu stoppen. © imago

Obwohl Harry Edward Kane, als Sohn eines Iren in Walthamstow im Nordosten Londons geboren, mit seiner Torquote und seiner Ausnahmestellung den anderen Top-Mittelstürmern der Welt in nichts nachsteht, unterscheidet ihn eines von den großen Stars der Szene. Kane, kolportierter Marktwert 150 Millionen Euro, ist ein durchweg bodenständiger Mensch geblieben. Allüren oder Extravaganzen zählen nicht zu seinen Merkmalen.

Seit der Jugend spielt Harry Kane für Tottenham

Er heiratete seine Jugendliebe Katie, die er in der Schule kennengelernt hat. Das Paar hat zwei Kinder. Anfragen von den nobelsten Adressen des Weltfußballs beschied er in den vergangenen Jahren abschlägig, verlängerte seinen Vertrag bei den Spurs gleich bis 2024. „He is one of our own“, singen die Spurs-Fans, Kane ist einer von ihnen. Zuhause ist dort, wo man ihn versteht, auch wörtlich, wo er bis auf einige Ausleihen immer gespielt hat seit der Jugend, wo er sich nicht verstellen muss.

Einmal, im vergangenen Dezember, schaffte er es auch außerhalb der Sportseiten in die Schlagzeilen der bunten englischen Gazetten: Die Queen, Elizabeth II., erhob ihn zum „Member of the British Empire“. Ritter Harry, König von Tottenham.

Harry Kanes Stärke ist seine Vielseitigkeit

Nur Englands Stürmer-Ikone Alan Shearer benötigte noch weniger Spiele für seine ersten 100 Tore in der Premier League (124 bzw. 141). Kane trifft, wie er will. Seit Jahren. In der vermeintlich besten Liga der Welt. Anfangs vor allem mit rechts. Inzwischen genauso häufig mit links. Mit dem Kopf. Im Strafraum. Mit Distanzschüssen. Nach Kontern, nach Standards. Eine seiner Stärken ist seine Vielseitigkeit, beeindruckend seine Präzision. Aufhorchen lässt dabei die Entwicklung des 25-jährigen und 1,88 Meter großen Stürmers: Er hat sich viele seiner Qualitäten im Laufe der Jahre angeeignet.

Denn bis ins Jahr 2014 ging es für Kane bei Tottenham nicht voran wie erhofft. Leihe hierhin, Leihe dorthin – aber bei den Spurs fand sich lange kein Platz für ihn. Sein erster Hotspur-Trainer berichtete von einem guten Teamspieler, der aber individuell noch einige Defizite aufwies. Sein Coach in der U21, Tim Sherwood, schilderte, Kane habe „jeden Tag trainiert, als ob es der letzte Tag wäre“. Unter Sherwood, der nach der Entlassung von André Vilas-Boas 2013 kurz in der Verantwortung stand, debütierte der Mittelstürmer dann in der Premier League.

Schwerer Stand unter Mauricio Pochettino

Doch als der neue und bis heute aktuelle Trainer Mauricio Pochettino sich Kane während der Vorbereitung im Sommer 2014 ansah, winkte der zunächst ab. Er habe ihm gesagt, er sei nicht gut genug für die erste Liga, erzählte er in einem Interview dem „Telegraph“: „Der Grund? Ich war zu dick!“

Von den überflüssigen Pfunden befreite sich Kane. Pochettino überließ ihm Spielzeiten, der Torjäger dankte es. Und seitdem versteht jeder, dass Harry Kane einer der besten Mittelstürmer der Welt ist. Auch wenn sein Englisch für deutsche Ohren gewöhnungsbedürftig klingt.

Comeback-Zeitplan deutlich überholt

Als die Spurs Mitte Januar über das Ausmaß seiner Bänderverletzung im Knöchel informierten – seiner vierten binnen zweieinhalb Jahren, nur diesmal am linken Gelenk –, gingen sie offiziell davon aus, dass Kane erst Anfang März wieder ins Training zurückkehren werde. Sein Comeback gab der Mittelstürmer aber bereits Mitte Februar.

Vier Bänderverletzungen binnen zweieinhalb Jahre: Harry Kanes Knöchel sind seine Achillesferse.

Vier Bänderverletzungen binnen zweieinhalb Jahre: Harry Kanes Knöchel sind seine Achillesferse. © imago

Überraschend: Während die Spurs ohne Kane in der Liga reihenweise Siege einfuhren, läuft es mit ihm in der Elf nicht mehr rund: Seit drei Premier-League-Spielen ist Tottenham ohne Sieg, verlor in Burnley (1:2) und Chelsea (0:2) und teilte mit Arsenal daheim die Punkte (1:1). Die Titelchance ist futsch.

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